Große Werkschau | Bis 21. Oktober 2018 Warum der Künstler Horst Sakulowski neu zu entdecken ist

"Unter der Bildhaut muss es kribbeln!", sagt Horst Sakulowski, der am 28. August seinen 75. feiert und aus diesem Anlass im Panorama Museum von Bad Frankenhausen gerade mit einer großen Retrospektive gewürdigt wird. Das klingt harmloser, als es ist, denn auf der "Bildhaut" seiner Gemälde leuchten oft die Wundmale der durch die Jahrhunderte Gemarterten und Gekreuzigten. Nur mal so konsumieren kann man Sakulowskis Bilder nicht: Es geht um Leben und Tod. Aber Eiapopeia gibt es ja genug.

Für diesen Mann scheint das Leben eine einzige Passion zu sein. Egal, ob sein Blick zurück geht oder ins Heute: Die Welt, die er uns zeigt, ist aus den Fugen. Aus fein, nur mit Bleistift gezeichneten Bildnissen schauen grotesk verzerrte Gesichter, die Münder zum Schrei geöffnet oder Zähne fletschend. Mal tragen die Köpfe Narrenkappe, mal Dornenkrone. Auf Gemälden leuchten die Wundmale der durch die Jahrhunderte Gemarteten und Gekreuzigten hell- bis dunkelrot. Keine Frage, der Künstler beherrscht sein Handwerk.

Retrospektive für Horst Sakulowski
Horst Sakulowski vor seinem Atelier im ostthüringischen Weida Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Unter der Bildhaut muss es kribbeln!", sagt Horst Sakulowski, der im Panorama Museum von Bad Frankenhausen gerade mit einer großen Retrospektive gewürdigt wird. Grünewald und Dürer, aber auch Dalí hat er immer verehrt. Als moderner Altmeister stellt er klar, dass "nur" Handwerk aber auch nicht reiche. Jedes Bild brauche eine magische Dimension, etwas Transzendentes und sei es scheinbar noch so realistisch.

Altmeisterlich, modern und mit Haltung

Kuratiert hat Horst Sakulowski die Ausstellung, die Schlüsselwerke aus fünf Jahrzehnten versammelt, selbst. Sie zeigen, dass sich der Maler und Grafiker, der weit davon entfernt war, ein Dissident zu sein, seine christlich geprägte Weltsicht nie nehmen ließ. Sakulowski suchte und sucht die Essenz, dazu übersteigert er die Realität: Nicht, um ihr zu entfliehen, sondern um ihr eine Diagnose auszustellen.

Retrospektive für Horst Sakulowski
Oft reicht ihm einfach der Bleistift Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den turbulenten 1960er-Jahren studierte Horst Sakulowski bei Bernhard Heisig an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, um sich danach in die Provinz zu verabschieden. Ins ostthüringische Weida zog er mit seiner Frau, die dort eine Stelle als Kinderärztin gefunden hatte. Sein "Porträt nach Dienst" (1975/76) zeigt sie im Sessel schlafend. Mit diesem Bild einer erschöpften Werktätigen, aufwendig gemalt in altmeisterlicher Lasur, machte er auf der VIII. DDR-Kunstausstellung in Dresden Furore. Die Kritik von oben legte sich. Die Zeit schien reif für einen neuen Realismus. Bis heute ist "Porträt nach Dienst" Sakulowskis wohl berühmtestes Werk, das Original wird gerade in Trier gezeigt, deswegen ist in Bad Frankenhausen nur die Reproduktion zu sehen.

Zum 450. Jubiläum des Bauernkrieges, der in der DDR als "frühbürgerliche Revolution" interpretiert wurde, malte Sakulowski 1974 keine heroische Schlacht, er lässt eine schwangere Frau durch eine verwüstete Landschaft schreiten. Kein Abbild, sondern ein Sinnbild der Zerstörung, das zu verweisen scheint auf das, was noch folgen sollte im Dreißigjährigen Krieg - und bis in die Gegenwart.

Das Dilemma des Einzelnen, sich gegen Gewalt, etwa den Schießbefehl an der DDR-Grenze, zu stellen, zeigt sein sichtlich verzweifelter Soldat von 1984, psychischer Druck in einem Körperbild, das er schlicht "Verantwortung" nannte. "Kranke Erscheinungen" verfolgen Sakulowski seit der Wende: das falsch Zeugnis ablegen, die üble Nachrede, die Jagd nach dem Mammon in einem sinn-armen Kunstbetrieb.

"Einer der größten Zeichner der Gegenwart"

Bis zum 21. Oktober sind die Zeichnungen, Radierungen, Gemälde und auch Videoarbeiten unter dem Titel "Sakulowski. Weltbild" zu sehen. Der Titel, ebenfalls vom Künstler ausgewählt, ist Programm, sagt Museumsdirektor Gerd Lindner: Denn, was Sakulowski in den Bildern vorführe, sei ganz grundsätzlich gemeint. Sein Schaffen künde von seiner christlich-humanistischen Weltanschauung und bewege sich bereits seit den frühen 1970er-Jahren und bis in die Gegenwart zwischen "den Polen der Versuchung und Verführung einerseits und der Hoffnung auf Erlösung und Vergebung andererseits".

Retrospektive für Horst Sakulowski
Museumsdirektor und Wegbegleiter: Gerd Lindner Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wobei das Extreme in seinem Ausdruck zugenommen habe, findet Lindner, der Sakulowskis Arbeit seit Jahrzehnten begleitet. Lindner hält ihn für einen der größten Zeichner der Gegenwart. Er schöpfe aus der Fülle der Traditionen, wisse aber auch, sie mit den Errungenschaften der Moderne zu verbinden. In seinen Selbstbildnissen "mit Zähnen", Narrenkappe oder Dornenkrone sieht Lindner eine Reaktion des Künstlers auf die endzeitlich wirkende "Schräglage der Welt": "eine Mischung aus Widerstand, Aufbegehren und der Erkenntnis, nichts bewegen zu können".

Endzeit? Aber mit Witz und Galgenhumor

Derart apokalyptisch interpretiert der Künstler seine Bilder nicht. Er sieht sich als Rufer und Warner, spricht von den Hoffnungsschimmern in seinen Werken. Und Witz, man könnte es auch Galgenhumor nennen, zeigt er ebenso. In einer seiner Radierungen, die auch in der Schau zu sehen ist, hängt der Uhrmacherssohn aus dem thüringischen Saalfeld die zwei Barben aus dem Wappen seiner Heimatstadt als tote Fische und wie Pendel in einen Uhrkasten. So schafft er ein besonders groteskes Memento mori: "Die Stunde der Uhr". Viel scheint nicht mehr zu retten zu sein: "So ist die Welt, so geht sie weg", heißt es zum Video-Endlosband "Zeit-Landschaften".

Nur mal so konsumieren kann man Sakulowskis Werke nicht: Es geht um Leben und Tod. Aber Eiapopeia gibt es ja sonst genug.

Sakulowski - Weltbild | Panorama Museum in Bad Frankenhausen | Bis 21.10.2018 Panorama Museum
Am Schlachtberg 9
06567 Bad Frankenhausen

Öffnungszeiten: Di-So | 10:00-18:00 Uhr
montags in Juli/August | 13:00-18:00 Uhr / montags geschlossen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 09. August 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2018, 11:38 Uhr