Marion Poschmann: Die Kieferninseln
Bildrechte: dpa/Suhrkamp, September 2017

Buch der Woche | "Die Kieferninseln" Marion Poschmann liefert perfekte Poesie

In ihrem neuen Buch lässt Marion Poschmann einen erfolglosen Geisteswissenschaftler aus einem Affekt heraus gen Japan ziehen – und in einer Welt der Teetrinker und Naturverdichter, Selbstmörder und Kiefernenthusiasten landen. Ein schmaler, kunstvoll inszenierter Roman, an dessen leuchtenden Sätzen das Denken haften bleibt.

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Marion Poschmann: Die Kieferninseln
Bildrechte: dpa/Suhrkamp, September 2017

Es hätten auch Sterne sein können. Nach ihrem vor vier Jahren erschienenen Roman "Die Sonnenposition", nach ihrem Lang-Essay "Mondbetrachtung in mondloser Nacht" von 2017 hätte sich Marion Poschmann auch die Sterne vornehmen können. Doch diese Leuchtkörper sind anscheinend noch nicht dran. Es sind die Kiefern geworden, die im Titel ihres neuen Romans stehen und auf die sie ihren Protagonisten zureisen lässt.

Der Anlass für Gilbert Silvester, sich von Deutschland Richtung japanische Schwarzkiefer auf den Weg zu machen, ist denkbar skurril: Er träumt, dass seine Frau Mathilda ihn betrügt. Dieser Traum, für bare Münze genommen, lässt ihn einen handgreiflichen Krach vom Zaun brechen, seine Reisetasche packen, und innerhalb von anderthalb Seiten hat er es vom Ehebett in den Flieger nach Tokio geschafft. Was für ein furioser Beginn!

Nachdem ihn sein Traum in jenen erstbesten Langstreckenflug hat flüchten lassen, beginnt Gilbert Silvester nachzudenken, ohne jedoch seinen wunderlichen Abgang zu reflektieren. Vielmehr bemerkt er hoch über Irkutsk, dass er auf einer Flugroute über lauter Teeländer unterwegs ist: Russland, Sibirien, die Mongolei, China, Japan ...

Gilbert Silvester hatte Länder mit überdurchschnittlichem Teekonsum bisher kategorisch abgelehnt. Er reiste in Kaffeeländer, Frankreich, Italien, gefiel sich darin, nach einem Museumsbesuch in Paris einen Café au lait zu bestellen oder in Zürich nach einem Café crème zu verlangen, er mochte Wiener Kaffeehäuser und die gesamte kulturelle Tradition, die damit verbunden war. Eine Tradition der Sichtbarkeit, der Vorhandenheit, der Deutlichkeit. In Kaffeeländern lagen die Dinge offen zutage. In Teeländern spielte sich alles unter einem Schleier der Mystik ab.

Aus "Die Kieferninseln" von Marion Poschmann

Ein Bartforscher in einem Land ohne Bärte

Ein Mann der umständlich überlegten Prinzipien ist er also, dieser Protagonist, der sich im Rahmen eines Drittmittelprojektes an der Universität um die Wirkung von Bartdarstellungen im Film kümmert. Und der nun in ein Land unterwegs ist, in dem nicht nur der grüne Tee in Strömen fließt, sondern auch der Bartwuchs nicht besonders ausgeprägt ist.

Als guter Geisteswissenschaftler kauft sich Silvester gleich nach Ankunft klassische Literatur des Landes, unter anderem die berühmten Reiseaufzeichnungen des Haiku-Dichters Matsuo Basho (1644-1694), in denen jener von seiner Wanderung zu den Kieferninseln in Matsushima berichtet. Silvester kommt die Idee, diese Reise zu wiederholen – schließlich sind die Kieferninseln eine der drei schönsten klassischen Landschaften Japans, die im Ruf stehen, prädestinierte Orte fürs Dichten zu sein. Jahrhundertelang schon, so lässt sich erfahren, pilgern japanische Dichter an besonders schöne Orte, die so angenehm sind, "dass sich Gedichte gerne dort niederlassen."

Bevor aber Silvester (der im Übrigen einen steten inneren Monolog der Besserwisserei über sein teeverseuchtes Gastland hält) seine Reise zu den Bäumen beginnt, begegnet er dem Studenten Yosa Tamagotchi, den er vor der Selbsttötung rettet. Auch der trägt ein Buch in der Tasche: das "Complete Manual of Suicide" - und will sich vor einen schnöden Zug schmeißen? Ach, da findet sich ein angemessenerer Ort, lässt ihn Silvester wissen, und gemeinsam machen sich die beiden auf den Weg, auf einen hoch vergnüglichen und irre tragischen Roadtrip. Der führt sie in einen geisterhaften Selbstmörderwald, zu einem giftig dampfenden Stein, der einmal ein Fuchsgeist war, an den Fuße des Fuji und schließlich zu besagten Kieferwäldern.

Etwas Vergilbtes lag über Matsushima, etwas Unglaubwürdiges, als hätte sich sämtliches Fernweh hier versammelt und fände nun keine neue Richtung mehr.

Aus "Die Kieferninseln" von Marion Poschmann

Poetische Lakonie

Silvester versucht, den jungen ziegenbärtigen Melancholiker vom Suizid abzuhalten, der wiederum erträgt stoisch die rechthaberischen Kommentare, selbst die aus preußischem Naturell gesprochenen und somit in Japan kaum verständlichen Anweisungen: "Und jetzt, verkündete Gilbert, verfassen wir jeder ein kleines Gedicht. Yosa nickte entgeistert."

Die poetische Lakonie, mit der Marion Poschmann ihre Helden so behütet belächelt, erinnert an das erzählerische Verfahren etwa bei Saša Stanišić: Existenziell Tragisches wie den verlorenen Lebenswillen mit fröhlichem Sprachspiel zu bekleiden. Nicht ohne Grund heißt der Student mit Nachnamen Tamagotchi, nach den Kleincomputern der Neunziger, in denen Elektrotierchen durch stetes Kümmern am Leben gehalten werden mussten. Nicht ohne Grund trinkt Silvester am Ende selbstverständlich unbewusst seine tägliche Portion Grüntee, wird milde gegenüber seiner Mathilda, lernt von der fernöstlichen Naturversenkung. Japanische Geister indes versenken sich in ihn.

Marion Poschmann weiß genau um japanische Geister und Dichtung. Und deren innige Bindung an die Natur. Sie, die in diesem Jahr mit dem erstmals vergebenen Deutschen Preis für Nature Writing ausgezeichnet worden ist, hat eine Zeit in Japan gelebt, und ihre Erfahrungen mit dem Verfertigen der Naturlyrik dort haben bereits ihren gefeierten Gedichtband "Geliehene Landschaften" bestimmt.

Nun also die große Form. Und gleich einem Haiku ist in dieser schmalen, flirrenden Erzählung nichts ohne Grund, jeder Satz sitzt, und die Spannung des Romans ist auch eine kunstvoll poetologisch inszenierte: Während die Handlung schnell voran geht, stehen die Sprache, stehen Sätze jedem Tempowillen entgegen. Wer hier schnell liest, vergibt sich die Chance auf den schönsten Effekt. Verweile doch. Bei Sätzen, an denen das Denken haften bleibt und sich verwirbelt. Perfekte Poesie.

Angaben zum Buch Marion Poschmann: "Die Kieferninseln"
168 Seiten, gebunden
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42760-6
20,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. September 2017 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2017, 08:40 Uhr

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