Die US amerikanische Schriftstellerin Nell Zink.
Die US-amerikanische Schriftstellerin Nell Zink. Bildrechte: IMAGO

Rezension Wie Nell Zink in "Virginia" den College-Roman neu erfindet

Wenn wir es mit einem neuen amerikanischen Roman zu haben, fällt oft der Name Jonathan Franzen – als Referenzpunkt. Nell Zink hat ganz direkt mit ihm zu tun, denn er hat sie erst ermutigt, überhaupt zu veröffentlichen. Ihr Debüt "Der Mauerläufer" schaffte es 2014 auf die Liste der hundert bemerkenswertesten Bücher in der "New York Times" und fand auch in Deutschland seine Leser. Jetzt können wir ihr zweites Buch lesen, mit "Virginia" feierte Nell Zink in den USA ihren Durchbruch.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR

Die US amerikanische Schriftstellerin Nell Zink.
Die US-amerikanische Schriftstellerin Nell Zink. Bildrechte: IMAGO

Stillwater ist ein Mädchencollege in der Nähe von Petersburg und ein Mekka für Lesben. Peggy Vallaincourt ist lesbisch. Sie wurde 1948 in der Nähe von Richmond, Virginia, geboren und wollte immer schon in Stillwater studieren. Der Star in Stillwater ist Lee Fleming, ein schwuler Dichter aus gutem Hause – dessen Ruf er in den Schmutz zieht – meint zumindest seine Familie.

Lee meinte es ernst mit der Dichtung ... ... Er glaubte, dass alle für sie wichtigen Dinge in den Sechzigern in Amerika stattfanden. Er war davon überzeugt und konnte es erklären. John Ashbery, Howard Nemerov und sein Favorit: Robert Penn Warren. Dann die Beats. Er hatte sie alle in New York kennengelernt, und sie alle hatten eine Schwäche für attraktive Südstaatler, die Ländereien besaßen."
(Aus: "Virginia" von Nell Zink)

Peggy verliebt sich in ihren Poetry-Professor Lee Fleming. Im Original heißt der Roman "Mislaid" – also verlegt, aber wenn man es auf to get laid bezieht, also mit jemandem Sex haben, dann wäre Mislaid der Sex, der fälschlicherweise passiert.

Sie war androgyn wie die Jungen, die er mochte, ... aber nun fing er an zu überlegen, ob er wirklich Jungs mochte oder nur die falschen Mädchen kennengelernt hatte. Peggy fühlte sich von Gottes Hand gehalten. Nicht, weil er ein berühmter Dichter war und der angesehenste Lehrer am College, sondern weil er ein Mann war, und dazu ein körperlich kräftiger. In all ihren Phantasien war sie der Mann gewesen, der irgendeine flehende Liebhaberin beglücken musste. Aber jetzt war jemand freiwillig bereit, ihre Wünsche zu bedienen. Das hatte sie nicht erwartet, niemals."
(Aus: "Virginia" von Nell Zink)

Angelehnt an die großen College-Romane, aber voll unbändigem Humor 

Nell Zink: "Virginia"
Bildrechte: Rowohlt Verlag

Wer die großen College-Romane von Tom Wolfe, Jeffrey Eugenides oder Donna Tartt liebt, fühlt sich in diesem Text gleich zuhause, und doch geht Nell Zink einen Schritt weiter. Mit unbändigem Humor und analytischer Fähigkeit durchleuchtet sie die Figuren sofort bis auf die Knochen. Zink schreibt ökonomisch, kommt schnell zum Punkt.

Peggy und Lee heiraten und bekommen Sohn Byrdie und Tochter Mickie, und die Beziehung stellt sich als Irrtum heraus.

"Er hatte nicht damit gerechnet, jemals zu heiraten ... ... aber er fühlte sich der Aufgabe gewachsen. Der Gedanke an eine Vaterschaft überraschte ihn angenehm. Und als Mann ging er nicht davon aus, dass unangenehme Pflichten auf ihn zukämen. Er würde dafür zuständig sein, das Kind in der Kunst des Gesprächs zu unterrichten, wenn es erst einmal im Teenageralter war."
(Aus: "Virginia" von Nell Zink)

Lee betrügt Peggy, wo er kann, und Peggy hat keine Lust, die betrogene Professoren-Gattin zu spielen, und flieht, weil das Leben mit Lee so trostlos ist. Sie fährt mit Tochter Mickie nach Virginia und verwischt ihre Spuren, denn Lee lässt sie mit Haftbefehl suchen: Sie besorgt Mickie die Geburtsurkunde des gestorbenen schwarzen Mädchens Karen Brown und somit eine neue Identität. Byrdie verweigert die Flucht, bleibt bei Lee und wird von babysittenden Studentinnen wie ein Staffelstab weiter gegeben.

Nachdenken über Rasse, Klasse und Geschlecht

"Im nächsten Jahr war Karen blond ... ... vier Jahre alt und ging auf die fünf zu. Trotzdem war es kinderleicht, sie als schwarze Sechsjährige für die erste Klasse anzumelden. Vielleicht muss man aus dem Süden stammen, um zu begreifen, was blonde Schwarze sind. Virginia war besiedelt, bevor die Sklaverei begann, und es war bunt."
(Aus: "Virginia" von Nell Zink)

Und so sind Peggy und Mickie aka Karen also schwarz und mittellos und lernen ein Leben kennen, das mit Stillwater und Dichtung nichts mehr zu tun hat. Nell Zink diskutiert Rasse, Klasse und Geschlecht mit einem ganz eigenen Ton – provokativ, polarisierend, manchmal polternd. Die Übersetzung von Michael Kellner trifft genau den Ton.

Man hält den Atem an bei dieser Lektüre, lacht sich schlapp und ist manchmal nur gerührt und den Tränen nahe. Und das Ende ist absolut überraschend!

Nell Zink: "Virginia" 4 min
Bildrechte: Rowohlt Verlag

MDR KULTUR - Das Radio Di 16.04.2019 07:40Uhr 04:13 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nell Zink: "Virginia" 4 min
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Angaben zum Buch Nell Zink: Virginia
Aus dem Englischen von Michael Kellner
Rowohlt,  318 Seiten
9783498076726

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. April 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 04:00 Uhr

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