Fackelzug der Freien Deutschen Jugend FDJ am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin
Obwohl er überzeugter Linker war, fand Hasso Grabner auch in der DDR nicht sein Glück. Bildrechte: IMAGO

Sachbuchempfehlung "Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert": Biografie eines deutschen Lebens

"Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert" ist die Biografie von Hasso Grabner, einem Linken, der seinen Platz in der DDR gefunden hatte – und doch nie dazugehörte. Francis Nenik hat dessen Geschichte im Breitwandformat vorgelegt und damit einen wilden Ritt durch das 20. Jahrhundert geschaffen.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Fackelzug der Freien Deutschen Jugend FDJ am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin
Obwohl er überzeugter Linker war, fand Hasso Grabner auch in der DDR nicht sein Glück. Bildrechte: IMAGO

Die Geschichte ist ein Labyrinth und manchmal auch ein Kabinett voller Spiegel – und der, der in diese Spiegel hineinschaut, sieht sich mal als Zwerg und mal als Riese. Hasso Grabner, der Held dieses Buches, könnte in solche Spiegel hineingeschaut haben. Seine Biografie – nacherzählt von Francis Nenik – lässt sich verstehen als ein beständiger Überlebenskampf in den wechselnden politischen Ordnungen des deutschen 20. Jahrhunderts. Grabner ist eine Figur, die klug und manchmal auch naiv genug ist, die Kapriolen und Ungerechtigkeiten der Geschichte zu überleben und ein Stück weit auch für sich selbst auszunutzen. Nicht die Psyche, das Innen, schafft und konturiert den Menschen Hasso Grabner, sondern das, was er erlebt auf der Straße in Leipzig oder später im Zuchthaus in Waldheim, wo vor ihm schon Karl May eingesessen hat, der dann als ein umherirrender Geist plötzlich mit auftaucht. 

Zwischen Biografie und Roman

Die Handlung des Buches wird von der deutschen Geschichte bereitgestellt – und die Biografie des Hasso Grabner erzählt diese Geschichte. Wir sehen ihn als jungen Mann in Leipzig Flugblätter gegen die Nazis verteilen, er wird eingesperrt, erst ins Zuchthaus, dann ins KZ Buchenwald. Grabner übersteht auch das und wird schließlich als Soldat in ein Strafbataillon in Griechenland gesteckt.

Das Buch des Francis Nenik ist weder eine wissenschaftlich festgezurrte Biografie noch ist es ein Roman – es ist etwas dazwischen. Und so kann Nenik lakonische und ironische Kommentare einwerfen und bleibt zugleich doch immer bei den ihm zugänglichen historischen Fakten. 

Der Grundstoff seines Lebens ist der Pragmatismus, die kommunistische Ideologie ist die Form, in der sie sich äußert.

Francis Nenik über seinen Helden Hasso Grabner

Ein unangepasster Linker in der DDR

Hasso Grabner wurde 1911 in Leipzig geboren und ist 1976 in Werder gestorben. Ein deutscher Linker, der später in der DDR folgerichtig in der SED landet und den Aufbau des Sozialismus vorantreiben will.

Aber Grabner gerät in die oft so grausam ausgetragenen Kämpfe zwischen kommunistischer Ideologie und realsozialistischer Wirklichkeit. Einerseits gelingt es ihm, mit zum Teil anarchistischen Methoden Industriebetriebe aufzubauen oder erfolgreich zu leiten – andererseits wird er genau wegen dieser Methoden beargwöhnt und bestraft.

Er gilt als moralisch unzuverlässig und privat haltlos, die Partei braucht solche Typen wie Grabner und fürchtet sich zugleich vor ihnen. Mehrfach muss sich Grabner vor der Parteikontrollkommission rechtfertigen, und manchmal muss sogar Walter Ulbricht im Falle Grabner persönlich eingreifen. Irgendwann ist Grabner davon so entnervt, dass er noch einmal eine große biografische Wende wagt:

Schriftsteller aus Versehen

"Ich wollte nicht Schriftsteller werden, es blieb mir aber nichts anders übrig." – so sagt er es dann 1966 bei einer weiteren Aussprache mit der Bezirksparteikontrollkommission.

Mit dem autobiografischen Roman "Die Zelle" erreicht Grabner 100.000er Auflagen, zugleich bleibt er ein Widerständiger und versucht Bücher von Alexander Solschenizyn oder Hannah Arendt in die DDR zu schmuggeln. 1976 stirbt Hasso Grabner, mit der Wiedervereinigung verschwindet er einfach im gesamtdeutschen Geschichts-Pott. 

Ein plastisch erzähltes Stück deutscher Geschichte

Und da hat ihn Francis Nenik nun entdeckt bzw. wiederentdeckt. Nenik hat Dokumente zum Leben des Hasso Grabner gesichtet, er hat Grabners Ehefrau befragt und ist der Geschichte seines Helden sogar bis in die Archive des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald nachgegangen. Entstanden ist ein plastisch erzähltes Stück deutscher Geschichte - das in dieser Mischung aus Sachbuch und Roman zu einer geeigneten Form findet. Auch der Büchner-Preisträger Marcel Beyer sieht das ähnlich; er hat Auszüge aus diesem Text eingelesen, die dem Buch als CD beigegeben sind.

Angaben zum Buch "Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert – Das irrwitzige Leben des Hasso Grabner" von Francis Nenik
Verlag Voland & Quist, 192 Seiten, 19 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Juli 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2018, 04:00 Uhr

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