Tom Schilling als junger Kurt Barnert steht an einer Leinwand und malt.
Tom Schilling spielt Kurt Barnert, angelehnt an das Leben von Gerhard Richter. Bildrechte: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Filmkritik "Werk ohne Autor" - Florian Henckel von Donnersmarck zelebriert das Reaktionäre

2007 gewann Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck mit "Das Leben der Anderen" den Oscar. Sein neuer Film "Werk ohne Autor", mit Tom Schilling in der Hauptrolle, ist inhaltlich an das Leben Gerhard Richters angelehnt. "Werk ohne Autor" geht ins Rennen um den Auslands-Oscar und feierte gerade in Venedig Premiere. Eine Kritik.

von Anke Leweke, MDR KULTUR-Filmkritikerin

Tom Schilling als junger Kurt Barnert steht an einer Leinwand und malt.
Tom Schilling spielt Kurt Barnert, angelehnt an das Leben von Gerhard Richter. Bildrechte: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Als Florian Henckel von Donnersmarck im Jahr 2007 seinen Oscar für das Stasi-Drama "Das Leben der anderen" entgegennahm, fühlte er sich endlich zu Hause angekommen und erklärte, dass es das amerikanische Kino gewesen sei, das ihn geprägt habe. Tatsächlich merkt man seinem Regiedebüt diesen Einfluss an. "Das Leben der Anderen" folgt der Dramaturgie eines Genre-Films, übernimmt dessen typische Personenkonstellationen.

(K)eine Biografie von Gerhard Richter

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck mit Tom Schilling, Paula Beer und Sebastian Koch.
Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck (hinten rechts) mit den Schauspielern Sebastian Koch (links), Paula Beer und Tom Schilling. Bildrechte: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Nun begibt sich von Donnersmarck wieder in die deutsche Geschichte: Anhand einer an Gerhard Richter angelehnten Biografie lässt er drei bewegte Epochen Revue passieren. Vorlage ist das Buch "Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie" von Jürgen Schreiber. In den frühen Bildern von Richter entdeckte der Journalist die Geheimnisse einer deutschen Familiengeschichte. Und auch der Regisseur spielt sich hier zum Psychoanalytiker auf, der verstehen möchte, wie Kunst entsteht, wie die große Historie und die persönlichen Erlebnisse die Bilder von Richter beeinflusst haben. 

Im Film heißt der Künstler Kurt Barnert und wird während des Krieges in Dresden groß. Nach dem Krieg nutzt das neue Regime im Osten sein künstlerisches Talent für großflächige Propagandabilder in öffentlichen Gebäuden. Mit seiner Frau Ellie flieht Barnert in den Westen und studiert an der Kunsthochschule in Düsseldorf. Was Kurt nicht ahnt, aber wir Zuschauer wissen: Sein Schwiegervater war als Arzt an den Euthanasieprogrammen der Nazis beteiligt und mitverantwortlich für die Ermordung von Kurts geliebter Tante Marianne im Konzentrationslager, die auch auf einem frühen Richter-Bild dargestellt ist.

Reaktionär und Konservativ

Sebastian Koch als Prof. Carl Seeband in 'Werk ohne Autor'.
Sebastian Koch spielt Prof. Carl Seeband, Kurts Schwiegervater. Bildrechte: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

"Werk ohne Autor" ist durchdrungen von einem mal offensichtlichen, mal indirekten Konservatismus, flankiert von einem reaktionären Geschichtsbild. Wenn der von Sebastian Koch gespielte Arzt nach dem Zweiten Weltkrieg von den Russen gefangen genommen wird, zeigt die Kamera diese aus der Untersicht – ihre Gesichter wirken verzerrt, diabolisch. Dabei ist der Arzt der Täter. Obszön die Szene, in der die Kamera Kurts Tante zu klassischer Musik in die Gaskammer begleitet – als könne man so das unvorstellbare Grauen abhandeln. Die Situation wird zusammengeführt mit den Bildern fallender deutscher Soldaten und Aufnahmen des nach den Bombenangriffen brennenden Dresden. Soll die eine Tat die andere aufwiegen? Welche Fatalität wird hier erzeugt?

Künstler Kurt Barnert (Tom Schilling) in einer Szene des Films "Werk ohne Autor" (undatierte Filmszene). Der Film geht ins Rennen um den Goldenen Löwen beim Filmfest in Venedig, das am 29.08.2018 eröffnet wird.
Tom Schilling als junger Kurt Barnert Bildrechte: dpa

Auch in Sachen Kunst schlägt der Film reaktionäre Töne an. Zu Beginn geht der kleine Kurt mit seiner Tante durch eine Ausstellung "entarteter Kunst". Ein Museumsführer (Lars Eidinger) erklärt, warum die Bilder Schund seien. Später wird es eine Führung durch die Kunsthochschule in Düsseldorf geben, bei der die Experimente der jungen Studenten veralbert werden. Man hat Eidingers Kommentare noch im Ohr und meint, dass die Kamera auch dessen verachtungsvollen Blick auf installative und performative Kunst übernimmt. 

Eine seltsame, mystische Betrachtung

Und der Künstler selbst? Er bleibt ein Unbeteiligter. Ein Zuschauer am Rande. Der mit Pinsel seine Beobachtungen verarbeitet. Auch seine Kunst wird irgendwann quasi ohne sein Zutun entstehen, als Eingebung, als "Werk ohne Autor". Eine seltsame, mystische Betrachtung eines der wichtigsten Künstler unserer Zeit.

Oliver Masucci als Pr. Antonius van Verten in 'Werk ohne Autor'.
Oliver Masucci in einer ikonischen Szene als Pr. Antonius van Verten. Bildrechte: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. September 2018, 08:36 Uhr

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