Der amerikanische Musiker Father John Misty spielt Gitarre und steht hinter einem Mikrofon.
Gerade mal ein Jahr liegt zwischen der Veröffentlichung von "Pure Comedy" und "God’s favorite customer". Bildrechte: IMAGO

Album: "God’s Favorite Customer" Father John Mistys musikalische Tragödienreise

Josh Tillman war mal Trommler bei den Fleet Foxes und nennt sich als Solist Father John Misty. Sein drittes Album "Pure Comedy" sorgte 2017 für Elogen ohne Ende, als Album des Jahrzehnts wurde es gefeiert. Nun kommt - schon ein Jahr später - der Nachfolger "God’s Favorite Customer" heraus.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Musikkritiker

Der amerikanische Musiker Father John Misty spielt Gitarre und steht hinter einem Mikrofon.
Gerade mal ein Jahr liegt zwischen der Veröffentlichung von "Pure Comedy" und "God’s favorite customer". Bildrechte: IMAGO

Jetzt, so glaubt man, dreht er völlig ab, dieser Father John Misty. Singt von sich als Mr. Tillman, der, als er in ein Hotel eincheckt, vorsichtig darauf hingewiesen wird, dass noch ein paar Kosten ausstehen. Dazu hat er auch noch seinen Pass in der Minibar vergessen und falls er einen Fahrer nach Philly braucht, stehe Jason Isbell bereit, der sich ein wenig um ihn sorgt.

Inspiration bei Elton John

"Was ist passiert, Mr.Tillman?" möchte man den Father fragen. Und was soll das mit Jason Isbell? Isbell ist vielen als Musiker bekannt, der zunächst bei den Drive-By Truckers spielte und zuletzt ein paar gefeierte Solo-Alben vorlegte. Dazu singt Father John Misty wie John Lennon, der versucht, einen Elton-John-Song aufzunehmen. Und plötzlich ahnt man es: Josh Tillman aka Father John Misty ist bei seinem beständigen Wechsel der Metaebenen auf Elton Johns 1975er Wolke gelandet. Die hieß "Captain Fantastic & the Brown Dirt Cowboy". Darauf finden sich exakt die Themen, die auf "God’s Favorite Customer" variiert werden: Liebe, Tod, Sprachverwirrung und Turm zu Babel, Selbstmord und letzte Vorhänge.

Weiterführung von "Pure Comedy"

Father John Misty steht mit einer Gitarre auf der Bühne und singt.
Father John Misty war auch vier Jahre Schlagzeuger der "Fleet Foxes". Bildrechte: IMAGO

Politik, Religion, Messerwetzen – mit "Pure Comedy" hatte Father John Misty die göttliche Komödie als Singspiel in 13 Liedern vorgelegt. In den letzten Jahren hat es selten so ein Werk im Pop gegeben – ein Album, das so allgemeingültig und so tagesaktuell zugleich klang. Auf "God’s favorite customer", so scheint es, werden einige der Hauptthemen nochmal aus einer anderen Perspektive aufgearbeitet und vertieft.

Für Father John Misty sei es erstaunlich, dass wir uns als Menschen immer weiterentwickeln, aber immer wieder die selben Fehler wiederholen. Darin kann auch er eine gewisse Komik erkennen.

Die Linie zwischen Komödie und Tragödie ist so dünn. Und ich glaube, zu lachen ist unsere Art, damit umzugehen, wie erbärmlich wir sind.

Father John Misty

Komödien und Tragödien

Spätestens ab "Just dumb enough to try", dem dritten Song des neuen Albums – einem Lied über die verlorene Liebe – wird klar: wenn der Vorgänger, dieses Meisterwerk "Pure Comedy", die Komödienseite des Abgrunds beschrieb, so arbeitet sich "God’s Favorite Customer" an der Tragödienseite ab. Und braucht dafür mit 37 Minuten nur halb so lang wie "Pure Comedy".

Musikalisch und textlich unterscheidet sich das quasi überhaupt nicht – alles ist Komödie und Tragödie zugleich im Leben von Father John Misty. Sein Bariton fällt gern mal ins Fallsett. Besonders wenn er meint, sein Mojo verloren zu haben, so wie im Song "Date Night". Das Piano dominiert mal wieder die Songs, manchmal wird es ein wenig weinerlich. Der Sänger fühlt sich älter als 35 und fragt sich, ob er ferngesteuert ist und wer eigentlich die ganzen Arrangements schreibt – alles wächst ihm über den Kopf.

Klischeefragen des Erwachsenwerdens

Er selbst sagt, dass alle seine Alben Konzeptalben gewesen sein. "Das Album 2012 fragte: Wer bin ich? Das letzte: Was ist Liebe? Und das hier: Was bedeutet das Alles?". Für ihn seien dies Klischeefragen des Erwachsenwerdens und so komme auch der Humor in seine Alben.

Erst sag ich mir, ich sollte ein Album über diese große Frage machen und dann denke ich: echt jetzt?

Father John Misty

Der Sänger Father John Misty hält eine Gitarre in der Hand und schaut überlegend in die Ferne.
Father John Misty bei einem Auftritt im Mai 2018. Bildrechte: IMAGO

Der Abschluss einer Phase?

Also: Pure Comedy war Tillmans "Tumbleweed Connection", "God’s Favorite Customer" sein "Captain Fantastic". Wenn Father John Misty Elton John weiter folgt, dann haben wir für die nächsten Jahre nichts Gutes zu erwarten. Denn bekanntlich machte Elton nach 1975 noch ein paar mediokre, ab 1979 dann schlechte Alben – und das dann fast 20 Jahre lang. Aber vielleicht ist ja "God’s Favorite Customer" auch ein vorläufiger Abschluss – das Ende einer Phase im Werk von Father John Misty.

Die Frage nach dem Selbst

Im Titel "The Songwriter" antizipiert Tillman nämlich genau das: was wenn die Muse weg ist? Und so transportiert vielleicht dieser am sparsamsten instrumentierte Song die zentralen Fragen des Albums am besten. Was, wenn vielleicht alles ganz anders ist als angenommen? Was, wenn die Persona Father John Misty ausgedient hat? Wenn das Ich und das Alter Ego die Rollen tauschen würden? Wenn Josh Tillman den Lieblingskunden des Herren einfach in der Glaubensboutique zurückließe?

Dann – und das wäre gut vorstellbar – käme Father John Misty auf seinem nächsten Album als Josh Tillman zurück. Auferstanden aus den Ruinen der Metaebene.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Juni 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2018, 10:25 Uhr

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