Uwe Friedrichsen als Professor Friderickson bei der Hoerspielproduktion Jules Verne "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" im Hörspielstudio des MDR
Uwe Friedrichsen liest Prosatexte von Wolfgang Borchert Bildrechte: MDR/ Martin Jehnichen

Klassikerlesung | 02.09.–30.09.2019 | Vor 80 Jahren: Beginn des Zweiten Weltkrieges Wolfgang Borchert: "Billbrook" und andere Prosa

Eindringlich wie kaum ein anderer schilderte Wolfgang Borchert (1921-1947) in seinen Werken das Leid und die Trauer der Kriegsheimkehrer. Seine Gedichte, Kurzgeschichten und das Drama "Draußen vor der Tür" machten ihn zu einem der bekanntesten Autoren der Nachkriegszeit. Diese Klassikerlesung präsentiert eine Auswahl seiner Prosawerke. Es lesen Rolf Ludwig, Uwe Friedrichsen, Jutta Hoffmann u.a.

Uwe Friedrichsen als Professor Friderickson bei der Hoerspielproduktion Jules Verne "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" im Hörspielstudio des MDR
Uwe Friedrichsen liest Prosatexte von Wolfgang Borchert Bildrechte: MDR/ Martin Jehnichen

Gedichte verfasste Wolfgang Borchert, 1921 in Hamburg geboren, schon seit seinem 15. Lebensjahr, doch eigentlich wollte er Schauspieler werden. Neben einer Buchhändlerlehre nahm er heimlich Schauspielunterricht und spielte nach bestandener Prüfung wenige Monate im Tourneetheater der Landesbühne Osthannover. Im Juni 1941 wurde er durch die Einberufung zum Kriegsdienst aus seinem "Lebenstraum gerissen".

Der deutsche Schriftsteller Wolfgang Borchert (undatierte Aufnahme).
Wolfgang Borchert (1921-1947) Bildrechte: dpa

Schwerkrank kehrte Borchert 1945 nach Hamburg zurück. Er hoffte, wieder als Schauspieler arbeiten zu können, doch seine körperliche Verfassung ließ Bühnenauftritte nicht zu. Ans Krankenbett gefesselt, widmete er sich dem Schreiben. Ab Januar 1946 entstanden zahlreiche an der amerikanischen Short Story ausgerichtete Kurzgeschichten, in denen er die Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit thematisierte. In nur acht Tagen verfasste er das Drama "Draußen vor der Tür". Es wurde im Februar 1947 vom Nordwestdeutschen Rundfunk als Hörspiel uraufgeführt. Die Erstausstrahlung hatte eine ungeheure Wirkung beim Publikumt. Viele Kriegsheimkehrer identifizierten sich mit Borcherts Stück.

Borcherts Leben blieb überschattet von Krankheit. "Ich will keine Zeile mehr schreiben können, wenn ich nur mal über die Straße gehen dürfte, mal wieder Straßenbahn fahren – und an die Elbe gehen", äußerte er in einem Brief. Die Uraufführung von "Draußen vor der Tür" an den Hamburger Kammerspielen 21. November 1947 erlebte er nicht mehr. Borchert starb einen Tag zuvor in einem Baseler Krankenhaus. Er wurde 26 Jahre alt.

Jutta Hoffmann als Selma Weber bei der MDR Hörspielproduktion 'Keine weiteren Vorkommnisse' am 09.09.2008 in Halle. 4 min
Bildrechte: MDR

Die Kurzgeschichte "Die Kirschen" erzählt vom Alltag in der Nachkriegszeit und dem Misstrauen zwischen einem Jungen und seinem Vater. Es liest Jutta Hoffmann.

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.09.2019 15:10Uhr 04:02 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-radio/audio-lesung-wolfgang-borchert-prosa-zwei-100.html

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Jutta Hoffmann als Selma Weber bei der MDR Hörspielproduktion 'Keine weiteren Vorkommnisse' am 09.09.2008 in Halle. 5 min
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Wolfgang Borchert verlegt die "Weihnachtsgeschichte" in die Nachkriegszeit. In den Trümmern einer Stadt wird ein Kind geboren. Es liest Jutta Hoffmann.

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.09.2019 15:10Uhr 04:39 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-radio/audio-lesung-wolfgang-borchert-prosa-drei-100.html

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Wolfgang Borchert in der Klassikerlesung

In dieser Klassikerlesung sendet MDR KULTUR ausgewählte Prosatexte von Wolfgang Borchert. Ein ungewöhnlich heiterer Text ist die Kurzgeschichte "Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels". Aus der Sicht eines Jungen wird das Aufeinandertreffen zwei ganz unterschiedlicher Menschen geschildert, die eine Gemeinsamkeit haben: beide lispeln. Nach anfänglichen Missverständnissen entsteht daraus eine Freundschaft.

Die Erzählung "Billbrook" handelt von einem kanadischen Fliegerfeldwebel namens Bill Brook, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Hamburg stationiert ist und feststellt, dass ein Stadtteil seinen Namen trägt. Als er sich aufmacht, den Ort zu besichtigen, kommt er durch eine menschenleere Trümmerlandschaft und begreift erst langsam das Ausmaß der Zerstörung in den Bombennächten.

Er lachte laut und erschrocken. Er lachte, und es war wie kleine Schreie, laut und erschrocken. Die ganze gewaltige große Stadt – in zwei Nächten? Er wußte nicht, was er anderes tun sollte, als lachen. […] Zehntausend Tote. Flach, platt und tot. Zehntausend in zwei Nächten. Eine ganze Stadt! In zwei Nächten. Flach, platt, tot.

Wolfgang Borchert Billbrook

In dem 1947 entstandenen Prosatext "Das ist unser Manifest" rechnet Borchert im Namen seiner Generation mit der Vergangenheit ab und formuliert seine Vorstellungen für einen Neuanfang, auch in der Literatur:

Wir brauchen keine Stilleben mehr. Unser Leben ist laut. Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv.

Wolfgang Borchert Das ist unser Manifest

Bekannte Interpreten

Zu den bekannten Interpreten der Werke Wolfgang Borcherts gehören die Schauspieler Rolf Ludwig und Uwe Friedrichsen, die beide auf besondere Weise mit dem Werk des Schriftsellers verbunden sind.

Der Schauspieler Rolf Ludwig (1925-1999) war wie Borchert von traumatischen Erlebnissen im Zweiten geprägt. Als Jagdflieger bei der Luftwaffe wurde er 1944 über Holland abgeschossen und geriet in britische Kriegsgefangenschaft. Beeindruckt von Borcherts Texten, begann er bereits im Gefangenenlager einen Briefwechsel mit dem jungen Schriftsteller. Wenn er sich in seinen zahlreichen Lesungen solchen verlorenen Figuren wie Borcherts Heimkehrer Beckmann zuwandte, ging das in einer unverwechselbaren Weise unter die Haut. Seine dem Schriftsteller gewidmeten Rezitationsabende zählen zu den Höhepunkten seiner Karriere.

Uwe Friedrichsen (1934-2016) wurde wie Borchert in Hamburg geboren. Seine Schauspielausbildung finanzierte er sich als Hafenarbeiter und Zeitungsjunge. 1953 gründete er mit Freunden in Hamburg das "theater 53", in dem er über drei Jahre lang mit Borcherts Texten auftrat.

Friedrichsen war einer der ersten Hamburger Stars, der in den 90er-Jahren nach Leipzig zum MDR ins Hörspielstudio kam. Ob Hans Fallada, Michael Ende, Jule Verne oder James Krüss, von seiner warmen, nachdenklich-spröden Stimme profitierten Dutzende Hörspiele, Features und Lesungen von MDR KULTUR.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Klassikerlesung
Vor 80 Jahren: Beginn des Zweiten Weltkrieges
"Billbrook" und andere Prosa (21 Folgen)
Von Wolfgang Borchert

Sendung:
02.09.–30.09.2019 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

Folge 1 dieser Klassikerlesung steht hier sieben Tage zum Hören bereit. Die Kurzgeschichten "Die Kirschen" und "Die drei dunklen Könige" aus Folge 2 stehen ein Jahr lang zum Hören bereit. Alle anderen Folgen können wir Ihnen aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zum Hören anbieten. Das private Aufzeichnen von Radiobeiträgen ist jedoch zulässig. Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Seite "Radiobeiträge aufnehmen mit Computer oder Smartphone".

Inhalt der einzelnen Folgen 02.09.2019 | 1. Folge:
"Nachts schlafen die Ratten doch" und "Die Küchenuhr"
Es liest: Rolf Ludwig, Produktion: Rundfunk der DDR 1986

03.09.2019 | 2. Folge:
"Wolfgang Borchert an Max Gantz, 27.2.1947"
Es liest: Michael Maertens, Produktion: MDR 1999
"Die Kirschen" und "Die drei dunklen Könige"
Es liest: Jutta Hoffmann, Produktion: MDR 2004

04.09.2019 | 3. Folge:
"Die Kegelbahn" und "Vier Soldaten"
Es liest: Uwe Friedrichsen, Produktion: NDR 1984

05.09.2019 | 4. Folge:
"Der viele Schnee"
Es liest: Uwe Friedrichsen, Produktion: NDR 1984

06.09.2019 | 5. Folge:
"Mein bleicher Bruder"
Es liest: Uwe Friedrichsen, Produktion: NDR 1984

09. – 11.09.2019 | 6. bis 8. Folge:
"Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels"
Es liest: Horst H. Vollmer, Produktion: NDR 1997

12. – 13. 09. 2019 | 9. und 10. Folge:
"Der Kaffee ist undefinierbar"
Es liest: Rolf Nagel, Produktion: 1984

16. - 20.09.2019 | 11. bis 15. Folge:
"Billbrook"
Es liest: Rolf Ludwig, Produktion: MDR 1992

23.09.2019 |16. Folge:
"Jesus macht dicht" und "Die Katze war im Schnee erfroren"
Es liest: Uwe Friedrichsen, Produktion: NDR 1984

24.09.2019 | 17. Folge:
"Die Nachtigall singt" und "An diesem Dienstag"
Es liest: Uwe Friedrichsen, Produktion: NDR 1984

25. – 27.09.2019 |18. bis 20. Folge:
"Das ist unser Manifest"
Es liest: Uwe Friedrichsen, Produktion: NDR 1984

30.09.2019 | 21. Folge:
"Radi" und "Lesebuchgeschichten"
Es liest: Uwe Friedrichsen, Produktion: NDR 1984

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Zuletzt aktualisiert: 02. September 2019, 04:00 Uhr

Buchcover: Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk
Bildrechte: Rowohlt Verlag

Buchtipp Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk

Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk

Taschenbuch: 576 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3499249808
12,99 Euro

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