Festivalstart Filmfest Dresden: So viele Regisseurinnen wie noch nie

Nachdem das Filmfest Dresden Corona-bedingt im April abgesagt werden musste, eröffnet es am Dienstag im zweiten Anlauf. An Regisseurinnen kommt man bei der diesjährigen Ausgabe nicht vorbei: Filme von Frauen sind so stark wie nie vertreten. Im internationalen Wettbewerb kommt sogar die Hälfte der Filme von Regisseurinnen und eine Retrospektive widmet sich DDR-Filmemacherinnen.

Filmfest Dresden 4 min
Bildrechte: Filmfest Dresden

Eine Frauenquote gibt es beim Filmfest Dresden bisher nicht, und dennoch haben es in diesem Jahr verhältnismäßig viele Arbeiten von Regisseurinnen auf die Leinwand geschafft. "Dass sich jetzt natürlich dieses Jahr so ein großer Frauenfokus herauskristallisiert hat, hat sich so ergeben, das war tatsächlich ein organischer Prozess", resümiert Co-Festivalleiterin Anne Gaschütz und verweist damit nicht nur auf eine Sonderausstellung des Deutschen Instituts für Animationsfilm zu Frauen im DEFA-Trickfilmstudio oder auf das Programm "Happiness Machine" vom Klangforum Wien und dem Festival Tricky Women, sondern vor allem auf den hohen Filmemacherinnen-Anteil in den Wettbewerben. 42 Prozent sind es im internationalen und sogar ausgeglichen, also 50 Prozent, im nationalen Wettstreit um die begehrten Goldenen Reiter.

Dass sich dieses Jahr so ein großer Frauenfokus herauskristallisiert hat, war ein organischer Prozess.

Co-Festivalleiterin Anne Gaschütz
FRAGMANTS
Eine Szene aus dem Film "FragMANts" vom Künstlerinnenkollektiv Neozoon Bildrechte: NEOZOON 2019

Mit im Rennen ist "FragMANts" von Michaela Metzger und Friederike Kersten vom Künstlerinnenkollektiv Neozoon. Material für ihre Filme finden die beiden Frauen zuhauf bei den viralen Trends auf YouTube. In "FragMANts" wird zum Beispiel der "Unboxing"-Hype, also Dinge auszupacken und zu präsentieren, hinterfragt. Dabei werden Bildausschnitte verschiedener Clips ähnlich wie bei dem von den Surrealisten entwickelten "Cadavre Exquis" miteinander kombiniert. "Die Faszination liegt schon darin, das Material für sich sprechen zu lassen, erzählt Filmemacherin Friederike Kersten. "Durch bestimmte Kombinationen, die ja immer unsere Entscheidung sind, werden plötzlich neue Sichtachsen freigelegt."

Retrospektive zu DDR-Filmemacherinnen

Vielleicht gelingt das ja auch mit der diesjährigen Retrospektive, denn dort werden Filme von nahezu vergessenen DDR-Regisseurinnen gezeigt. Namen wie Helke Misselwitz und Marion Rasche sind sicher manchen ein Begriff, aber tatsächlich gab es noch zig andere, die in einem von Männern dominierten DEFA-Kosmos Filme gedreht haben. Das hat die Kuratorin des Programms, die Filmwissenschaftlerin Cornelia Klauß in jahrelanger Recherche aus Archiven zutage befördert. "Die Königsdisziplin ist immer der Spielfilm und da wurden die Frauen auch kurz gehalten berichtet Klauß. "Aber wir haben dann eben doch sehr viele Regisseurinnen in den anderen Bereichen: Dokumentarfilm, populärwissenschaftlicher Film, Animationsfilm."

Genau in diesen kleineren Formaten waren die Frauen sehr viel stärker vertreten und auch ein bisschen freier, konnten sich mehr trauen, weil das eben nicht so unter diesem Zensurdiktat stand.

Filmwissenschaftlerin Cornelia Klauß
Strukturen und Film
Eine Szene aus dem Film "Strukturen und Film" (1984) von Christine Schlegel. Bildrechte: Christine Schlegel

In einem kürzlich erschienen Band haben sie und der ehemalige Vorstand der DEFA-Stiftung, Ralf Schenk, Portraits dieser Regisseurinnen veröffentlicht. Mit der Retrospektive weitet Cornelia Klauß den Blick jedoch noch über die DEFA hinaus, beleuchtet auch unabhängige Filmemacherinnen aus der bildenden Kunst: "Da gab es eine sehr interessante Szene, vor allem eben auch in Dresden," weiß die Filmwissenschaftlerin. Dazu gehörte die Künstlerin Christine Schlegel. Ihre experimentellen Arbeiten wie "Strukturen und Film" von 1984 und "Treibhaus" von 1985 sind geprägt von tänzerischen Performances, aufgrund ihrer engen Verflechtung zur freien Dresdner Theatergruppe SUM, sowie durch eine abstrakte künstlerische Auseinandersetzung mit der Materialität, in dem sie ausgediente Filmstreifen zerkratzt und bemalt hat.

Im Studium an der an der Kunsthochschule Anfang der 70er-Jahre war natürlich noch sozialistischer Realismus und da habe ich mir geholfen, indem ich sehr viele Montagen und Collagen und Übermalungen gemacht habe, um mich davon frei zu schwimmen.

Filmemacherin Christine Schlegel

Jahrzehnte später flimmern die Arbeiten der DDR-Regisseurinnen wieder über eine große Kinoleinwand, und da es sich um eine Vielzahl wiederentdeckter, sehenswerter Filme handelt, ist bereits eine Fortsetzung der Retrospektive für das 33. Filmfest Dresden fest eingeplant.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. September 2020 | 07:10 Uhr