Neue Ausstellung Grassi Museum entführt in "Fantastische Tierwelten"

Ob Einhörner, Grüffelo, Pokemon oder Harry Potter – fantastische Wesen aus der Tierwelt sind in der Popkultur allgegenwärtig. Das Leipziger Grassi Museum für Völkerkunde widmet ihnen jetzt eine Sonderausstellung, die sich auf die Spur der Drachen und Monster, der Löwen und Greife und der Pelikane und Sirenen begibt. Und schon der Titel, der nicht zufällig an den Roman "Phantastische Tierwesen" von J.K. Rowling erinnert, macht deutlich, dass hier Kinder wie Erwachsene gleichermaßen Spaß haben können.

Grüffelo vor dem Grassi-Museum in Leipzig
"Fantastische Tierwelten" - im und vor dem Leipziger Grassi Bildrechte: SKD/ Arvid Wünsch

Zwei chinesische Drachen aus der Ming-Dynastie flankieren den Eingang zur Ausstellung "Fantastische Tierwelten" im Leipziger Grassi Museum für Völkerkunde. Einst zierten sie den Dachfirst eines Tempels, nun weisen sie den Weg zu einem prächtigen Exponat der neuen Schau: dem "Drachenfisch", ebenfalls aus Porzellan der Ming-Zeit.

Das Exponat war mal ein Geschenk des Leipziger Unternehmers Kroch, an dem sich ablesen lässt, dass es eine geradezu furchterregend dämonische Angelegenheit ist, wenn aus einem Karpfen ein Drache wird. Davon berichtet eine alte chinesische Legende, wie Kurator Dietmar Grundmann erklärt: "Es gibt eine alte chinesische Mythe, der zufolge verwandelt sich ein Karpfen, der es schafft, ein paar sehr schwierige Stromschnellen stromauf zu schwimmen, in einen Drachen." Es sei ein Symbol für Erfolg, den man durch starke Anstrengung erreichen könne, sagt Grundmann und verdeutlicht am Exponat: "Dieser Fisch ist umgeben von Wolken. Er hat es also bereits geschafft, das Wasser zu verlassen und steigt in eine andere Sphäre, die Sphäre des Himmels auf.

Der Drache als Glücksbringer

Papierdrachen aus China
Ein Drachen aus China, wo sie als Glücksbringer angesehen werden. Bildrechte: GRASSI – Museum für Völkerkunde zu Leipzig / Tom Dachs

Anders als seine europäischen Verwandten ist der asiatische Drache kein feuerspeiendes Monster, sondern als Glücksbringer in den Sphären des Wassers und der Luft zu Hause. Hier siedelten auch die Pokémon-Erfinder die karpfenähnliche Figur des "Karpador" an, die sich in den drachenartigen "Garados"  verwandelt. Das demonstrieren entsprechende Pokémon-Spielkarten in einer Vitrine. Dem Kurator zufolge zeigt sich, dass in der modernen, zeitgenössischen Kultur eine Vielzahl aus aller Welt stammender Motive aufgegriffen und neu gemixt worden seien und schließlich für völlig andere Zwecke verwendet werden.

Anhand vieler Beispiele zu Schlangen, Einhörnern, Hirschen oder Füchsen setzt die Schau eine fantastische Kombinatorik der Tierkörperformen in Gang. Sie zeigt auf, dass in unserer Fantasie etwa der Löwe – aufgrund seiner imposanten Mähne ohnehin als König der Tiere bezeichnet – bereits in der Antike Misch-und Fabelwesen mit Löwenkörper hervorbrachte: z.B. der Greif (der fliegen kann) oder den Mantikor (mit Schwanz und Stachel eines Skorpions ausgestattet) – Fabelwesen, die sich heute etwa bei Harry Potter wiederfinden.

Anknüpfung an die Popkultur

Kostbare Museumsexponate und Leihgaben mixt die Schau mit Exponaten aus der "Phantasy"-und Spielewelt. Nicht umsonst trägt die Ausstellung den Titel "Fantastische Tierwelten", wie die Direktorin der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen, Léontine Meijer-van Mensch sagt. Es sei eine Anlehnung an die "Phantastischen Tierwesen" von J. K. Rowling. "Wir haben natürlich ganz bewusst an Popkultur angeknüpft und zeigen dann, – das ist natürlich die Rolle eines Museums – dass das Ganze alte, kulturelle Bilder sind. Hinter Büchern, Filmen und Comics steht dann eine jahrhundertealte Welt."

Öllampe in Form des Göttervogels Garuda, Java 19. Jh.
Eine Öllampe in Form des Göttervogels Garuda Bildrechte: SKD/Karin Wieckhorts

Tatsächlich sind die Monster und Fabelwesen, die Schriftstellerin Rowling kreiert hat, an Originalität, Detailgenauigkeit und Erfindungsreichtum entsprechenden Erzählungen aus der Antike und dem Mittelalter in nichts voraus. Vom spätantiken "Physiologos" etwa – jenem Tiergeschichtenbuch, in dem sich Schlangen und Einhörner, Pelikane und Sirenen gemeinschaftlich vereint wiederfinden – ergießt sich ein breiter Strom fantastischer bestialischer Literatur über Europa: Fabelwesen, Monster und die ganze Welt der Geister gehören zusammen mit der vorhandenen Natur einem einheitlichen Universum an.

Alles in allem eine mythische Denkstruktur, der auch heute viele in der westlichen Welt anhängen, wenn sie in ihrer Freizeit gar in die Kostüme tierischer Fantasy-Wesen schlüpfen. Auch jener Szene widmet die neue Grassi-Schau ein eigenes Kapitel, das für Jung und Alt liebevoll gestaltet und unterhaltsam nach Erklärungen sucht, warum wir die Welt so gern anhand fantastischer Tierwesen begreifen.

Mehr Informationen Ausstellung "Fantastische Tierwelten"
Grassi-Museum für Völkerkunde in Leipzig

Die Ausstellung läuft bis 17. Januar 2021

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr,
Montag geschlossen

Eintrittspreise:
8 Euro, ermäßigt 6 Euro
Kinder unter 17 Jahren frei

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Oktober 2020 | 13:10 Uhr

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