Feature Gedoptes Gold - Wie aus Heidi Andreas wurde

Susann Krieger kannte die Geschichte ihre Halbbruders nur aus den Medien. Als Heidi Krieger gewann er 1986 bei der EM im Kugelstoßen Gold für die DDR. Doch jahreslanges Doping hinterließ schwere gesundheitliche und psychische Schäden. Die Entscheidung als Mann zu leben, rettete ihm das Leben. Aus Heidi wurde Andreas. Im Feature erzählt Susann Krieger von der Annäherung an den unbekannten Bruder und begibt sich mit ihm auf Spurensuche.

Sommer 1986: 21,10 Meter ist die Kugel geflogen. Immer und immer wieder zeigt das Fernsehen die Szenen. Heidi Krieger aus der DDR ist Europameisterin. Das Volk jubelt.

Ende der 1990er Jahre ist der Name Krieger wieder in den Medien präsent. Andreas Krieger besucht Talkshows, gibt Interviews. Seine Geschichte steht für viele Dopingopfer in der DDR. Jedoch: Der "Fall Krieger" ist einer der brisantesten.

Heidi Krieger, die Europameisterin im Kugelstoßen von 1986 gibt es nicht mehr. Sie hat sich entschieden als Mann weiterzuleben und sich operieren lassen. Aus Heidi wurde Andreas.

Kleine blaue Pillen

In den 1980er Jahren erhält Heidi Krieger auf der Kinder- und Jugendsportschule von ihrem Trainer mit knapp 16 Jahren zusätzlich zu den Vitaminpräparaten kleine blaue Pillen als "unterstützende Mittel". Sie sind eingepackt in Silberfolie, ohne Beipackzettel, sollen die Verletzungsgefahr minimieren, ihr helfen, sich besser zu regenerieren. Tatsächlich handelt es sich dabei um das Anabolikum Oral-Turinabol, das ihr ohne ihr Wissen in immer höheren Dosen verabreicht wird. Ihre Leistungen steigern sich, doch auch ihr Körper verändert sich, nimmt immer mehr männliche Formen an.

1991 beendet Heidi Krieger aus gesundheitlichen Gründen ihre Sportlerkarriere. Sie fühlt sich unwohl in ihrer Haut, wird depressiv. Ein Bekannter erklärt ihr schließlich, was mit ihr los ist und gibt dem Zustand einen Namen: Transsexualität.

Ein halbes Jahr nach der Operation wird Andreas Krieger aufgefordert, als Zeuge vor der "Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität" (ZERV) auszusagen. Erst hier wird er über die Wirkung der blauen Pillen aufgeklärt und erfährt vom Ausmaß des systematischen Dopings. Es dauert mehrere Jahre, bis Andreas versteht, was seinem Körper zugefügt wurde. Als er im Frühjahr 2000 im Doping-Prozess gegen Manfred Ewald und Manfred Höppner, zwei Hauptverantwortliche des DDR-Sports aussagt, nimmt er ein Foto von Heidi mit und reicht es dem Richter:

…bevor wir hier anfangen, gebe ich Ihnen ein Foto, damit Sie wissen, um wen es sich handelt. […] Diese Person, die Sie auf dem Foto sehen, die gibt es nicht mehr, die ist tot.

Andreas Krieger

Heute lebt Andreas Krieger mit seiner Frau, der ehemaligen DDR-Schwimmerin Ute Krieger-Krause in Magdeburg. Er hat sie beim Doping-Prozess kennengelernt und 2002 geheiratet. Die Frau ist für ihn "ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl", sagt er. Seine Europameisterschafts-Goldmedaille von 1986 stiftete Andreas Krieger dem Dopingopfer-Hilfe-Verein, der ihn zu einem Preis umgewandelt hat, einem Wanderpokal, der an Menschen verliehen wird, die sich im Kampf gegen Doping stark machen.

Die Erfahrung, die wir gemacht haben ist, dass Menschen manipulierbar sind und wir wurden manipuliert und wir tragen jetzt sozusagen das Resultat mit uns rum für den Rest unseres Lebens.

Andreas Krieger

Über die Autorin:

Susann Krieger, geboren in Berlin, studierte Korrepetition für Musiktheater an der Dresdner Musikhochschule und im Anschluss Rundfunk-Musikjournalismus in Karlsruhe. Seit 2002 arbeitet sie als freie Autorin für verschiedene ARD-Rundfunkanstalten sowie als Klavierpädagogin.

Susann Krieger ist die Halbschwester von Andreas Krieger. Sie kannte seine Geschichte nur aus den Medien. 2012, nach dem Tod des Vaters, nimmt sie mit ihm Kontakt auf. Im Feature erzählt sie von der Annäherung an den unbekannten Bruder und begibt sich mit ihm auf Spurensuche. Gemeinsam kehren die Geschwister an die Orte zurück, wo einst ein Mädchentraum begann: eine erfolgreiche Sportlerin zu werden.

Information zur Sendung "Gedoptes Gold - Wie aus Heidi Andreas wurde"
Feature von Susann Krieger

Sprecher: Ulrike Krumbiegel
Regie: Nikolai von Koslowski
Komposition: Ansgar Vollmer
Redaktion: Ulf Köhler
Produktion: MDR 2016 (Ursendung)

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2019, 08:22 Uhr