Gasse in Portugal
Gasse in Portugal Bildrechte: Colourbox.de

Krimi des Monats April: Gil Ribeiro - "Lost in Fuseta" Deutsche Korrektheit trifft auf portugiesische Saudade

Gil Ribeiro ist bereits erfolgreicher Drehbuchautor, nun hat er seinen ersten Krimi geschrieben. Darin wird ein Hamburger Kommissar nach Portugal geschickt. Ein gelungenes Debüt mit witzigen Dialogen.

von Stefan Maelck

Gasse in Portugal
Gasse in Portugal Bildrechte: Colourbox.de

"Lost in Fuseta" - das klingt wie ein Popsong. Man mag an "Lost in France" oder "Lost in Space" denken. Aber Lost ist in diesem Falle ein Kriminalkommissar aus Hamburg.

Leander Lost kommt im Rahmen eines Europol-Austauschprogrammes nach Fuseta in der Ost-Algarve und übernimmt dort den Platz des beliebten Polizisten Rui Aviola. Was weder die Reviere in Hamburg noch in Fuseta wissen: beide haben sie genau den Mann bekommen, der zuhause entweder schwierig ist (Lost) oder sich nicht durch Arbeitseifer ausgezeichnet hat (Aviola). Das klingt nach typisch europäischem Projekt, man schmunzelt und wird dieses Schmunzeln bis zum Ende des Romans nicht mehr los. Der Hamburger trifft also auf seine neuen Kollegen Sub-Inspektorin Graciana Rosado und ihren Kollegen Carlos Esteves.

Sie hatten sich im Vorfeld nicht allzu viele Gedanken um ihren Gast gemacht, sie hatten von ihm nur als dem Alemão gesprochen, dem Deutschen. Was keinerlei Rückschluss auf ihre Gastfreundschaft zuließ. Wie alle Portugiesen waren sie zu einer Gastfreundlichkeit erzogen worden, die – von findigen Touristen schamlos ausgenutzt – bisweilen an Selbstaufgabe grenzte. Deutschen waren sie hier an der Algarve schon oft begegnet. Alemãos waren pünktlich und aßen bevorzugt dort, wo sie große Portionen erhielten, und nicht dort, wo es gutes Essen gab. Sie sparten beim Trinkgeld und beim Lob. Portugiesen an Nachbartischen sahen beschämt woanders hin, wenn sie in einem Restaurant die Rechnung überprüften. Die Deutschen waren stolz auf ihre Autoindustrie und sie waren Europameister im Nörgeln.

aus "Lost in Fuseta"

Wenn der Deutsche keinen Spaß versteht

Rosado und Esteves begrüßen ihren neuen Kollegen mit typisch portugiesicher Gastfreundschaft, haben ihm bereits eine Wohnung besorgt und freuen sich, dass er sogar Portugiesisch spricht. Schnell merken sie jedoch, dass der Deutsche etwas wunderlich ist, trotz guter Sprachkenntnisse Humor nicht versteht. Überhaupt scheint der Neue ein paar emotionale Schwierigkeiten zu haben und er neigt in gewissen Situationen zum belehrenden Kurzvortrag. Klugscheißer Lost scheint ziemlich lost zu sein.

Leander Lost fühlte sich nicht wohl. Er war hier fremd. Er kannte diese Leute nicht. Er kannte diese Gegend nicht. Er kannte das Land nicht. Deshalb zählte er ein paar Ecken. Das beruhigte. Seit er im alter von elf Jahren auf dieses Wundermittel gestoßen war – er hatte die Ecken der Holzknüppel gezählt, mit denen die anderen Kinder ihn vermöbelten –, hatte er das Eckenzählen professionalisiert.

aus "Lost in Fuseta"

Der autistische Kommissar als unberechenbarer Kollege

Der Leser weiß es schon etwas eher als Rosado und Esteves - Leander Lost leidet am Asperger Syndrom, einer eher milden Variante des Autismus. Die ZDF-Krimiserie "Der Alte" hat seit Kurzem einen Autisten und die Sesamstraße auch. Nun auch die Kriminalliteratur. Bei Leander Lost fällt der Autismus mit einer Inselbegabung zusammen, das macht ihn mitunter auch zu einem unberechenbaren Kollegen.

‚Asperger können körpersprachliche Signale nur schwer deuten. Sie können nicht unterscheiden, ob jemand unter einem Vorwand etwas anderes sagt. Sie nehmen alles für bare Münze. Aber vor allem begreifen sie ein Gesicht nicht als Ganzes, sie erkennen nur Teile: die Augen, den Mund, die Nase ... ein Asperger muss das jedes Mal zusammensetzen.‘ Graciana wusste, dass genau das nicht nur die Wahrheit über Leander Lost war, sondern auch alles andere erklärte. Es passte alles. Alles, alles, alles, und sie hatte es nicht bemerkt... Asperger können nicht lügen... ‚Also bitte, was ist das für eine Geschichte? Ein Mensch, der nicht lügen kann? Als Polizist? Wie soll das gehen?‘, fragte Carlos, der mit der unerwarteten Wendung, die das Gespräch am Ende dieses versöhnlichen Abends nahm, gar nicht einverstanden war.

aus "Lost in Fuseta"

Ein absolut gelungenes Debüt

Einen Fall gibt es neben all dem Zwischen-Polizeilichen und all den schönen Geschichten über Portugal natürlich auch. Der Tote ist ausgerechnet ein Privatdetektiv, der jedoch von seinem Job wenig Ahnung hatte. Allerdings war er wohl an einem Fall von Trinkwasserbetrug dran, ein schmutziger Schweizer Konzern will die Wasserversorgung an der Algarve übernehmen. Und so mixt der Autor gekonnt Öko-Krimi mit Landeskunde, man möchte sofort dorthin reisen und mit diesen Menschen die Nächte bei Wein und Oliven verbringen.

Drehbuchautor: Holger Karsten Schmidt
Autor Gil Ribeiro ist auch bekannt unter dem Namen Holger Karsten Schmidt. Bildrechte: SWR/Kluge

Der Autor tut das auch immer wieder - Gil Ribeiro heißt nämlich im wirklichen Leben Holger Karsten Schmidt und hat sich in den 1980ern in den Süden Portugals verliebt. Sein Debüt ist absolut gelungen, der Fall verzwickt, die Dialoge witzig, der Autor kennt das Land und die Menschen und wie portugiesische Saudade auf deutsche Korrektheit prallt  - das macht Lust auf mehr Lost. Noch eine gute Nachricht: Lost soll in Serie gehen.

Über die Hörbuch-Fassung Andreas Pietschmanns Stimme ist dem Hörbuch-Fan vertraut. Ob Carlos Ruiz Safon oder Bram Stoker. Diese Stimme fasziniert und fesselt. Andreas Pietschmann interpretiert diesen Text, er atmet ihn, man spürt, dass er die Figuren liebt und er kann Leander Lost sogar Portugiesisch mit deutschem Akzent sprechen lassen. Mehr kann man von einem Hörbuch nicht verlangen.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 23.03.2017 | 13.40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. April 2017, 16:51 Uhr

Gil Ribeiro: Lost in Fuseta
Bildrechte: Kiebenheuer / Witsch

Angaben zum Buch & zum Hörbuch

Angaben zum Buch & zum Hörbuch

Gil Ribeiro: "Lost in Fuseta"
Buch erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 390 Seiten
Hörbuch erschienen bei Argon Hörbuch, gelesen von Andreas Pietschmann, 6CDs, 7 Stunden 11 Minuten