Christa Wolf und Sarah Kirsch
Christa Wolf (1929 – 2011) und Sarah Kirsch (1935 – 2013) verband eine langjährige Freundschaft. Bildrechte: Collage: dpa/dpa

Briefwechsel "Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt" Christa Wolf und Sarah Kirsch: Intime Einblicke in die DDR-Literaturszene

Christa Wolf und Sarah Kirsch gehören zu den großen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Die beiden unterschiedlichen Frauen verband eine jahrzehntelange Freundschaft, die sich auch in ihren Briefen spiegelt. Diese wurden nun von Sabine Wolf, Leiterin des Literaturarchivs in der Berliner Akademie der Künste, in einem Band mit dem Titel "Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt" herausgegeben. Er erzählt nicht nur die Geschichte einer manchmal komplizierten Freundschaft, sondern gibt auch intime Einblicke in die literarische Szene der DDR – samt Klatsch und Tratsch.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Christa Wolf und Sarah Kirsch
Christa Wolf (1929 – 2011) und Sarah Kirsch (1935 – 2013) verband eine langjährige Freundschaft. Bildrechte: Collage: dpa/dpa

Die Freundschaft zwischen Christa Wolf und Sarah Kirsch beginnt Anfang der 60er-Jahre. Wolfs Mann Gerhard betreut seinerzeit im Bezirk Halle den Arbeitskreis Junger Autoren, dem Sarah und Rainer Kirsch angehören. So lernt Christa Wolf die sechs Jahre jüngere Lyrikerin kennen. Und so entsteht ein Briefwechsel, der sich über dreißig Jahre erstreckt, in den immer wieder Gerhard Wolf eingebunden ist und durch den verschiedene Phasen im Leben und Werk der beiden Schriftstellerinnen abgebildet sind.

Sarah Kirsch, Christa Wolf: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt. Der Briefwechsel 5 min
Bildrechte: Suhrkamp

MDR KULTUR - Das Radio Mi 06.11.2019 07:10Uhr 04:35 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sarah Kirsch, Christa Wolf: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt. Der Briefwechsel 5 min
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Auch das Politische spielt von Anfang an eine Rolle. So wird Sarah Kirschs frühes Gedicht "Quergestreiftes" von Kulturfunktionären attackiert, weil es Sympathien für das Nicht-Konforme, das Widerständige kundtut. Ein Rechtfertigungsartikel Kirschs erscheint in der SED-Zeitung "Freiheit", allerdings gekürzt um wesentliche Passagen. Christa Wolf reagiert darauf mit beschwichtigenden Worten.

Wir können das bedauern, aber wir müssen damit rechnen und dafür sorgen, dass wir völlig eindeutig sind, dass es gar keinen Zweifel geben kann, wofür eine Sache steht, dass wir auch in der Thematik genau überlegen, was man veröffentlichen soll.

Christa Wolf, 13.01.1963

Wie umgehen mit staatlichen Zwängen?

Christa Wolf lernt zu dieser Zeit ebenfalls zum ersten Mal die doktrinären Maßregelungen der DDR-Kulturpolitik kennen, nachdem ihr Roman "Der geteilte Himmel" in Fortsetzungen erschienen war. Wie man – gerade die ersten literarischen Schritte gehend – eine Balance herstellen kann zwischen dem eigenen Ausdruckswillen und den Ansprüchen der sozialistischen Kulturauffassung, das spielt in den zwischen den beiden Literaturpaaren hin- und herwandernden Briefen in den 60er-Jahren eine wichtige Rolle. Und das Politische wird auch in den folgenden drei Jahrzehnten direkt oder als Subtext immer präsent sein.

Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf, aufgenommen am 26. Januar 1978.
Christa Wolf, 1978 Bildrechte: dpa

Christa Wolf will trotz aller Widrigkeiten an den Sozialismus glauben, Sarah Kirsch hat jede Hoffnung längst aufgegeben. Inhaltliche Auseinandersetzungen mit einzelnen Texten, an denen die beiden Autorinnen gerade arbeiten, finden kaum statt; sich mit der Lyrik Sarah Kirschs zu beschäftigen, bleibt Gerhard Wolf vorbehalten, dessen Schreiben deshalb in den von Sabine Wolf herausgegebenen Briefwechsel mitaufgenommen sind. Hingegen nehmen die privaten Turbulenzen und Liebesgeschichten Sarah Kirschs Ende der 60er-Jahre nach der Trennung von ihrem Mann Rainer zu. Und die einer Achterbahnfahrt gleichende Liaison mit dem Schriftsteller Karl Mickel, mit dem sie einen Sohn hat, beansprucht samt aller damit verbundenen Alltagsprobleme großen Raum.

Liebe Wölfe,
(…) Es ist alles ziemlich beschissen außer Moritz. Am Sonnabend mit Charlie telefoniert, er sagte, er kaufe mir ein Rad mit Schaltung wenn sein Konto wieder fett sei. Da dachte ich, alles sei OK oder doch fast. Am Montag rief er mich an, dann ich ihn noch mal, war verabredet, da war er barsch, wahrscheinlich fühlte er sich wieder auf die Füße getreten. Er war bei einem Freunde, ich ging hin, da sagte er, es sei aus. Wir schrien ein bisschen, dann gaben wir uns ein Pfötchen und fuhren in meine Weinertstraße.

Sarah Kirsch, Frühsommer 1970

In unterschiedlichen Welten angekommen

Ein Schwarz-Weiß-Bild des Fotografen Roger Melis, das die Lyrikerin Sarah Kirsch zeigt.
Sarah Kirsch kurz vor ihrer Ausreise Bildrechte: Dehli News

Die Beziehung zwischen Wolf und Kirsch wandelt sich im Laufe der Zeit. Man bemerkt eine durch die persönlichen Begegnungen große emotionale Nähe. Aber auch eine Fragilität: Nachdem Sarah Kirsch die DDR 1977 verlässt, werden die Treffen seltener. Die Briefe versuchen, Untiefen zu umschiffen. Sarah Kirsch, auf dem Land in Schleswig-Holstein angekommen, idealisiert das Leben in der Natur, wirbt für Rückzug. Christa Wolf rät sie immer wieder zu, sich von Berlin fernzuhalten. Beide lassen sich auf diese Ebene des Privaten, der Fürsorge und der Naturbeschreibungen ein.

Es kommt zum Bruch

Mit der Wende jedoch werden die Gegensätze unüberbrückbar. Der Literaturstreit um Christa Wolfs "Was bleibt" entbrennt. Sarah Kirsch kann kein ermunterndes Wort an die Freundin richten – zu fremd sind ihr deren Ansichten, ihr Leben in dieser Zeit des Umbruchs.

Hoffentlich kannste die Politik auch mal wieder dahin rücken wo sie hingehört, dies wünsche ich sehr doch von Herzen, sonst ist es kaum möglich zu schreiben.

Sarah Kirsch

Damit endet im Dezember 1990 der Briefwechsel, der hervorragend kommentiert ist und der nicht nur von einer wachsenden und dann scheiternden Freundschaft erzählt, sondern auch DDR-Literaturgeschichte enthält. Die beiden großen Schriftstellerinnen jedenfalls werden bis zu ihrem Tod nicht mehr zueinanderfinden.

Sarah Kirsch, Christa Wolf: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt. Der Briefwechsel
Cover des Buches "Der Briefwechsel" Bildrechte: Suhrkamp

Informationen zum Buch Sarah Kirsch, Christa Wolf:
"Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt. Der Briefwechsel"

Herausgegeben von Sabine Wolf unter Mitarbeit von Heiner Wolf

Suhrkamp Verlag
Gebunden, 456 Seiten
ISBN: 978-3-518-42886-3

Terminhinweis:
Lesung mit Sabine Wolf in Erfurt
21.11.2019, 19:30 Uhr, Kultur:Haus Dacheröden

30 Jahre Friedliche Revolution

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 06. November 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2019, 04:00 Uhr

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