Michael Jackson winkt beim Eintreffen in den Gerichtssaal in Santa Maria (Archivfoto vom 03.06.2005)
Michael Jackson während des Missbrauchs-Prozesses 2005, in dem er freigesprochen wurde. Bildrechte: dpa

Erstmals im deutschen Fernsehen Leaving Neverland: Verstörende Doku über Michael Jackson

Seit der Uraufführung beim renommierten Sundance-Filmfestival in den USA im Januar macht der Dokumentarfilm "Leaving Neverland" über Michael Jackson Schlagzeilen. Schließlich berichten darin zwei heute erwachsene Männer in verstörenden Details, wie Jackson sie sexuell missbrauchte. Die Filmkritiken sind eindeutig positiv, die Reaktionen der Zuschauer gemischt, Jackson-Fans hassen den Film und vor allem seine beiden Protagonisten. Am Sonnabend läuft die HBO-Doku bei Pro Sieben.

von Jörg Taszman, MDR KULTUR-Filmkritiker

Michael Jackson winkt beim Eintreffen in den Gerichtssaal in Santa Maria (Archivfoto vom 03.06.2005)
Michael Jackson während des Missbrauchs-Prozesses 2005, in dem er freigesprochen wurde. Bildrechte: dpa

Am Anfang gratuliert der größte Superstar der 80er- und 90er-Jahre, der King of Pop Michael Jackson, in seiner kindlich naiven Art dem achtjährigen Wade Robson zum Geburtstag. Es ist ein kitschiger, etwas befremdlicher Glückwunsch, wenn Michael Jackson später in diesem Video betont: "Deinen Geburtstag solltest du mit deinen Eltern verbringen, die dich gezeugt haben." Tagelang hat Michael Jackson vorher mit dem noch siebenjährigen Australier sein Bett geteilt, mit ihm Oralsex gehabt und dabei masturbiert. Für den kleinen Jungen, der sein Idol abgöttisch liebte, war das zunächst nicht ungewöhnlich, denn Jackson erklärte ihm diese Liebe sei besonders und gottgewollt. Nur dürfe er niemals mit irgendjemandem darüber reden, denn sonst müssten sie beide ins Gefängnis. Das hat Wade Robson jahrzehntelang beherzigt und geglaubt.

"Alle wollten Michael kennen lernen"

Das Eingangstor der Neverland Ranch im Santa Ynez Valley, 2003
Das Eingangstor zur Neverland Ranch im Santa Ynez Valley, die Michael Jackson 1988 kaufte. Bildrechte: dpa

"Leaving Neverland" ist ein zutiefst verstörender und schockierender Dokumentarfilm, der fast ausschließlich aus Interviews mit dem heute 36- jährigen Wade Robson und dem 40-jährigen Amerikaner James Safechuck besteht. Gesprochen hat der Regisseur Dan Reed außerdem mit Familienmitgliedern der beiden Opfer, so auch mit der reichlich naiven Mutter von Robson, die vom Charme Michael Jacksons so geblendet war, dass sie ihn für einen herzensguten Menschen und eine "liebende Seele" hielt. 

Sehr nüchtern und klassisch hat der Filmemacher Dan Reed mit den beiden Männern gesprochen. Es gibt keinen reißerischen Kommentar, die Musikspur bleibt dezent. Reed gelingt es, nachvollziehbar zu machen, warum die Familien Safechuck und Robson sich so geschmeichelt fühlten, dass der größte Superstar der westlichen Welt genau ihre Jungs ausgesucht hatte. Es ist auch eine Geschichte von Verführung und Manipulation, denn offene Gewalt wendete Michael Jackson den beiden Jungs gegenüber nicht an. Safechuck betont gleich zu Beginn des Films, wie besonders die Zuneigung von Michael Jackson wirkte: "Alle wollten Michael kennen lernen und dann mag er dich!"

Minutiöse Schilderungen

Fans protestieren mit einem Banner mit der Aufschrift Facts don't lie (Fakten lügen nicht) und Plakaten gegen die Austrahlung der Dokumentation Leaving Neverland über den Popstar Michael Jackson
Fans protestieren gegen die Ausstrahlung der Doku. Bildrechte: dpa

Natürlich fällt es dem Betrachter schwer, diese ungeheuerlichen Zeugenaussagen zu verarbeiten. Fast schon zu ausführlich werden sexuelle Perversionen und Spielarten minutiös geschildert. So löst der Film ein permanentes Unwohlsein aus. Die Vorwürfe gegen den Film und seine Protagonisten erinnern an die #MeToo-Debatte, an die Opfer des mächtigen Filmmoguls Harvey Weinstein. So wirft man Wade Robson und James Safechuck vor, es ginge ihnen nur um das Geld und fragt, warum sie sich erst nach Jahren outen. 

Der Hass, mit dem die beiden Männer konfrontiert werden, die Jackson in diversen Missbrauchsprozessen sogar entlastet haben, ist erschreckend. Doch – auch das zeigt der Film deutlich – für Wade Robson ist klar: Er will nun laut und deutlich die Wahrheit sagen, nachdem er solange gelogen hat.

Ein Film über die Opfer

Als Zuschauer und Filmkritiker kann man "Leaving Neverland" nicht auf seinen Wahrheitsgehalt prüfen. Aber es erscheint nach Sichtung dieser harten vier Stunden ziemlich unwahrscheinlich, dass es sich bei den beiden Protagonisten und ihren Familien um Lügner handelt. Regisseur Dan Reed hat ganz bewusst einen Film über die Opfer gedreht. Täter-Filme gibt es schon genug. Warum Michael Jackson, der vor allem von kleinen Jungs besessen war, zum Täter wurde, ist eine unbequeme Frage, die jeder Zuschauer für sich selbst beantworten muss.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. April 2019 | 07:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. April 2019, 04:00 Uhr

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