Isata Kanneh-Mason: "Romance"
Isata Kanneh-Mason spielt auf "Romance" Werke von Clara Schumann. Bildrechte: Decca

Klaviermusik Isata Kanneh-Mason auf den Spuren von Clara Schumann

von Beatrice Schwartner, MDR KULTUR-Musikkritikerin

Isata Kanneh-Mason: "Romance"
Isata Kanneh-Mason spielt auf "Romance" Werke von Clara Schumann. Bildrechte: Decca

Zwei Vorbilder gibt Isata Kanneh-Mason an, Beyoncé und Clara Schumann. "Das Inspirierendste an Clara Schumann ist für mich ihre Stärke", erzählt Kanneh-Mason: "Sie lebte vor 200 Jahren, sie managte und hielt ihre außergewöhnlich lange Konzertkarriere aufrecht und zog dabei noch sieben Kinder auf. Ich komme selber aus einer Familie mit sieben Kindern und denke, das ist sehr sehr beeindruckend." Deshalb fühle sie sich sehr geehrt, Schumanns Musik spielen zu können.

Tatsächlich sieht Isata Kanneh-Mason, deren Vorfahren aus der Karibik kommen, dem Popstar Beyoncé nicht unähnlich: strahlend jung, lange Zöpfchen und … schwarz. Keiner hätte sich gewundert, wenn die 23-Jährige und ihre musikalischen Geschwister eine Art Jackson 5 geworden wären, wenn sie Jazz, Reggae oder Hip-Hop spielen würden.

Aber klassische Musik? Merkwürdigerweise nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal. An der Royal Academy of Music in London studierten mit Isata Kanneh-Mason Menschen fast aller Hautfarben, nur eben nicht ihrer.

Eine äußerst musikalische Familie

Isata Kanneh-Mason und Sheku Kanneh-Mason
Isata Kanneh-Mason und ihr jüngerer Bruder, der Cellist Sheku Kanneh-Mason Bildrechte: imago images / Landmark Media

Zwei Milliarden Menschen auf der ganzen Welt konnten letztes Jahr sehen, wie ein jüngerer Bruder von Isata Kanneh-Mason, Sheku, bei der königlichen Hochzeit Cello spielte, lässig, mit solcher Passion. Seitdem ist er ein Klassik-Star. Früher, sagt Sheku, wollte er so werden wie seine große Schwester Isata, der er stundenlang beim Klavierüben zuhörte.

Das erste Klavier, das sie bei einem Wettbewerb gewann, steht heute immer noch im Spielzimmer neben der Küche, zuhause im englischen Nottingham, wo die Kanneh-Masons leben, wo jeder mindestens zwei Instrumente spielt, die Größeren die Kleineren unterrichten. Keine Elite-Familie, kein Drill, keine Privilegien. Haus- oder Autoreparaturen müssen nach wie vor oft warten, weil das Geld für die musikalische Bildung draufgeht, für sieben Kinder zwischen 23 und 9 Jahren.

Ein bunter Strauß zu Clara Schumanns 200. Geburtstag

"Romance", das Debütalbum von Isata Kanneh-Mason ist wirklich ein bunter Strauß, den sie zu Clara Schumanns 200. Jubiläum zusammengestellt hat, ein ganzes Tableau von Clara-Romanzen: Op. 11 für Soloklavier, op. 22 mit der Geigerin Elena Urioste. Dazu das c-Moll-Scherzo op. 14, die 20-minütige Klavier-Sonate in g-Moll, Transkriptionen von Robert-Liedern.

Und gleich zur fulminanten Eröffnung, gemeinsam mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, das Klavierkonzert a-Moll – nicht Roberts, sondern Claras, das sie mit 16 Jahren uraufgeführt hat, woran sich seither nur wenige Pianisten trauen, weil es so unglaublich schwer ist.

Dass sich Isata Kanneh-Mason dieser Herausforderung mit 23 Jahren stellt und sie dermaßen meistert, dafür höchsten Respekt!

Beatrice Schwartner, MDR KULTUR-Musikkritikerin

Wunderbares Zwiegespräch mit dem Orchester

Sehr präsent klingt in dieser Aufnahme von der DECCA der Flügel. Kanneh-Mason versteht aber durch ihre diffizile Dynamik wunderbar mit dem Orchester ins Zwiegespräch zu kommen. Sie lässt Claras kompositorischen Ideen Raum, packt in die Tasten, wenn Virtuosität verlangt wird, nimmt den Zug raus in den lyrischen Passagen.

Die einzige minimale Kritik, und die hängt gar nicht an der jungen Künstlerin: Vielleicht wäre es dramaturgisch klüger gewesen, das Album nicht in der Opus-Reihenfolge aufzubauen, sondern nach Feinsinnigkeit im kleinen Rahmen, nach herzerwärmenden Romanzen, das technisch höchst vertrackte Klavierkonzert zum großen Finale hintan zu stellen. Dass sich Isata Kanneh-Mason dieser Herausforderung überhaupt mit 23 Jahren stellt und sie vor allem dermaßen meistert, dafür höchsten Respekt!

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. September 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2019, 04:00 Uhr

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