Britische Musikerin YouTube-Star Freya Ridings veröffentlicht erstes Album

Die Britin Freya Ridings ist durch Videos auf YouTube und viel Mundpropaganda bekannt geworden. Nun hat sie ihr gleichnamiges Debütalbum veröffentlicht. MDR KULTUR-Musikkritiker Hendryk Proske hat die 25-Jährige getroffen und meint, dass ihr Debüt dann am stärksten ist, wenn die Sängerin die Hörer an der größtmöglichen Intimität teilhaben lässt.

Das Piano sei schon immer mehr als ein Instrument für sie gewesen, erklärt Freya Ridings. Es sei ihr ältester Freund. "Ich war sehr schüchtern als Kind, hatte nicht viele Freunde. Ich hab also lieber Zeit am Klavier verbracht. Dort konnte ich sagen, was ich dachte und fühlte." Klar habe sie mittlerweile mehr Freunde, erzählt Ridings, aber das Klavier sei da gewesen, als sie es am dringendsten brauchte.

Freya Rose Ridings, gerade 25 geworden, macht keinen Hehl aus ihrer bisher wichtigsten Beziehung – die zu ihrem Instrument, dem Klavier. Das Piano war da, als niemand sonst da war. Es sprach mit der jungen Frau aus dem Norden Londons, als sie keinen hatte mit dem sie sprechen konnte. Eine typische Teenager-Geschichte, eine gute, denn sie erzählt von kanalisierter Einsamkeit die in Kreativität mündet und so die Persönlichkeit, die Künstlerin selbst erschafft. Und diese Beziehung lässt einen dann als Hörer teilhaben an größtmöglicher Intimität, gerade in den sehr leisen und damit intensivsten Songs auf diesem Debüt von Freya Ridings, wie zum Beispiel in "Lost without you".

Der erste Song mit neun Jahren

Die britische Musikerin Freya Ridings steht in einem Gewächshaus zwischen Pflanzen.
Die 25-Jährige wurde vor allem durch Videos auf YouTube bekannt. Bildrechte: Universal Music/Josh Shinner

Wenn man mit der jungen Frau persönlich spricht und sich von ihrem Leben bisher erzählen lässt, dann klingt das alles schnell weit weniger dramatisch. Ridings wächst wohlbehütet in einem Londoner Vorort auf, umgeben von viel grün und viel Musik. Der Vater ist Gitarrist, die Mutter bringt das Piano in die Familie. Freya Ridings lässt sich inspirieren, hat aber keine Lust auf zähes Üben. Sie nutzt die Instrumente, vor allem schnell das Piano, um darauf Melodien zu spielen, die ihr spontan einfallen. Den ersten Song schreibt sie mit neun Jahren. Und wenig später wagt sie sich regelmäßig auf die Bühne.

Ridings erzählt, dass es in ihrer Heimatgegend eine Menge Bars mit Open-Mic-Abenden gegeben habe, bei denen jeder spielen konnte. "Als ich 13 war, begann ich jede Woche zwei, drei mal dort zu spielen. Ich war damals schon recht groß, so merkte keiner, dass ich noch gar nicht 18 war."

Erfolg ohne Album oder Label

Der Rest ist schnell erzählt: Freya Ridings schreibt weiter Songs, ihre Auftritte sprechen sich rum, erste Videos landen im Netz und ein paar Jahre später steht das Talent ohne Album oder Label-Deal in den großen Läden Londons und spielt vor ausverkauftem Haus. Ihre Songs, ihre Erscheinung mit den langen roten Haaren, aber natürlich vor allem ihre Stimme rufen schnell Vergleiche mit großen Namen hervor. Tori Amos, Florence Welsh oder gar Kate Bush.

Sie selbst nimmt das als großes Kompliment an. In ihren Augen gebe es so viele Künstler, die von sich sagen, sie klängen wie niemand zuvor. Aber das sei Quatsch.

Wir klingen alle wie jemand anderes zuvor.

Freya Ridings

Aber gerade diese Namen würden sie ehren, "denn genau die haben mich auch am meisten inspiriert. Deren Mut Dinge zu tun, die zunächst vielleicht keiner mag, an die sie aber fest glauben. Aber ich kann mich nicht mit ihnen vergleichen, die haben schon ein echtes Lebenswerk. Ich stehe grad am Fuße des Berges und betrachte die Aussicht."

Cover des Albums "Freya Ridings" von Freya Ridings.
Vor der Veröffentlichung des Studioalbums hat Ridings bereits zwei Live-Alben produziert. Bildrechte: Universal Music/Island Records

Das Debüt: Intimität mit maximaler Verletzlichkeit

Ridings will mehr. Sie geht zur renommierten "Brit School for performing arts", singt weiter in jedes offene Mikrofon und veröffentlichte in Eigenregie zwei Live-Alben. Jetzt endlich gibt es das reguläre Studio-Debüt. Und darauf kann man wunderbar diesen Weg, der so eigen, aber in dieser Zeit gar nicht so ungewöhnlich ist, fast schon Song für Song nachvollziehen. Ridings ist am besten, wenn sie das tut, womit alles begann: nur sie und das Piano. Songs wie "Blackout", "Lost without you" oder "You mean the world to me" sind pure Intimität mit maximaler Verletzlichkeit.

Sie legt die Seele frei und versteckt sich hinter keinem Sound zuviel. Das ist im besten Sinn Musik, die in romantischen Komödien immer genau dann läuft, wenn das Happy End tatsächlich kurz vor Ende anfängt auf der Kippe zu stehen. Sie kann aber auch anders. Oder vielleicht musste sie auch anders. Ein reines Balladenalbum war dann wohl doch zu riskant. Es gibt die bewusst breit arrangierten Popsongs. Gelungen wie in "Holy Water", in der sie geschmackvoll mit Gospelelementen spielt.

Einbußen zugunsten des Standards

Bei einigen Songs wäre aber weniger mehr gewesen. Bei dem Versuch, ihre im Kern schönen Songs auf allgemeinen Streaming- und Pop-Radiostandard zu pushen, geht dann doch mehrmals das Wesen und die eigentliche Stärke, die Intimität, verloren. Wie sagte sie eingangs so schön: das Klavier war ihr "closest friend", es war da, wenn niemand sonst da war. Man wünscht ihr, dass diese Freundschaft nicht leidet.

Mehr Musik

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. August 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren