Peter Wawerzinek setzt bei einer Lesung auch seine Arme ein.
Bei einer Lesung ist Peter Wawerzinek mit ganzem Körper bei der Sache. Immerhin sind seine letzten drei Bücher autobiografisch geprägt. Bildrechte: imago images / Gerhard Leber

Buchrezension "Liebestölpel" von Peter Wawerzinek: Tragische Liebesgeschichte mit viel Witz

Das Erstaunliche an Peter Wawerzinek ist, dass er in den frühen 90er-Jahren bereits eine gewisse Bekanntheit hatte, bevor es dann für viele Jahre ruhig um ihn wurde. Dann erlebte er 2010 in Klagenfurt eine Art zweiten Frühling: Sein Roman "Rabenliebe" wurde mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. "Liebestölpel" ist der dritte Roman, den er seitdem geschrieben hat. Die Titel klingen alle ähnlich: "Rabenliebe", "Schluckspecht" und nun "Liebestölpel". MDR KULTUR-Literaturkritiker Matthias Schmidt erklärt, was es mit dieser "Serie" auf sich hat.

Peter Wawerzinek setzt bei einer Lesung auch seine Arme ein.
Bei einer Lesung ist Peter Wawerzinek mit ganzem Körper bei der Sache. Immerhin sind seine letzten drei Bücher autobiografisch geprägt. Bildrechte: imago images / Gerhard Leber

Tatsächlich muss man bei Peter Wawerzineks Roman-Titeln aufpassen, dass man nicht durcheinander kommt. 2010 erschien "Rabenliebe", sein Roman über seine elternlose Kindheit in einem Heim. Dann folgte 2013 "Schluckspecht". Ein Roman, in dem es um den Umgang mit dem Trinken geht – auch den persönlichen. Nun folgt "Liebestölpel", ein Roman über die Liebe. Besser gesagt, über das vergebliche Bemühen des Protagonisten in Liebesfragen.

In allen drei Büchern erzählt Wawerzinek im Grunde sein Leben, alles scheint autobiografisch zu sein: Er ist in einem Heim aufgewachsen, hat mit Alkohol zu kämpfen. In der Liebe, sagt er, sei ihm Vieles nicht gelungen. Dabei fasziniert, dass Wawerzinek es schafft, dieses Leben jedes Mal neu zu erzählen. Wer alle Bücher kennt, findet bekannte Motive wieder und wird dennoch staunen, um wie viel Wawerzinek diese Geschichte jetzt zu erweitern vermag. Teilweise autobiografisch, teilweise aber auch fiktional – ganz sicher kann man bei ihm nie sein.

Wer mit dem Roman "Liebestölpel" einsteigt, wird dennoch nichts vermissen. Es handelt sich nicht um eine Trilogie, jedes Buch steht für sich. Jedes ist, wie immer bei diesem Autor, voller Fabulierlust, so genau auf dem Grat zwischen Tragik und Humor, wie es nur wenigen gelingt.

Liebesentzug und hoffnungslose Liebe

Peter Wawerzinek: Liebestölpel
Der Tölpel als Sinnbild für Unglück in der Liebe. Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Der Tölpel ist ein Vogel, der sehr anmutig fliegen kann. Er kann segeln wie kaum ein anderer Vogel – nur richtig landen kann er nicht. Es kann dabei schon mal vorkommen, dass er unsanft aufschlägt und dabei alles andere als elegant wirkt. Dem Erzähler des Romans geht es in Liebesfragen wie dem Tölpel: Er kann sich prima verlieben, aber er schafft es nie, eine richtige oder gar dauerhafte Beziehung daraus zu machen. Er ist ein "Liebestölpel" und führt das auf seine Kindheit im Kinderheim zurück.

Auf den Liebesentzug, der ihm widerfährt, als seine Mutter in den Westen geht und ihn in einem Heim in der DDR zurücklässt. Dort verliebt er sich abgrundtief in ein Mädchen, Lucretia – und kommt sein Leben lang nicht von ihr los. Nur dass Lucretia diese Liebe nicht erwidert. Sie selbst ist ebenfalls eine Einzelgängerin. Sie macht, was sie will, kommt und geht und betrachtet den Erzähler zwar als besten Freund, aber nicht als Partner.

Peter Wawerzinek: Liebestölpel 8 min
Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Die Titel der letzten drei Bücher von Peter Wawerzinek sind sehr ähnlich: "Rabenliebe", "Schluckspecht" und nun "Liebestölpel". MDR KULTUR-Literaturkritiker Matthias Schmidt erklärt, was es mit der "Serie" auf sich hat.

MDR KULTUR - Das Radio Di 29.10.2019 07:40Uhr 07:40 min

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Peter Wawerzinek: Liebestölpel 8 min
Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Tragische Geschichte mit sehr viel Humor

Diese Geschichte ist sehr tragisch und man weiß, dass es sich um eine autobiografische Geschichte handelt. Aber wie Wawerzinek sie erzählt, ist trotzdem auch urkomisch. Er ist wohl so und kann nicht anders. Wie sein Held ist auch der Autor ein Stehaufmännchen, das sich mit kindlicher Freude aus seinen Krisen herauserzählt. Auch in diesem Roman ist es ein Genuss, ihm dabei zu folgen. Beispielsweise kehrt Lucretia einmal mehr zurück in sein Leben, als er Kunst grade studiert und einen Akt-Malkurs belegt. Und ausgerechnet seine Göttin, die Liebe seines Lebens, steht jetzt für ihn und den ganzen Kurs nackt Modell. Nun steht sie also da und er begreift, dass sie für ihn unerreichbar bleiben wird. Obwohl er das genau weiß und auch, dass sie wieder verschwinden wird, will der "Liebestölpel" sofort seine Frau und Kinder für Lucretia verlassen.

Ist Wawerzinek noch ein junger Wilder vom Prenzlauer Berg?

Formal ist Wawerzinek nicht mehr so experimentierwütig, wie er einst war. Aber er spielt tatsächlich viel mit Sprache und schreibt immer noch seine typischen Wawerzinek-Sätze. "Wenn einem die Treue Spaß macht, ist es Liebe", lautet einer davon. Er liebt und pflegt Situationskomik. Einmal, in Ungarn, verspeist er Zierpfirsiche und denkt dabei: "andere Länder, andere Früchte". Ein Irrtum, sie sind ungenießbar. Diese Suche nach neuen Formulierungen und originellen Sätzen führt Wawerzinek in "Liebestölpel" auf einen Mann zurück, den er seinen Opa nennt – sein Pflegevater, der ihn aus dem Kinderheim holte. Was der ihm sagt, daran hält der Autor sich wohl bis heute.

Ist hilfreich, die Dinge des Lebens mit eigenen Begriffen zu beschreiben. Dann weiß man, worüber man spricht und muss nicht alles nachplappern.

Pflegevater in "Liebestölpel" von Peter Wawerzinek

Peter Wawerzinek sitzt auf dem Blauen Sofa und stellt "Liebestölpel" vor.
Auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert Peter Wawerzinek 2019 seinen neuen Roman "Liebestölpel". Bildrechte: imago images/Manfred Segerer

Die Handlung deckt mehrere Jahrzehnte ab, von der Kindheit in den 60er-Jahren bis heute. Der Erzähler erinnert sich etwa an die Weltfestspiele 1973 in Berlin und beschreibt sie mit dem Satz: "Die Wiese rund um den Fernsehturm ist völlig plattgelegen von den internationalen Liebespaaren." Und er geht zurück in die 80er-Jahre, als der Prenzlauer Berg noch ein Abenteuerspielplatz für Leute wie ihn war: "Im Vergleich zu heute waren wir damals freier, obwohl wir eingesperrt waren, unsere Aktivitäten überwacht wurden und Mangel herrschte. Wir glichen das alles mit Fantasie, Rebellentum, Lebenslust und Feierlaune aus." An solchen Sätzen merkt man, so leicht, wie das Buch auf den ersten Blick daherkommt, ist es nicht. Der "Liebestölpel" blickt quasi nebenbei auf ein halbes Jahrhundert zurück. Ein sehr unterhaltsames Buch, dem man sein Gewicht nicht anmerkt.

Infos zum Buch Peter Wawerzinek: "Liebestölpel"
Kiepenheuer & Witsch, 2019
304 Seiten, gebunden
20 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Oktober 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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