Rezension "Leckerland ist abgebrannt": Manfred Krieners Plädoyer für eine andere Esskultur

Manfred Kriener beschäftigt sich seit vielen Jahren journalistisch mit Essen und Trinken, aber auch mit Umwelt- und Klimafragen. Unter anderem war er Gründungs-Chefredakteur des Magazins "Slow Food". In seinem neuen Buch "Leckerland ist abgebrannt" schreibt er über Ernährungslügen und den rasanten Wandel der Esskultur.

Eine Frau steht mit dem schon vollen Einkaufswagen vor einem Supermarktregal.
Es gibt viel Auswahl im Supermarkt, doch es ist nicht immer klar, wie gesund es ist. Bildrechte: Colourbox

Unser Essenstisch wird immer größer, voller und komplizierter. Vorbei die Zeiten, so Manfred Kriener in seinem Buch "Leckerland ist abgebrannt", in denen "wir uns zum Hagebuttentee ein Leberwurstbrot geschmiert haben. Heute muss es schon ein Garnelenburger mit Nektarinensalat sein, gern auch ein mit etwas Insektenprotein abgerundeter Energieriegel", dazu vielleicht ein "Longlife tea aus Minze, Ingwer, Gojibeeren und getrockneten Datteln." Wir leben im Schlaraffenland und doch – oder gerade deshalb? – hat Essen seine Selbstverständlichkeit verloren. Dafür sorgen Ernährungspyramiden, Allergien und Veggiedays einerseits und andererseits das Wissen um Barbarei in der Tierhaltung, Abholzen der Regenwälder für Futter und Überfrachtung industriell hergestellter Lebensmittel mit Zusatzstoffen und Zucker.

Je mehr Wissen, desto geringer der Appetit

Manfred Kriener
Für sein Buch hat sich Manfred Kiener auf eine tiefe Recherche begeben. Bildrechte: imago/Agentur 54 Grad

Es liegt dem Autor fern zu sagen, was man essen soll und was nicht. Viel mehr will er den Leser und die Leserin mit dem geistigen Besteck versorgen, dies nach bestem Wissen und Gewissen für sich zu entscheiden. Dafür hat Kriener umfassend recherchiert. Beispiel Fisch: "Die moderne Technik mit Tiefsee-Messgeräten, 3D-Karten vom Meeresboden und intelligenten Netzen macht es möglich, dass die Schiffe vom Netz aus gesteuert werden. Sie können sich in Regionen vorwagen, die früher tabu waren, weil Seeberge und Riffe die Netze beschädigten. Die größten haben eine Öffnung von bis zu 35.000  Quadratmetern." Groß genug, dass sechs Jumbojets im Formationsflug hindurch fliegen könnten.

Zwar wächst Lachs längst in zahllosen Aquafarmen. Wie unappetitlich es dort jedoch zugeht, ist wohl den Wenigsten bewusst. Die Enge in den Käfigen beschert ihm Läuse. Fast 400 Tonnen Antibiotika haben die Farmer dagegen im Jahr 2017 zum Einsatz gebracht. Oder hätten Sie gewusst, dass der Liebling unter den Speisefischen immer öfter mit Soja gefüttert wird – also quasi zum Vegetarier umerzogen, weil das billiger ist als Fischfutter? Leider macht das dem Raubfisch Verdauungsbeschwerden – und der Anteil der wertvollen Omega-3-Fettsäuren sinkt zudem. 

Fazit des Autors: Je mehr man über das Aquafarming wisse, desto geringer sei der Appetit. Aber er hat eine Empfehlung – der gute alte Karpfen aus der hiesigen Teichwirtschaft. Er sei pflegeleicht und fresse, was die Gewässer hergeben.

Lachsfilets
Lachs ist zwar beliebt bei Konsumenten – die Wenigsten sind sich jedoch über deren Zucht-Zustände bewusst. Bildrechte: imago/allOver

Faktenreich und pointiert

"Leckerland ist abgebrannt" ist eine Rundreise durch unseren Ernährungskosmos in zehn Kapiteln: Außer Fisch und Fleisch geht es um Vegan, Bio, Superfood, Wein und Zucker. Und genau dort, im Kapitel über den Zucker, gibt es ein überraschendes Wiedersehen mit dem P-Wort. Die Pandemie, von der hier die Rede ist, hat nichts mit Viren zu tun, sondern mit Fettpolstern und Überzuckerung. Zum Beweis führt der Autor zwei Milliarden übergewichtige Erwachsene im Jahr 2018 an – satte 39 Prozent der globalen Bevölkerung – sowie vier Millionen, die jährlich an Diabetes sterben. Zahlen, die offensichtlich niemanden in Alarmzustand versetzen. 

Faktenreich und pointiert informiert Manfred Kriener über Trends und Widersprüche in unserer Ernährungswelt. Und wartet am Ende mit einer simplen Botschaft auf: Kocht selbst, Leute. Misstraut den Fertiggerichten. Wer selbst einkauft und kocht, macht sich lebensmittelschlau, widersteht der "consumer confusion" – also einer Überforderung der Konsumenten – und entwickelt einen Blick für echte Qualität – und die gedeiht oft genug auf dem Acker ganz in der Nähe.

Angaben zum Buch Manfred Kriener:
Leckerland ist abgebrannt.
Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur
Hirzel-Verlag, 238 Seiten
ISBN: 978-3-7776-2815-8
18€

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Mai 2020 | 17:10 Uhr