Zwei Rosen stecken in einem Mauerspalt.
Die beiden Liebenden in Jana Hensels Roman "Keinland" werden von ihrer ganz unterschiedlichen deutschen Geschichte erdrückt. Bildrechte: dpa

Buch der Woche | "Keinland" "Keinland" – Jana Hensels Liebesgeschichte zweier Versehrter

Es ist kein Zusammenkommen in diesem Liebesroman, der auch der Roman zweier Versehrter ist. Die in der DDR aufgewachsene Nadja hat ihr Land an das Scheitern der sozialistischen Utopie verloren. Martin Stern, Nachkomme ermordeter deutscher Juden, hat sein Land an die Greuel der Nazis verloren. Das belletristische Debüt der Journalistin Jana Hensel: Eine feinsinnige und gelungene Probebohrung in die Geröllwüste der deutschen Geschichte.

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Zwei Rosen stecken in einem Mauerspalt.
Die beiden Liebenden in Jana Hensels Roman "Keinland" werden von ihrer ganz unterschiedlichen deutschen Geschichte erdrückt. Bildrechte: dpa

Ein Phantomschmerz ist es, der diesen Roman durchzieht, der die beiden Protagonisten umtreibt, der sie aufeinander zu und immer wieder voneinander weg zieht. Nadja, eine Journalistin Mitte 30, die in der Redaktion einer großen Zeitung arbeitet, ist ein Kind der DDR, hat erlebt, wie ein Land verschwindet und trotzdem bleibt. Das "falsche" Land nennt sie es für sich.

Eigentlich hatte ich immer geglaubt, was ich sah. Denn nur mit meinen Augen konnte ich das falsche Land noch immer finden, wenn ich es wollte. Das falsche Land war nämlich nicht von einem Tag auf den anderen verschwunden, wie alle sagten, von heute auf morgen, wie alle glaubten, auf Nimmerwiedersehen, daran wiederum glaubte ich ganz fest. Auf Gesichtern, in Gesten, in Dörfern, in anderen Augen und Büchern konnte man es noch sehen, konnte man es, wenn man es nur wollte, noch überall finden.

Aus: "Keinland" von Jana Hensel

Verschwundene und "falsche" Länder

Dieses falsche Land haftet an Nadja, bis in die Redaktionsräume hinein. Als, nun ja, Expertin soll sie für ihre Zeitung eine Reportage schreiben über Länder, in denen Mauern stehen; eben solche Mauern, die das Land begrenzen.

Sie recherchiert und stößt auf den Unternehmer Martin Stern, der in Frankfurt am Main aufgewachsen ist und nun seit langem schon in Tel Aviv lebt. Auch er hat die Heimat seiner Vorfahren verloren, denn er ist das Kind einer Familie, die in Auschwitz ums Leben kam; nur seine Eltern haben den Holocaust überlebt. In Deutschland kann er nicht mehr leben, selbst die Sprache ist ihm zuwider.

Deine Eltern hatten Auschwitz überlebt, irgendwie, du nicht.

Aus: "Keinland" von Jana Hensel

So fasst Nadja in Worte, was Martin Stern umtreibt, diesen großen schönen Mann um die 50, blauer Anzug weißes Hemd, in den sie sich schon während des ersten Telefonats verliebt. Sie fliegt nach Tel Aviv.

Martin konnte man nicht begegnen, ihn konnte man nicht treffen, wie man andere Leute traf. Mit Datum, Ort und Uhrzeit. Mit Nachrichten wie, ich bin gleich da, ich komme ein paar Minuten später, bitte warte auf mich, geh nicht weg. Er tauchte stets wie aus dem Nichts auf und verschwand wieder. Oder er tauchte aus seinem Nichts nicht auf und blieb verschwunden.

Aus: "Keinland" von Jana Hensel

Nadja weiß beim ersten Treffen in der Lobby: Sie will – seine Hände, in sein Bett, sein Leben. Erstmal kommt sie nur in sein Auto, er zeigt ihr den See Genezareth, das Land und natürlich: die Mauer. Sie reden über Meinland, Deinland, Keinland. Sie reden überhaupt viel, nur nicht über die Zukunft. Ein Jahr dauert die Beziehung, bis Nadja sich eingestehen muss: Bei aller Liebe, sie kann ihn nicht ändern, nicht binden.

Geschichte im Getriebe einer Liebe

Jana Hensel, 2010
Journalistin und Schriftstellerin Jana Hensel Bildrechte: dpa

Es ist eine Liebesgeschichte zweier Versehrter, die Jana Hensel erzählt und die sie ausstattet mit Mauern, Gebäuden, Grabsteinen, Gedenkstättenbesuchen und lauen Nächten in Tel Aviv. Zwei verschwundene Länder lassen ihren Treibsand in das Getriebe einer Liebe rieseln, und Jana Hensel versteht es, diesem stockenden Motor hinterherzuschreiben.

"Zonenkinder" hieß ihr Sachbuch, das sich mehr als 350.000 Mal verkauft hat, und das 2002 heftige Diskussionen ausgelöst hat – darüber, wie man über die DDR schreiben kann und darf. 26 war die gebürtige Leipzigerin damals, 13 war sie, als die Mauer fiel. Jana Hensel hat weitergeschrieben, als Journalistin für große deutsche Zeitungen und Zeitschriften, hat dafür etwa den Theodor Wolff-Preis bekommen. Wenn Journalisten zu Belletristen werden, lässt sich einiges erleben. Wenn sie über Liebesbeziehungen schreiben, auch das Allerschlimmste. Doch Jana Hensel umfährt alle Schlaglöcher, indem sie etwas gänzlich Unjournalistisches in ihr Schreiben implementiert: das Zaudern. Ihre Sprachfigur ist die Wiederholung, das Drehen und Wenden, das Prüfen, Zögern, das Anpassen.

Von den Nächten muss auch die Rede sein, von den Nächten muss ich unbedingt erzählen, an die Nächte muss ich mich erinnern. Eigentlich an jede einzelne. Eure Nächte sind dunkle Tage.

Aus: "Keinland" von Jana Hensel

Behutsame Erzählung über bewegende Erinnerungen

Der Roman ist nicht nur sprachlich fein gesponnen, auch die Perspektiven, die Rückblenden, die Zeiten sind behutsam und klug zu einer Erzählung geschichtet. Die Erinnerungen werden bewegt und immer wieder aufs Neue zusammengelegt, wie ein Meeressaum seine Kiesel am Rand mit jedem Anbranden neu formiert. Der Roman erzählt nicht zuletzt in aller tastender Unspektakularität von zwei der tiefsten Verletzungen in der Geschichte Deutschlands. Immer bleibt etwas. Am Ende des Romans bleibt etwas immer schwerer Wiegendes. Ein Neuland. Dessen Name hier allerdings nicht verraten werden soll.

Angaben zum Buch Jana Hensel: "Keinland. Ein Liebesroman"
196 Seiten, gebunden
Wallstein Verlag, 2017
ISBN: 978-3-8353-3067-2
20,00 Euro

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 01.08.2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. August 2017, 00:00 Uhr

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