Urlauber beim Strandurlaub an der bulgarischen Goldküste.
Urlauber am bulgarischen Goldstrand Bildrechte: IMAGO

Lesung | Vor 50 Jahren: Sowjetischer Truppeneinmarsch in die CSSR Horst Hawemann: Der Rückzug

August 1968: Panzer rollen doch Prag. Sie überraschen auch jene Urlauber aus der DDR, die am Balaton oder am Schwarzen Meer ihre Ferien verbracht haben. Der Weg für die Heimreise ist versperrt. Theaterregisseur und Autor Horst Hawemann gerät mitten zwischen die Gestrandeten und erlebt Realsatire am Rand einer großen Tragödie. Aus seinem nachgelassenen Romanfragment liest Christan Steyer.

Urlauber beim Strandurlaub an der bulgarischen Goldküste.
Urlauber am bulgarischen Goldstrand Bildrechte: IMAGO

Im Sommer 1968 hat es, wie jedes Jahr, Tausende Urlauber aus der DDR in das ihnen zugängliche Stück vom Süden gezogen: in die sozialistischen "Bruderländer" des Balkans. Als die Ferien zu Ende gehen, treten sie in Rumänien, Bulgarien und Ungarn die Rückreise an. Aber die Züge von Budapest nach Berlin fahren normalerweise über Prag. Und da stehen in diesem August die sowjetischen Panzer. Die Tschechoslowakei ist für Transitreisende gesperrt.

Der Theaterregisseur und Autor Horst Hawemann ist in diesem Sommer bei der Familie seiner jugoslawischen Frau. Seine Heimreise führt ihn mitten zwischen die gestrandeten Landsleute, an die offenbar keiner der Strategen des Warschauer Pakts einen Gedanken verschwendet hat. Jetzt werden sie in tagelangen improvisierten Eisenbahn-Sondereinsätzen über die ungarisch-ukrainische Grenze und quer durch Polen nach Hause gebracht.

Es sind Urlauber. Sie lagen in der ungarischen Sonne herum und erholten sich prächtig. Nur mit der Heimreise hatte es nicht geklappt, da war was schief gegangen. Ein bisschen Krieg. […] Kein Feind hatte sie vertrieben. Verbündete Freunde ließen die Schlagbäume herunter.

Horst Hawemann Rückzug

Hawemann schrieb ein kleines Satyrspiel zur großen Tragödie des Prager Frühlings, der die Illusionen von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" ein für alle Mal platzen ließ. Das Romanfragment fand sich im Nachlass des Autors, der 2011 starb. Der Mitteldeutsche Rundfunk produzierte hieraus eine Lesung.

Der Autor Horst Hawemann

Horst Hawemann, 1940 in Brandenburg geboren, studierte an der Theaterhochschule in Moskau Regie. Er begann seine Karriere am Theater der Freundschaft und war als Regisseur an der Volksbühne engagiert. Mit seiner Inszenierung von Nikolai Erdmanns "Der Selbstmörder" am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin war er 1988 sowohl zu den Ost-Berliner Festspielen als auch zum West-Berliner Theatertreffen eingeladen. Seit der Wende inszenierte er unter anderem an Theatern in Rostock, Magdeburg, Kassel, in Belgien, Österreich und der Schweiz. Er war Honorarprofessor an der Hochschule für Schauspielkunst und der Universität der Künste. Er starb am 13. Juli 2011.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
Der Rückzug (3 Folgen)
Aus dem nachgelassenen Roman von Horst Hawemann
Es liest: Christian Steyer

Produktion: MDR 2012

Sendung:
15.08. – 17.08.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
15.08. – 17.08.2018 | 19:05-19:35 Uhr

Sie können die beiden Folgen dieser Lesezeit hier sieben Tage lang hören.

Zuletzt aktualisiert: 13. August 2018, 04:00 Uhr