Festival "Literatur JETZT!" – Mit vielen starken Frauen in Dresden

Mit Anna Mateur startete die 11. Ausgabe des Dresdner Festivals "Literatur JETZT!", das sich besonders der zeitgenössischen Szene widmet. Helge Pfannenschmidt, Verleger und Mitorganisator, gibt Auskunft über die thematischen Linien und Gäste, die sich diesmal freuen dürfen, im frisch restaurierten Ballsaal im neu bezogenen Zentralwerk zu lesen. Mit dabei ist Isabelle Lehn, die mit "Frühlingserwachen" eins der Bücher dieses Jahres geschrieben hat, wie die Festivalmacher finden.

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MDR KULTUR - Das Radio Mi 25.09.2019 12:10Uhr 06:36 min

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"Literatur JETZT!" hat längst zu einem eigenen Profil gefunden, zum elften Mal bereits werden in Wort und Performance geschulte Autoren und Autorinnen nach Dresden geholt, im letzten Jahr erkundeten Corinna Harfouch und Büchner-Preisträger Marcel Beyer das labyrinthische Werk von Alexander Kluge. Auf ein Motto verzichten Sie diesmal, aber gibt es thematische Linien, die Ihnen besonders wichtig sind?

Helge Pfannenschmidt, Verleger und Mitorganisator: Die gibt es in der Tat, obwohl wir im Unterschied zu den letzten Jahren kein spezielles Thema haben, auch weil uns diese Motti inflationär geworden zu sein scheinen und den Zwang mit sich bringen, die Inhalte da so reinzupressen.

Anna Mateur
Anna Mateur bestreitet den Auftakt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Außerdem bedeutet 2019 für uns sowieso ein Jahr der Veränderungen: Wir stehen auf eigenen Beinen, haben den Verein "Literatur JETZT!" gegründet, um das Festival zu organisieren. Wir haben mit dem Zentralwerk einen festen Ort gefunden. Wir sind inzwischen zehn, 12 Leute und wollen uns auf unsere eigenen Stärken konzentrieren. Da das Festival immer schon "Literatur JETZT!" heißt, fanden wir, das ist doch auch ein Anspruch. Es gibt ja eine große Bandbreite an Schreibweisen und Präsentationsformen, die abzubilden, dachten wir, ist Thema genug. Auffällig dieses Jahr: Wir haben viele starke Frauen dabei, beispielsweise Anna Mateur, Marion Brasch, Lola Randl ...

Da muss ich Sie kurz unterbrechen, zum Namedropping kommen wir später ... Sie sagten gerade, Sie wollten sich thematisch nicht einengen, in den vergangenen Jahren haben Sie ja auch Grenzüberschreitungen zu anderen Medien versucht. Gibt es die wieder?

Literatur Jetzt! - Impressionen vom Dresdner Festival zeitgenössischer Literatur
Neues Domizil: Zentralwerk in Dresden-Pieschen Bildrechte: Literatur Jetzt! e.V.

Ja, wir haben wieder eine Ausstellung. Eingeladen haben wir Nicolas Mahler aus Wien, ein Comic-Zeichner und Karikaturist, den man an seinen extrem reduzierten Figuren erkennt. Die heißen dann Flaschko oder Engelmann. Die führen ein gewisses Eigenleben, tauchen aber auch auf in von Mahler komprimierten Romanen der Weltliteratur wie Musils "Mann ohne Eigenschaften", Thomas Bernhards "Alte Meister" oder Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Er ist im Prinzip ein Erzähler in Bildern, arbeitet aber auch fürs Satiremagazin "Titanic" und wurde bereits mit dem Deutschen Karikaturenpreis ausgezeichnet.

Bei der Aufnahme in die Kunsthochschule wurde ihm damals noch gesagt, er sei nicht High-, sondern Low Art. Diese Anekdote mögen wir sehr, weil wir schon bei der Festivalgründung gesagt haben, dass wir diese Unterscheidung eigentlich nicht mehr zeitgemäß finden.

Wir haben auch Konzerte im Programm und außerdem ein Format, das es in Dresden noch nie gab, das ist der Reporterslam. Journalisten haben zehn Minuten Zeit, auf möglichst unterhaltsame Weise in Bild und Ton von ihren Recherchen zu berichten.

Sie nannten vorhin mit Anna Mateur und Marcel Beyer schon zwei bekannte Dresdner Namen, gibt es neue Stimmen, die beim Festival zu entdecken sind?

Literatur Jetzt! - Impressionen vom Dresdner Festival zeitgenössischer Literatur
Die Requisiten liegen bereit. Bildrechte: Literatur Jetzt! e.V.

Da fällt mir als erstes Isabelle Lehn ein, stammt aus Köln, lebt in Leipzig, hat dort am Literaturinstitut studiert. Wir finden, mit "Frühlingserwachen" hat sie eins der Bücher des Jahres geschrieben und sie trifft damit auch das Interesse unsere Hauptzielgruppe, das sind viele zwischen 30 und 40. Lehns Buch kreist um die Frage, wann ist man zu alt, um sich zu jung für ein Kind zu fühlen. Wir finden, bisher hat keiner, den wir kennen, so ungeschönt, schamlos, aber auch abgründig komisch über den eigenen Körper geschrieben.

Wir finden die Autorin ganz toll und sie kommt in einer Doppelfunktion zu uns: Sie stellt ihr Buch am Samstag 17 Uhr in einer Einzellesung vor, 19 Uhr präsentiert sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Rebecca Salentin noch eine Show: "Die schlecht gemalte Deutschlandfahne". Da wird Marion Brasch zu Gast sein.

Was spricht für das Zentralwerk in Dresden-Pieschen als neuen Festivalort?

Literatur Jetzt! - Impressionen vom Dresdner Festival zeitgenössischer Literatur
Der Ballettsaal im Zentralwerk Bildrechte: Literatur Jetzt! e.V.

Für mich ist er sehr nahe liegend, weil ich dort mit meinem Verlag Azur sitze. Das Zentralwerk ist ein Ort mit einer langen und wechselvollen Geschichte. Die Leute im Viertel in Dresden-Pieschen kennen vielleicht noch die Druckerei Völkerfreundschaft, die dort war bis in die 1990er-Jahre, vorher waren dort die Göhlert-Werke, eine Munitionsfabrik. Jetzt wird das Gelände von einer Genossenschaft betrieben, aber nicht so als klassisches Kreativ-Quartier. Dort sind alles Leute, die den Inhalt an erste Stelle setzen und dann gucken, wie man damit vielleicht Geld verdient. Angesiedelt haben sich das freie Radio "coloRadio", Chaos Computer Club, Gestalter, Fotografen, Restauratoren.

Ein Großteil der Lesungen von "Literatur JETZT!" wird im großen Ballsaal stattfinden, der in den letzten Monaten mit viel Eigeninitiative restauriert wurde.

Das Gespräch führte Anett Mautner, MDR KULTUR.

Schauspielerin Corinna Harfouch und Autor Marcel Beyer beim Dresdner Festival "Literatur Jetzt!" 2018
Schauspielerin Corinna Harfouch und Autor Marcel Beyer beim Dresdner Festival "Literatur Jetzt!" 2018 Bildrechte: Literatur Jetzt! e.V. / Peter R. Fischer

Über das Festival "Literatur JETZT!" | 25.-29.09.2019 Der Verein "Literatur JETZT!" gründete sich 2019, um das Festival zu organisieren und fand im Zentralwerk im Dresdner Stadtteil Pieschen ein neues Zuhause.

"Mit seinem renovierten Ballsaal, den Ateliers und Werkstätten ist er wie gemacht für unsere Mission: den missing link zwischen literarischer Subkultur und der etablierten Literaturszene zu schaffen und eine maximale Bandbreite literarischer Schreibweisen abzubilden – mit offenen Grenzen hin zu Musik und bildender Kunst", sagen die Literatur-Enthusiasten.

Neben den fünf Festivaltagen im September soll es künftig auch "Mikro-Festivals" in allen anderen Jahreszeiten geben.

Unter dem Titel "Literatur FETZT!" gibt es ab diesem Jahr außerdem immer am Sonntag ein Lesungsprogramm speziell für Kinder!

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. September 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2019, 15:02 Uhr