Zum 100. Todestag des "Zauberers aus Wien" Klimt-Ausstellung im Kunstmuseum Halle: "Eine Sensation"

Gustav Klimts Gemälde gehören zu den teuersten des internationalen Kunstmarktes. Und das Kunstmuseum Moritzburg Halle ist eines von nur drei deutschen Museen, die ein Werk des berühmten Malers besitzen: Das "Bildnis Marie Henneberg" steht bis zum 6. Januar 2019 im Zentrum einer Klimt-Schau, die zehn Gemälde und 63 Zeichungen umfasst und mehr zeigen will als den Salonkünstler und Erotomanen.

von Meinhard Michael und Katrin Schlenstedt, MDR KULTUR

Zum 100. Todestag des Jugendstil-Meisters aus Österreich gibt es nur eine Ausstellung in ganz Deutschland. Am 14. Oktober ist sie unter dem schlichten Titel "Gustav Klimt" im Kunstmuseum Moritzburg Halle eröffnet worden.

Eines der teuersten Projekte des Kunstmuseums

Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich spricht von einer Sensation. Zehn Gemälde und 63 Zeichnungen sollen das Schaffen des "Zauberers aus Wien" - von den akademischen Anfängen bis ins Todesjahr 1918 - vor Augen führen: Gezeigt werden soll Klimt als ein Vorbote der Moderne, mitten in einer europäischen Metropole mit Hang zu Pomp und Dekadenz am Fin de Siècle.

Für die "feinfühlige Inszenierung" einiger seiner berühmten Damen-Bildnisse, Landschaften aus der Sommerfrische und delikaten Aktskizzen sei der Sonderausstellungsbereich im Westflügel der Moritzburg neu hergerichtet worden, erklärt Bauer-Friedrich.

Überhaupt sei die Klimt-Schau eines der aufwändigsten und teuersten Projekte des Hauses. Schließlich lägen die umfangreichsten Bestände in Wien und New York, die fragilen Werke würden kaum auf Reisen geschickt. Dem Kustos der Malerei, Wolfgang Büche, sei es jedoch gelungen, 30 private und öffentliche Leihgeber aus sieben Ländern dafür zu gewinnen. Aus dem japanischen Toyota kam etwa das Bildnis der "Eugenia Primavesi". Der Versicherungswert übersteigt den Kulturetat manch kleiner Großstadt, doch die flirrende Pracht der Farben zeigt keine Reproduktion.

Das Bildnis der Marie Henneberg führt in den Kosmos Klimt

Dabei steht ein Gemälde Klimts im Zentrum der Ausstellung, das gar nicht weit reisen musste: Seit mehr als 50 Jahren befindet sich das Bildnis der Marie Henneberg in der Sammlung des Landesmuseums - damit ist die Moritzburg in Halle eins von nur drei deutschen Kunstmuseen, die überhaupt Werke des berühmten und heute auch teuren Malers besitzen.

Für Wolfgang Büche, Kurator der Schau, "gehen von diesem Bilde verschiedene Kraftlinien aus". So stehe es im Werk des Künstlers "am Beginn einer Entwicklung, die dann zu seiner goldenen Epoche führt", sagte Büche MDR KULTUR.

Skandal mit nackter Weiblichkeit

Klimt mit Katze
Klimt im weiten Gewand des Reformers und mit Kätzchen Bildrechte: IMAGO/Leemage

Klimt, am 14. Juli 1862 als Sohn eines Goldgraveurs und zweites von sieben Kindern in Wien geboren, kam aus einfachen Verhältnissen. Doch sein Talent wurde früh erkannt, schon bald nach seiner Ausbildung an der Kunstgewerbeschule erhielt er in den 1880er-Jahren große Aufträge für Decken- oder Wandgemälde in den neuen repräsentativen Bauten an der Wiener Ringstraße, fürs Burgtheater oder das Kunsthistorische Museum.

Den 'historistisch-kaiserlichen' Stil ließ er bald hinter sich. Er verabschiedete sich von antik-idealisierenden Akten und zeigte Frauen eher nach als vor dem Sündenfall. Nackt und mit unverhohlen erotischer Ausstrahlung. Seine Bilder zur Ausstattung der Wiener Universität sorgten für einen Skandal, sie zeigten nicht wie erwartet den Triumph des Lichts der Wissenschaft über die Finsternis, sondern die Verwirrung des modernen Menschen, der auch krank, arm oder hässlich sein konnte - vor allem nackt. "Pornographie" und "ein Übermaß an Perversion" wurden Klimt vorgeworfen, seine Bilder wieder entfernt.

Klimt beugte sich nicht. Er machte sich unabhängig von öffentlichen Aufträgen und reüssierte mit Porträts von Frauen aus dem aufstrebenden Bürgertum. Nackt konnte er sie damals schlecht malen, er hüllte sie in üppige Gewänder mit pracht- und geheimnisvollen Ornamenten, was Bauer-Friedrich im Gespräch mit MDR KULTUR so erklärt:

Er hat diese Frauen nicht nur einfach dargestellt, sondern psychologisch erfasst, ja seziert kann man vielleicht sagen.

Thomas Bauer-Friedrich, Direktor Kunstmuseum Moritzburg Halle

So habe er sie "in seine ganz eigene ornamentale Gestaltungsweise eingebunden, und auf einer Metaebene, auf ganz subversive Art und Weise, auch etwas über die Dargestellten ausgesagt."

Vom wohl dekorierten Salon in die Moderne

Das Kunstmuseum Secession in Wien, aufgenommen am 06.08.2009. Die Kuppel auf dem Dach des Gebäudes ist ein Geflecht aus vergoldeten Lorbeerblättern. Das von Josef Maria Olbrich 1898 fertiggestellte Secessionsgebäude war der erste und epochemachende Bau des Wiener Jugendstils.
Die Secession als erster und epochemachende Bau des Wiener Jugendstils. Bildrechte: dpa

Beeinflusst von den französischen Impressionisten und dem dunklen Symbolismus der Belgier, führte Klimt die Avantgarde an, als sich die Wiener Secession 1897 gründete und sich mit dem von Joseph Maria Olbrich entworfenen Haus einen unabhängigen Ausstellungsort schuf. Dafür gestaltete Klimt fünf Jahre später den Beethovenfries.

Mit Gold veredelt und jugendstil-weich, aber schonungslos körperlich katapultierte er den Wiener Klüngel in die Moderne. Wieder war der Aufschrei groß.

Um zu zeigen, wie aus dekorativer Kunst ein Aufbruch in die Moderne wird, beleuchtet die Ausstellung auch den Kosmos um Klimt herum. Das "Bildnis Marie Henneberg führt mitten hinein, hing es doch im Salon ihrer Villa, die Teil der von Josef Hoffmann geplanten Künstlerkolonie auf der Wiener Hohen Warte war. Dass deren Bauten Gesamtkunstwerke sein sollten, darauf verweist die Schau mit Fotos, Dokumenten, Design und Möbeln aus der Zeit des Jugendstils.

Wer dieser "Kraftlinie" des Henneberg-Bildes folgt, lernt in der Ausstellung auch den Gemahl der Dame näher kennen, der nicht nur ein promovierter Naturwissenschaftler und Mäzen Klimts, sondern auch ein experimentierfreudiger Fotograf gewesen ist. 1902 stellte er gleichberechtigt mit Klimt in der Wiener Secession aus.

"Er gibt der Erotik der Frau ein Bild"

Unzählige Zeichnungen machte Klimt als Vorstudien zu seinen Gemälden. Heute ist er nicht nur für seine öffentlichen Porträts berühmt, sondern für seine intimen Akt-Zeichnungen berüchtigt. Sie nähren die Legende um den Erotomanen, der in seinem Atelier umgeben von nackten Modellen arbeitete, nie verheiratet war, aber mit mehreren Frauen Kinder hatte.

Kurator Wolfgang Büche sieht ihn als echten Frauenhelden: "Er wird ja vielfach als jemand bezeichnet, der einen männlichen Blick hat, aber das ist eigentlich zu kurz gedacht, wenn man sein Werk mal genau betrachtet. Er gibt der Erotik der Frau ein Bild. Seine Bilder zeigen nichts Heimliches aus der Schlüssellochperspektive. Er lässt die Frauen bei sich sein und zeigt sie in ihrer 'erotischen Selbstverwirklichung'."

Nach einem wohl intensiven Leben starb Gustav Klimt am 6. Februar 1918 mit nur 55 Jahren nach einem Schlaganfall.

Service-Info zur Ausstellung Gustav Klimt
14.10.2018 - 06.01.2019

Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
Friedemann-Bach-Platz 5
06108 Halle (Saale)

Öffnungszeiten
Mo, Di, Do–So/Feiertage 10–18 Uhr
Mi sowie 24., 31.12. geschlossen, Mi 2.01.19 geöffnet

Eintritt
12 Euro, erm. 9 Euro, Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18
Tipp: Dauerticket "Gustav Klimt" für 25 Euro - Berechtigt zum unbegrenzt wiederholten Besuch der Ausstellung während der Laufzeit

Öffentliche Führungen
Jeden Samstag 15 Uhr, Eintritt zzgl. 3 Euro

Stichwort: Wiener Secession oder das Leben als Gesamtkunstwerk Das Interesse der Wiener, aber auch der Münchner oder Dresdner Secessionisten galt nicht einfach einer Abspaltung vom akadmeischen Kunst- und Ausstellungsbetrieb, sondern einer Reform der Kunst. die relevant für alle Bereiche des Lebens und des Alltags sein sollte. Architektur, Innenraumgestaltung, Kunsthandwerk oder Malerei sollten zusammenwirken, um das gemeinschaftliche Zusammenleben zu erneuern und zu bereichern. Gustav Kimt teilte diese Reformbestrebungen in Wien, in der Künstlerkolonie auf der Hohen Warte nahm diese Auffassung Gestalt an: in den drei Villen für die beiden Secessions-Maler Carl Moll und Kolomann Moser sowie für die Fotografen Hugo Henneberg und Friedrich Viktor Spitzer, die Stätten des kulturellen Lebens und der Begegnung waren. Am Beispiel der Villa Henneberg geht die Ausstellung auf das Lebensumfeld der auf den Klimt-Gemälden Porträtierten ein.

KLIMT textil - Werkschau der Mode in der Sonderausstellung Im Vorfeld der Ausstellung beschäftigten sich die Design-Studenten der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle mit dem Werk Klimts. Unter dem Motto "Klimt und seine Kätzchen" entwickelten die Erstsemester Körperhüllen aus allen denkbaren Materialien, aber ohne Stoff und Nähte. Das zweite Studienjahr konzentrierte sich unter der Überschrift "Gustav Klimt neckt gern und kräftig" auf Ornamente und Muster. Unter dem Titel "Gustav Klimt und der Wiener Schmäh" entwickelten die Studierenden aus dem dritten Jahr Kollektionen zu einem selbst gewählten Motiv des Malers.

Eine exklusive Werkschau dieser Kollektionen gibt es am 26. Oktober, 20:00 Uhr, im Kunstmuseum Moritzburg.

Katalog Gustav Klimt & Hugo Henneberg - Zwei Künstler der Wiener Secession
Hrsg. von Christian Philipsen in Verbindung mit Thomas Bauer-Friedrich und Wolfgang Büche Wienand

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 11. Oktober 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2018, 04:00 Uhr