Sachbuch-Kritik Das Schwarze Meer und seine tausend Geschichten

Jens Mühlings Reportagen und Essays über Osteuropa wurden mehrfach ausgezeichnet, darunter sein erstes Buch "Mein russisches Abenteuer" oder "Schwarze Erde – eine Reise durch die Ukraine". Nun wagt er sich noch weiter. Mit "Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer" nimmt Mühling seine Leser mit zu einem Meer, auf zwei Kontinente und in sechs Länder.

Buchcover - Jens Mühling: "Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer"
Jens Mühling ist für sein Buch mit Menschen rund ums Schwarze Meer ins Gespräch gekommen. Bildrechte: Rowohlt Verlag

"Karadeniz" nennen es die Türken. "Marea Neagra" sagen die Rumänen. "Schawi Sghwa" die Georgier. Bei den Bulgaren heißt es "Tschernoe Morje", bei den Ukrainern "Tschorne More". Sie alle meinen das eine Meer, das bei uns das Schwarze heißt.

Aus "Schwere See" von Jens Mühling

"Sechseinhalb Länder sind es, wenn man Abchasien mitzählt, wo es einst eine Küste gab, bevor das Land landeinwärts wanderte. Siebeneinhalb, wenn man Transnistrien mitzählt, eine abtrünnige Provinz Moldawiens. Siebeneinhalb, wenn die Krim zu Russland gehört, siebeneinhalb, wenn sie zur Ukraine gehört, acht, wenn man die Krim lieber für sich nimmt. Achteinhalb, wenn man das Ruinenreich der alten Griechen mitzählt."

Mühling reist als Beobachter

Schon hier wird klar: Diese Reise rund um das eurasische Binnengewässer wird spannend. Das Schwarze Meer als Lebensraum verbindet und trennt, offenbart sehr unterschiedliche Blickwinkel auf die Welt, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mühling reist als Beobachter und ist mittendrin, nimmt Anteil an Schicksalen und Lebensläufen.

Die Reisereportage führt nicht nur an die Orte am Meer, sondern auch in die Historie, zu Sagen und Legenden, zur wirtschaftlichen und politischen Situation der Anrainer. Besonders am Herzen liegen ihm die Klein- und Kleinstethnien, die hier in den Grenzgebieten des Schwarzmeerraums überall anzutreffen sind. Viele von ihnen teilen ein Schicksal.

Aus "Schwere See" von Jens Mühling

"Sie fielen durch die Raster der aufkommenden Nationalstaaten, und ob sie sich als Teil des einen oder des anderen fühlen durften, entschieden nicht sie selbst, sondern Machthaber in fremden Hauptstädten, die das Völkerwirrwarr an den Rändern ihrer vermeintlich reinen Nationen schlecht ertrugen."

So lernt der Leser Pascha kennen, geboren in Usbekistan. Die Eltern wurden als Mescheten, türkische Georgier, von Stalin vertrieben. Pascha, in nachsowjetischer Zeit zurückgekehrt, wurde wenig freundlich empfangen von den Georgiern, die gerade ihre eigenen Nationalgefühle wiederentdeckt hatten.

Mit Jens Mühling zu reisen ist einfach großartig. Der Leser hat oft das Gefühl dabei zu sein, bei dieser acht Monate währenden Tour per Taxi, Anhalter, Bus oder Schiff rund um das Schwarze Meer.

Regine Förster, MDR KULTUR

Immer wieder tauchen neue Völkernamen auf

Wir begegnen griechisch und türkisch sprechenden Pontiern in Russland, den Nachfahren der antiken Seefahrer, syrischen Kriegsflüchtlingen mit tscherkessischen Wurzeln im Kaukasus und Lipowanern, russisch-orthodoxen Christen im rumänischen Donaudelta. Immer wieder tauchen neue Völkernamen auf, trifft Mühling auf vertrackte, oft absurd erscheinende ethnisch begründete Konflikte, die seine Reiseroute beeinflussen.

Abchasien musste er erst umrunden, um das Gebiet von georgischer Seite anzusteuern, denn Grenzübertritte von russischer Seite werden von den Georgiern als illegal angesehen. Die russisch-abchasische Grenze betrachtet er nur aus der Ferne: ein Zaun, der einen Kieselstrand teilt und abrupt im Wasser endet:

Aus "Schwere See" von Jens Mühling

"Lange starrte ich die unsichtbare Linie an, die in der Verlängerung des Zauns das Wasser teilte. Nie war mir eine Grenze so sinnlos vorgekommen. Vielleicht weil die Fische sie so ungehindert überqueren konnten. Vielleicht weil mich meine Reise gelehrt hatte, dass die Grenzen, die sich zwischen den Völkern ziehen lassen, im besten Fall fließend sind."

Schnäpse und Weine fließen üppig

Das zeigen auch die Liebesgeschichten rund ums Schwarze Meer. Als Mühling am Ende seiner Reise auf der Krim das russisch-ukrainische Paar Wladimir und Alla trifft, stellt sich bei ihm Erleichterung ein. Die beiden trotzen allen widersprüchlichen Versionen des Krim-Konflikts, die ihnen die Popaganda auftischt.

Jens Mühling lässt sich ein auf die Menschen, denen er begegnet, hört zu, trinkt mit ihnen. Ortsübliche Schnäpse und Weine fließen üppig. Er erzählt mit großer Nähe, poetisch und humorvoll. Und immer versucht er ein bisschen hinter die Fassade zu schauen. So auch bei einem Opferfest in einem der türkischen Küstendörfer:

Aus "Schwere See" von Jens Mühling

"Mustafa schrie, scheuchte, stampfte, ließ seine speckumkränzten Augen rollen, verfiel manchmal in eine Art Tanz, bei dem er die massigen Arme - krebsrot an der Oberseite, weiß unter den Achseln - in die Luft riss und mit kreisenden Hüftbewegungen seinen Bauch in Wallung brachte. Er war kein Metzger, er war ein bluttrunkener Maestro. ... Kurz bevor ich ging, sah ich wie der Metzger hinter einer Hauswand verschwand. Er hustete, er würgte und keuchte, es klang erbärmlich ... Vielleicht war er im Herzen Vegetarier."

Mit Jens Mühling zu reisen ist einfach großartig. Der Leser hat oft das Gefühl dabei zu sein, bei dieser acht Monate währenden Tour per Taxi, Anhalter, Bus oder Schiff rund um das Schwarze Meer. Der Autor ist ihm dabei ein kundiger, uneitler und inspirierender Begleiter.

Angaben zum Buch Jens Mühling: "Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer"
314 Seiten
erschienen bei Rowohlt
22,00 Euro (Hardcover)
19,99 Euro (E-Book)

Mehr Sachbücher

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2020 | 07:40 Uhr

Abonnieren