Buchkritik: "Writers & Lovers" von Lily King Ein Künstlerroman, der gute Laune macht

Die 1963 geborene Lily King wuchs in Massachusetts auf, studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben und unterrichtete anschließend an verschiedenen Universitäten. In den USA wurde sie mit ihrem Roman "Euphoria" bekannt, der 2015 auch in Deutschland ein Erfolg war. Mit "Vater des Regens" folgte eine Geschichte einer vertrackten Vater-Tochter-Beziehung. Ihr neues Buch "Writers & Lovers" handelt von einer jungen Schriftstellerin und ihrem Kampf mit den Unwägbarkeiten des Lebens.

Lily King: Writers & Lovers
Lily Kings Roman "Writers & Lovers" erzählt von den Problemen einer jungen Autorin. Bildrechte: C.H. Beck

Was soll sie erst machen, wenn einmal die richtigen Probleme auf sie zukommen, später, wenn sie älter ist, fragt sich Casey Peabody. Sie ist Anfang 30. Ihre Mutter ist gerade gestorben, sie schreibt seit sechs Jahren an einem Roman, von dem sie nicht weiß, ob er etwas taugt; ihr Vermieter will sie aus ihrer schäbigen Unterkunft schmeißen, den Kellnerinnen-Job in einem Restaurant ist sie bereits losgeworden. Ihre Studienschulden kann sie kaum noch überschauen.

Mit dem Vater hat sie selten Kontakt, und wenn doch, dann höchst unerfreulichen. Ihr steht die Untersuchung eines auffälligen Knotens bevor, der bei einer gynäkologischen Untersuchung entdeckt wurde.

Ein Berg Probleme

Und dann gibt es da noch zwei Männer in ihrem Leben, Oscar, einen erfolgreichen, fast 20 Jahre älteren Autor mit zwei Kindern und den gleichaltrigen Silas, der ausgerechnet bei diesem Oscar einen Schreibworkshop besucht – beide Herren scheinen genug mit sich selber zu tun zu haben, als dass sie Casey und ihre Sorgen ernsthaft wahrnehmen würden.

Welche Probleme sollen da also für Casey noch kommen, später. Ein Therapeut, den sie auf Drängen ihres Bruders aufsucht, bringt es auf den Punkt: An was sie da laboriere, sei nicht nichts.

Aus "Writers & Lovers" von Lily King

"Von all seinen rätselhaften Äußerungen hilft diese mir am ehesten. Das ist nicht nichts."

Man könnte auch sagen: Es ist ziemlich viel. Und würde eine schlechtere Autorin ihrer Heldin all das zumuten, könnte es zu viel sein. Lily King allerdings beweist mit ihrem fünften Roman "Writers & Lovers", dass sie sich auf dem eigentlich ziemlich abgegrasten Feld des Entwicklungs- und Künstlerromans bravourös bewegt: Casey, der wir beim Erwachsenwerden ebenso zuschauen wie auf ihrem Weg zur Schriftstellerin, ist eine lebendige, facettenreiche Figur, in der sich Verzweiflung und Gewitztheit, Verlorenheit und Lebensmut auf bemerkenswerte Weise die Waage halten.

Aus "Writers & Lovers" von Lily King

"Ich schreibe nicht, weil ich glaube, ich hätte etwas zu sagen. Ich schreibe, weil sich ohne das Schreiben alles noch trostloser anfühlt."

Die Autorin lässt eigene Erfahrungen einfließen

Caseys Geschichte spielt im Jahr 1997 – der in einer Szene erwähnte Tod von Lady Di hilft bei der zeitlichen Einordnung. Die biographischen Daten von Ich-Erzählerin und Lily King stimmen also nicht überein – King wurde 1963 geboren, war 1997 also schon aus dem Gröbsten heraus. Ihr erster Roman erschien bereits 1995.

Herrlich sind die kleinen Spitzen gegen Autor-Selbstinszenierungen; die genauestens aufgedröselten Gefühle von Unsicherheit und Größenwahn, die beim Schreiben sprießen; die oftmals chauvinistischen Muster, die sich hinter der Fassade emotionaler Offenheit bei manchen Männern verbergen.

Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Auch wenn man Casey und Lily also nicht verwechseln sollte, werden doch prägende Erfahrungen, die King als junge Schriftstellerin gemacht haben dürfte, in "Writers & Lovers" eingegangen sein. Herrlich sind die kleinen Spitzen gegen Autor-Selbstinszenierungen; die genauestens aufgedröselten Gefühle von Unsicherheit und Größenwahn, die beim Schreiben sprießen; die oftmals chauvinistischen Muster, die sich hinter der Fassade emotionaler Offenheit bei manchen Männern verbergen.

Und auch das ironische, lustige Aufs-Korn-nehmen gewisser Idiosynkrasien. Einmal unterhält sich Casey bei einer Party mit einem anderen Schriftsteller – eine Mischung aus Flirt und Fluchtversuch.

Aus "Writers & Lovers" von Lily King

"Kellnerst du morgen Abend auch?", fragt er.
"Ja."
"Und übermorgen?"
"Ja. Eigentlich jeden Abend. Wieso?"
"Ich versuche, mich mit dir zu verabreden."
Aber ich kann mich nicht mit einem Mann treffen, der in drei Jahren nur elfeinhalb Seiten geschrieben hat. So etwas überträgt sich."

Am Ende wird (fast) alles gut

King meint es übrigens gut mit Casey. Sie liebt ihre Erzählerin. Weshalb sie ihr diesen melancholisch gefärbten und doch leichten, heiteren Ton verleiht. Und sie meint es gut mit uns Lesern. Das ganze Arsenal an Problemen löst sich am Ende zwar nicht ganz in Luft auf, aber doch annähernd. Das ist nicht nichts. Es ist ein Anfang.

Auch wir Leser, die wir über mehr als 300 Seiten Casey Peabody bei ihrem stolpernden Gang durchs Leben zugeschaut haben, sind am Ende froh, dass sie ein paar Hürden genommen hat. Und ihre Träume nicht einfach begräbt oder nur mehr einem Analytiker anvertraut. Sie hat etwas vor im Leben. Darüber zu lesen, macht gute Laune.

Angaben zum Buch Lily King: "Writers & Lovers"
Roman
Aus dem Englischen von Sabine Roth
C.H. Beck
320 Seiten
24 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Juli 2020 | 07:10 Uhr