Uniformierte Männer
Eine gefundene Uniform verleiht dem jungen Wehrmachtssoldaten Macht – das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Bildrechte: Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

Filmkritik "Der Hauptmann" – Eine Uniform öffnet menschliche Abgründe

Es klingt nach einer unglaublichen Geschichte, aber sie hat sich wirklich so zugetragen: Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, inmitten des Endkampf-Chaos, findet ein versprengter Wehrmachtssoldat hinter der Front eine Hauptmanns-Uniform und gibt sich fortan als dieser Hauptmann aus. Ein Hochstapler, wie sein berühmter Vorgänger aus Köpenick, nur mit dramatischeren Konsequenzen. Jetzt erzählt der sehr bemerkenswerte Spielfilm "Der Hauptmann" seine Geschichte.

von Tim Evers, MDR KULTUR-Filmkritiker

Uniformierte Männer
Eine gefundene Uniform verleiht dem jungen Wehrmachtssoldaten Macht – das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Bildrechte: Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

Am Anfang ist da nur ein Junge, der um sein Leben rennt. Deutschland im April 1945, irgendwo hinter der Front. Vielleicht ist er desertiert, vielleicht hat er auch nur etwas zu Essen geklaut. Jetzt ist er Freiwild, gejagt von den eigenen Leuten. Bis er ein verlassenes Auto entdeckt. Und darin seine Rettung: Eine Uniform. Von nun an wird er sich als hochdekorierter Hauptmann der Luftwaffe durchschlagen – und eine abgründige "Köpenickiade" nimmt ihren Lauf.

Der Film "Der Hauptmann" beruht auf einer wahren Geschichte: Der Soldat hieß Willi Herold. Ein 19-jähriger Schornsteinfegerlehrling aus Lunzenau bei Chemnitz, eigentlich viel zu jung, um Hauptmann zu sein.

Robert Schwentke
Regisseur Robert Schwentke Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es hat geholfen, dass es die letzten zwei Kriegswochen waren, wo Not am Mann war und alle möglichen Leute befördert wurden, aber natürlich hat es auch etwas mit der Uniform selbst zu tun. Die Uniform verleiht ihm Sicherheit, er kann sich dahinter verstecken.

Robert Schwentke, Regisseur

Die Versuchung der Macht

Nun gibt es in diesen letzten Kriegstagen einige wie ihn. Und so hat dieser falsche Hauptmann schon bald einen Trupp von Untergebenen und den selbsterdachten Auftrag, die "Lage hinter der Front" zu erkunden. Meisterhaft versteht dieser Film die Balance zu halten, zwischen Groteske und Drama. Es geht Regisseur Robert Schwentke weniger um die Uniform, als um das, was sie umhüllt: Was macht einen Menschen aus? Und was passiert, wenn er plötzlich die Macht hat, zu töten? Max Hubacher spielt diesen Willi Herold zwischen jugendlicher Unschuld und eiskalter Härte.

Der geht immer eins weiter; jedes Mal, wenn die Autorität wieder in Frage gestellt wird, geht er eins weiter mit der Brutalität, der Willi Herold, um wieder ein Exempel zu statuieren und sich unantastbar zu machen.

Max Hubacher, Schauspieler

Der falsche Hauptmann spielt um sein Leben. Und wer ihm zuschaut, wünscht ihm lange, dass er dieses Spiel gewinnt. So lenkt dieser Film seine Fragen geschickt auf uns: Wie weit wären wir (mit-)gegangen? Was hätten wir getan? Dieser Hauptmann kann seine Umgebung nur täuschen, weil sie getäuscht werden will. Weil seine Uniform Schutz bietet, weil man ihm die Verantwortung zuschieben kann.

Der Gejagte wird zum Mörder

Seine Odyssee führt ihn in ein überfülltes Kriegsgefangenenlager, dessen Wachmänner dringend "Ordnung schaffen" wollen. Ein Hauptmann mit Vollmacht vom Führer kommt da wie gerufen. Und so wird der Trupp Herold endgültig zum Mordkommando.

Für ihn war es Cowboy und Indianer mit scharfer Munition. Diese Tragödie fand deshalb statt, weil alle mitgemacht haben und keiner gesagt hat 'Stopp'. Selbst wenn sie gewusst haben, dass er kein Hauptmann ist, haben sie mitgemacht – sie konnten ihn ja genauso benutzen, wie er sie benutzt hat.

Robert Schwentke, Regisseur
Uniformierte Männer
Mit eiskalter Härte wird der junge Willi Herold zum Massenmörder. Bildrechte: Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

Kleider machen Leute, heißt es. Hier legt die Uniform den Abgrund eines Menschen frei. Im nüchternen Schwarz-Weiß dieses herausragenden Films treten die Mechanismen, die Menschen zu Mördern werden lassen, umso stärker hervor. "Der Hauptmann" ist mehr als eine Parabel über das Funktionieren im Vernichtungskrieg. Er handelt davon, was passiert, wenn da nichts ist, was einem Menschen Einhalt gebietet. Keine Moral, keine Regeln, kein anderer. Regisseur Schwentke geht es im Film genauso um die Gegenwart wie die Vergangenheit.

Wir Menschen haben einfach eine unfassbare Fähigkeit einander Unrecht zuzufügen. Die Membran zwischen Chaos und Zivilisation ist extrem dünn. Und ich glaube, es ist sehr gefährlich, wenn man sich dessen nicht bewusst ist.

Robert Schwentke, Regisseur

Der echte Willi Herold wurde kurz nach dem Krieg von britischen Militärs aufgegriffen und vor Gericht gestellt. Als er wegen des Mordes an 125 Menschen hingerichtet wurde, war er gerade 21 Jahre alt.

Informationen zum Film "Der Hauptmann" Regie und Drehbuch: Robert Schwentke
Mit Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau u. a.
Produktionsland: Deutschland, Polen
Genre: Historienfilm
Ab 15. März 2018 im Kino

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 08. März 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. März 2018, 00:00 Uhr

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