Die Ex-Super Nanny und Dipl. Pädagogin Katharina Saalfrank.
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Buchtipp: "Kindheit ohne Strafen" Katharina Saalfrank: Kinder brauchen keine Machtkämpfe mit den Eltern

Als Super-Nanny wurde Katharina Saalfrank deutschlandweit bekannt, ihre Bücher sind jedoch ernstzunehmende Wortmeldungen. Aktuell schreibt sie über den wertschätzenden Umgang mit Kindern, der Strafen überflüssig macht.

von Regine Schneider, MDR KULTUR-Bildungsredakteurin

Die Ex-Super Nanny und Dipl. Pädagogin Katharina Saalfrank.
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Viele kennen Katharina Saalfrank vielleicht noch als die "Super Nanny". Auf RTL half sie Eltern bei Erziehungsfragen. Was weniger bekannt ist, sie hat in Berlin eine pädagogisch-psychologische Praxis für Kinder und Familien. Außerdem ist sie Musiktherapeutin, arbeitet nach dem bindungs- und beziehungsorientierten Ansatz und vertritt einen kooperativen Erziehungsstil. Dass das aufgeht und sie damit Eltern und Kinder bestärkt, dafür ist ihre eigene Familie mit vier Söhnen ein Beispiel. 

In ihrem neuen Buch "Kindheit ohne Strafen" erfährt der Leser, dass es eine große Unsicherheit gibt: Eltern wollen, dass ihre Kinder gesellschaftsfähige Menschen werden. Viele Mütter und Väter leiten daraus ab, jenes Verhalten der Kinder, das sie nicht gut heißen, müsse bestraft werden. Hieraus erwächst dann all das, was viele Eltern kennen: Dinge werden dreimal gesagt, es wird belehrt, gedroht, es werden Machtkämpfe ausgetragen und es fallen Sätze wie: "Wenn Du nicht das tust oder damit aufhörst, dann ..." - das muss alles nicht sein, schreibt Katharina Saalfrank.

Darum geht es: Brauchen Kinder klare Ansagen und Grenzen?

Natürlich brauchen kleine Kinder klare Ansagen und auch Grenzen, nur kommt es auf die Qualität der Erziehung an. Bei Katharina Saalfrank lesen wir von der wertschätzenden Führung, bei der die Bedürfnisse des Kindes berücksichtigenden werden. Auf den über 200 Seiten des Buches erläutert sie im Detail und anhand von Beispielen, wie Eltern die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder erkennen und anerkennen - und Konflikte konstruktiv und wertschätzend lösen können.

Ein kleiner Junge sieht durch zwei Lupen
Kinder haben ihre eigene Sicht auf die Welt Bildrechte: IMAGO

Ihr Ausgangspunkt lautet: Kinder sind Teamwesen, wollen mit den Eltern kooperieren und ihnen Gefallen tun. Falls sie das eben nicht machen, dann: Weil sie es nicht können, überfordert sind oder ihr emotionales und kognitives Nervensystem noch nicht weit genug entwickelt ist. Saalfrank beschreibt, wie Eltern anstatt zu drohen mit ihren Kindern reden können. So kann ein Blick hinter das Verhalten gelingen: Warum ärgert er die Schwester? Welches unbefriedigte Bedürfnis bis hin zur seelischen Notlage steckt dahinter?

Keine Antwort auf Helikopter-Eltern und Selbstentscheider-Kinder

Das bedeute aber nicht, dass Eltern das Verhalten ihrer Kinder damit akzeptieren müssen. Saalfrank schreibt, dass Eltern ihre Kinder verstehen lernen und so eine stärkere Verbindung aufbauen können. Insofern hat ihr Buch einen höheren Anspruch, als bloß ein die Zeitströmung aufnehmender Erziehungsratgeber zu sein.

Katharina Saalfrank: Buchtitel
Katharina Saalfrank: "Kindheit ohne Strafen" Bildrechte: Beltz Verlag

In den verschiedenen Epochen und Generationen wurde das Kind sehr unterschiedlich wahrgenommen. Aber in den Überlegungen und Anregungen von Saalfrank steckt mehr als das gerade vorherrschende Bild vom Kind. Ihr geht es um Grundlegenderes: Was der Soziologe Hartmut Rosa "Resonanz" nennt und der Schweizer Kinderarzt Remo Largo "Respekt", heißt bei Saalfrank "Bindung" und "Beziehung". Sie nimmt  neueste Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie auf, setzt auf detailliertere Ergebnisse der Hirnforschung und erklärt damit, was zum Beispiel Strafen oder Belohnungen beim Kind bewirken. Das ist gewinnbringend zu lesen, selbst noch für die Großeltern.

Ein Blick in den Eltern-Spiegel

Die herausfordernde Beziehungsarbeit Saalfranks hat einen wunderbaren Effekt: Die engere Verbundenheit zum Kind, in Kontakt zu sein und Vertrauen haben zu können. Eltern können erleben, wie ein Mensch aufblüht, wenn er bestärkt wird und nicht kleingehalten oder gedemütigt - was durch Bestrafen schnell passiert.

Auch die Lektüre des Buches ist einer Herausforderung: Wir die Erwachsenen werden konfrontiert mit unserem Ärger und der Wut, die kommt, wenn Kinder nicht hören wollen. Denn jeder hat solche Situationen wohl schon erlebt: Stress mit den Kindern, Ausraster, laut zu werden, zu drohen ... Momente, an die sich oft Scham anschließt. Bestimmen zu wollen, ohne den Kindern zuzuhören - mit einer großen Offenheit und Empathie schreibt Katharina Saalfrank darüber. Sie spricht ihre Leser einfühlsam an, entlastet sie ein Stück, weil ihr diese Mechanismen gut bekannt sind - und weil sie Alternativen anbieten kann.

Für wen ist das Buch?

Saalfranks Buch ist eine Empfehlung für (werdende) Mütter und Väter, richtet sich an Lehrerinnen und Lehrer. Oft wird gefragt: Warum ist so wenig Wertschätzung im Miteinander? Es ist eine gesellschaftliche Frage, deren Antwort bis auf die Erziehung des Einzelnen zurückgeführt werden kann. Um dort anzusetzen, braucht es mehr als nur einen veränderten Erziehungsstil, der sich ja nach Mode verändern kann. Es geht um etwas viel Grundlegenderes. Auf dem Weg zum gesellschaftsfähigen Menschen leistet "Kindheit ohne Strafen" einen wichtigen Beitrag.

Angaben zum Buch Katharina Saalfrank: "Kindheit ohne Strafen"
264 Seiten, gebunden
ISBN:978-3-407-86488-8
Beltz Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 13. Dezember 2017 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2017, 08:00 Uhr

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