Ausstellung in der Oberlausitz In Kirschau werden Putzlappen zu Kunst

Die Art Factory Flox in Kirschau bei Bautzen hat sich einen historischen Ort für ihre Ausstellungen ausgesucht: Einst stellte die Fabrik Friese hier Europas erste Putzlappen aus Baumwollabfällen her. Jetzt widmet sich eine Ausstellung des Kunstvereins den sonst so unscheinbaren Lappen: Putzlappen-Kunstwerke aus aller Welt sind per Post nach Kirschau gekommen und noch bis Dezember zu bewundern.

Putzlappen, Rosmary Buswell - UK
Rosmary Buswell hat "Mail Art "sehr wörtlich genommen und ihren Putzlappen für die Ausstellung als Brief gestaltet. Bildrechte: Holger Wendland

Das schöne Oberlicht gibt es noch. Früher erhellte es die sogenannte Musterstube der Textilfabrik. Heute taucht es die Exponate einer besonderen Schau in diffuses Licht. Denn es sind – tatsächlich – Scheuertücher, der einstige Exportschlager der Firma Friese, die hier als buntes Durcheinander an den Wänden hängen. In Form von Mail Art, zugesandt aus aller Welt. Wie zum Beispiel die Arbeit von Rosemary Buswell aus Großbritannien: Wenn man das sieht, ist es nur ein Briefumschlag, der mit einem Putzlappen appliziert wurde, dann wurde er übernäht, da ist gar kein weiterer Inhalt drin. Was auch eine große Rolle spielt, ist die visuelle Poesie, die man hier drauf findet und natürlich unorthodox angeordnete Briefmarken", erklärt Holger Wendland anhand eines kreuz und quer beklebten Objektes, was so ein Mail-Art-Werk ausmacht.

Putzlappen-Kunst in der alten Putzlappen-Fabrik

Holger Wendland, Kurator und Ideengeber der Putzlappen-Ausstellung «Wischen Impossible»
Holger Wendland, Kurator und Ideengeber der Putzlappen-Ausstellung Bildrechte: dpa

Bei diesem Genre wird künstlerisch gestaltete Post innerhalb eines Netzwerkes von Teilnehmenden verschickt. Gern zu einem bestimmten Thema. Holger Wendland ist selbst Mail-Art-Künstler und Initiator der Ausstellung. Als er vor einem halben Jahr zum Verein "Kunstinitiative Im Friese" kam, lernte er auch die Geschichte des Betriebes kennen, in dessen Räumen die Kunstinitiative residiert. Seit ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts stellte die Fabrik Friese Wischtücher und Decken aus Baumwollabfällen und Lumpen her, die aus aller Welt angekauft wurden. Upcycling würde man heute dazu sagen.

Als ich das gehört hab, da hab ich gedacht, da kann man doch was machen aus der Geschichte.

Holger Wendland, Initiator der Ausstellung

Eigentlich handelt es sich bei den nun präsentierten Werken auch um Upcyclingprodukte: Aus Putzlappen wurden Kunstwerke. Über 200 Arbeiten kamen zusammen. "Wischen impossible" – also Wischen unmöglich! – heißt eine davon. Die Worte, von Petra Schleifenheimer auf einen handelsüblichen Scheuerlappen gestickt und gedruckt, dürften Putzmuffel aus dem Herzen sprechen. Yonat Chameides aus Israel dagegen, hat aus blauen Spüllappen eine Plastik geformt, die man als Friedenstaube interpretieren könnte. Und aus Mexiko kamen zarte Lithografien an – Strukturen von Stoff, deren Falten feine Nuancen in Schwarz und Grau zeigen. Die Ecken der Drucke sind geknickt, ein Resultat ihrer Reise im Briefumschlag. Macht nichts. Denn Mail-Art ist vom Hochglanzgaleriebetrieb weit entfernt. Ein bisschen Trash, der Charme des Unperfekten liegen in der Natur der Sache.

Putzlappen, Petra Schleifenheimer - Bundesrepublik Deutschland
Petra Schleifenheimer hat sich diesen wunderbaren Slogan auf ihrem Putzlappen ausgedacht. Bildrechte: Holger Wendland

Kunst per Post aus aller Welt

Putzlappen, Kanu Priva - Indien
Ein kunstvoller Putzlappen aus Indien von Kanu Priva. Bildrechte: Holger Wendland

"Also das Digitale spielt heute natürlich schon eine große Rolle", sagt Wendland, der den Aufruf zur Ausstellungsbeteiligung übers Internet teilte, "obwohl es viele Klassiker gibt, die nur das Analoge vertreten, weil es ja eigentlich aus der noch analogen Welt stammt, genauso wie das Briefeschreiben." Deshalb hatte man auch mit ganz analogen Problemen zu kämpfen, wie Wendland berichtet: "In einigen Ländern ist durch Corona die Post zusammengebrochen, Argentinien zum Beispiel hat keine Post mehr, Indien verschickt auch nichts mehr hierher. Ein Brief aus Indien ist durchgekommen und dann – die Post hier im Bezirk, muss man sagen, die hat so viele Arbeiten zurückgeschickt."

Diese auf ihrer Odyssee verschollenen Werke sind als Digitaldrucke vertreten. So auch die Arbeiten von den drei iranischen Künstlerinnen Sheida Armanifar, Maryam Nematollahi und Shokoufeh Karami. Dass die drei Frauen teilgenommen haben und ihre Arbeiten neben israelischen, deutschen, türkischen und so vielen anderen internationalen Einsendungen hängen, freut Wendland sehr. Die Firma Friese exportierte ihre Scheuertücher in alle Welt. Mit der Ausstellung "Putzlappen" ist die Welt nun in die Räume unter dem Oberlicht zurückgekehrt.

Putzlappen, Sheida Armanifar - Iran
Der kunstvolle Putzlappen von Sheida Armanifar aus dem Iran Bildrechte: Holger Wendland

Mehr Informationen zur Ausstellung "Putzlappen" – eine internationale Mail Art Ausstellung
6. September bis 6. Dezember 2020

Galerie Art Factory Flox der Kunstinitiative "Im Friese" e.V.
Friesestraße 31
02681 Schirgiswalde-Kirschau

Öffnungszeiten:
sonntags 14 bis 18 Uhr
und nach Vereinbarung

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. September 2020 | 07:10 Uhr

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