Sigrid Damm
Bisher hat Sigrid Damm vor allem als Weimarer Klassik-Expertin von sich Reden gemacht. Jetzt hat die 77-Jährige in ihrer eigenen Familiengeschichte gegraben. Bildrechte: IMAGO

Buchempfehlung: "Im Kreis treibt die Zeit" Sigrid Damm auf Spurensuche in der eigenen Vergangenheit

Als kluge Chronistin und Biografin der Weimarer Klassik hat sich die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Sigrid Damm einen Namen gemacht und das vor allem, weil sie uns das Umfeld der großen Dichter nahebrachte. So schrieb sie nicht nur über Friedrich Schiller oder Johann Wolfgang von Goethe, sondern über Goethes Schwester Cornelia, über dessen Ehefrau Christiane oder auch über Goethes Freunde in Gotha und Weimar. Vermutlich konnte Sigrid Damm so anschaulich schreiben, weil sie selbst aus der Gegend kommt. 1940 wurde sie in Gotha geboren und hat nun ein sehr persönliches Buch über ihre Heimatstadt geschrieben: "Im Kreis treibt die Zeit".

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Sigrid Damm
Bisher hat Sigrid Damm vor allem als Weimarer Klassik-Expertin von sich Reden gemacht. Jetzt hat die 77-Jährige in ihrer eigenen Familiengeschichte gegraben. Bildrechte: IMAGO

Einen Satz hat Sigrid Damm in ihrem Buch in Klammern gesetzt, so als ob er nicht wichtig wäre. Dabei ist es wohl der entscheidende Satz dieses Buches: "Die Beschäftigung der Kinder mit dem Leben der Eltern findet immer erst statt, wenn keine Fragen mehr möglich sind." Denn so ist es der Autorin ergangen, erst Jahrzehnte nach dem Tod ihrer Eltern war sie in der Lage, deren Leben nachzuspüren und sich damit zugleich der eigenen Herkunft zu nähern. Eine Herkunft, die eng an die Stadt Gotha geknüpft ist, wo Damm 1940 geboren wurde.

Die eigene Familiengeschichte im Fokus

Früh war Sigrid Damm aus Gotha geflüchtet, hatte sich nach dem Studium in Jena in Berlin eingerichtet und war nur gelegentlich zurückgekehrt, zu den obligatorischen Besuchen bei den Eltern. Ein glückliches Paar waren Mutter und Vater wohl eher nicht, schon als Kind richtet sich Damm mit dem Gedanken ein, dass eine Scheidung für alle Beteiligten die bessere Wahl gewesen wäre. So hatte sie es jedenfalls vom geliebten Großvater aufgeschnappt, der meinte, der Schwiegersohn tauge nichts, und auch die Mutter hatte ein Leben lang alles dafür getan, dieses Bild aufrechtzuerhalten. Erst nach deren Tod Anfang der 1990er-Jahre bricht das Bild auf, kommen sich Vater und Tochter unerwartet nahe und stellen sich bei Sigrid Damm Zweifel ein, ob wirklich immer alles so war, wie es schien.

Geschichte im Brennglas

Sigrid Damm: "Im Kreis treibt die Zeit"
Sigrid Damm: "Im Kreis treibt die Zeit"
Erschienen im Suhrkamp Verlag, 278 Seiten
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Als schließlich auch der Vater stirbt, ist für Damm das Thema Heimat und Herkunft zunächst abgeschlossen. Lange reist sie nicht mehr nach Gotha und erst die Einladung zu einer Lesung wird zum Auslöser einer späten Erkundung. Selbst bereits über 70 Jahre alt, beginnt Damm, Gotha neu zu entdecken und begibt sich zugleich auf die Spuren des Vaters, an dessen Hand sie als Kind durch die selben Straßen gelaufen war. Erinnerungen werden wach, früh gespeicherte Bilder werden lebendig. Wie in einem Brennglas bündelt sich im Leben des 1903 geborenen Vaters die so wechselvolle wie tragische deutsche Geschichte von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus und 40 Jahre DDR bis ins wiedervereinigte Deutschland.

So erfahren wir beispielsweise, dass Damms Vater als junger Mann in einem jüdischen Bankhaus angestellt war, dass er erst mit den Nationalsozialisten haderte und später mit den Verhältnissen in der DDR. Wir erfahren auch, wie Sigrid Damms Eltern jeder für sich ganz andere Lebens- und Liebespläne hatte, sich beide aber irgendwie arrangierten und aneinander litten. Und wir erfahren auch, wie die Stadt Gotha sich im Laufe der Jahrzehnte veränderte, von der Residenz- zur Kreisstadt wurde und wie ein mutiger Bürgermeister die Stadt 1945 vor der Bombardierung rettet, nur um danach selbst als Verräter erschossen zu werden.

Berührendes zeitgeschichtliches Panorama

Einmal mehr wird mit diesem Buch klar, wie sehr menschliche Schicksale von Geschichte bestimmt werden. Dennoch sticht "Im Kreis treibt die Zeit" aus der Vielzahl der Veröffentlichungen heraus.

Der historisch geübte Blick und eine literarisch geschulte Sprache, die man aus Sigrid Damms Büchern kennt, machen auch hier den Tonfall aus, der über die bloße Chronik hinausweist.

Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Weil Sigrid Damm ihre zum Teil recht tragische Familiengeschichte mit der wechselvollen Biografie der Stadt Gotha verknüpft, wird "Im Kreis treibt die Zeit" zu einem zeitgeschichtlichen Panorama des 20. Jahrhunderts. Dass die kleine private Welt immer wieder vom großen Weltgeschehen eingeholt wird, ist sicher nicht neu. Doch so klug und sensibel wie es Damm hier beschreibt, wird die Lektüre zu einer Erfahrung, die zugleich bestürzt und berührt.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 04. April 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. April 2018, 00:00 Uhr

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