Autor Matthias Senkel
Mit seinem zweiten Roman hat der Leipziger Autor Matthias Senkel Chancen auf den Preis der Leipziger Buchmesse. Bildrechte: Dietze/Matthes & Seitz Verlag

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse Matthias Senkel lässt russische Programmierer die Weltformel suchen

Der Leipziger Autor Matthias Senkel ist mit seinem Roman "Dunkle Zahlen" dieses Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert. Darin erzählt er überaus komisch von den Aufbrüchen der sowjetischen Rechen- und Computertechnik.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Autor Matthias Senkel
Mit seinem zweiten Roman hat der Leipziger Autor Matthias Senkel Chancen auf den Preis der Leipziger Buchmesse. Bildrechte: Dietze/Matthes & Seitz Verlag

Fast dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers macht es immer noch Spaß, dieses System an seinen einstigen großen Versprechen zu messen. Wollten Honecker, Breshnew und Co. mal nicht den Westen übertrumpfen – und zwar nicht nur an Gerechtigkeit, sondern auch im Maschinenbau, in der Gesundheitsfürsorge oder auch in der Elektronischen Datenverarbeitung? Heute aus der Distanz von 30 Jahren kann man auf all das zurückschauen. Matthias Senkel tut das auf einem besonders komik-trächtigen Gebiet, bei der Computertechnik, die eben auch von der Raumfahrernation Sowjetunion aufs Heftigste erforscht wurde. Also ruft man in der Sowjetunion der 1980er-Jahre zur Spartakiade der Programmierer – mit diesen großen Jugend-Wettkämpfen kannte man sich ja aus im Osten:

In siebeneinhalb Stunden würde Dmitri Sowakow ans Mikrofon treten und die zweite Internationale Spartakiade der jungen Programmierer eröffnen. Noch aber stand der Vorsitzende des Spartakiadekomitees auf der Schwelle eines zweckentfremdeten Hotelzimmers. (…) Abhörtechniker bereiteten sich auf den Schichtwechsel vor, zogen bequeme Schlappen an.

Aus "Dunkle Zahlen" von Matthias Senkel

Ein Roman wie computergenerierter Text

Moskau 1985: die Spartakiade der Programmierer. Alle sowjetischen Unionsrepubliken schicken ihre talentiertesten jungen Tüftler, und auch die Klassenbrüder aus Polen, Bulgarien, Kuba oder der DDR sind angereist. Von dieser Matrix her entwickelt Matthias Senkel seinen Roman, der selbst wiederum als ein computergenerierter Text getarnt ist. Jede Abweichung und Verzweigung ist erlaubt, jedes Spiel gegen den konventionellen Roman ist dem Programm eingeschrieben: Witzearchiv oder Kreuzworträtsel, alles ist dabei.

Eine Geschichte der russischen Programmierkunst

Computer und Bildschirme an Bord der TAMARA
Sowjetische Computertechnik wird gern mit Spionage assoziiert. Bildrechte: Peter Blümer

Das eigentliche Roman-Geschehen nun fluppt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her – und erzählt, parodistisch aufbereitet, eine Geschichte der russischen Programmierkunst. Von den 1980er-Jahren geht es ins 19. Jahrhundert, dann in die 1950er-Jahre – und dann auch mal wieder in die Zukunft, ins Jahr 2023. Ein Agent aus dem Westen taucht auf, ein Koffer verschwindet, eine ganze Spartakiade-Delegation, die der Kubaner nämlich, geht verloren. Und Wie wir erfahren, hat schon im 19. Jahrhundert ein mysteriöser russischer Lyriker mittels einer Poesiemaschine die ganze Welt mit seiner Dichtung erfassen wollen: "In Sigizmund Kršišanovskijs wegweisendem Artikel 'Der große Unbekannte' heißt es, dass weder Teterevkins Zeitgenossen noch die nachfolgende Generation dessen Konzeption einer Automatendichtung zu erfassen vermochten.'" (Aus "Dunkle Zahlen" von Matthias Senkel)

Voll mit Ideen, gewieften Ableitungen und großer Erzähllust

Ein technisch-poetischer Welteroberungsplan, der im Moskau der 1960er-Jahre seine Fortsetzung findet. Die Geschichte der Rechentechnik ist eben auch in der Sowjetunion eine Geschichte der Nerds und Sonderlinge, die in winzigen Zimmern die Weltformel finden wollen.

Das Gewicht der mechanischen Rechenanlage und ihres Speichers summierte sich ohne Gnade, Tag um Tag und Karte um Karte, und so verbogen sich allmählich die Fußbodendielen des ehemaligen Salons.

Aus "Dunkle Zahlen" von Matthias Senkel

Ein Bild, das sich gewisser Weise auch auf diesen Roman übertragen lässt: Er ist knallvoll mit Ideen und gewieften Ableitungen, in denen historische Spuren und ihre Verwehungen mit großer Erzähllust übereinandergeschichtet sind. Ein Lese-Vergnügen, zweifellos.

Eine kritische Nachfrage aber sei trotzdem gestattet: Muss wirklich jeder Charakter, jede Situation auf ihre skurrile Zuspitzung hin angelegt sein? Tut es dem Roman gut, dass die russischen Männer zumeist als schnapsselig-kauzartige Wesen dargestellt werden? Die Komik und das Spiel dieses Romans trügen doch auch dann, wenn sie nicht auf jeder Seite so überdeutlich ausgestellt wären.

 "Dunkle Zahlen von Matthias Senkel
Bildrechte: Verlag Matthes & Seitz

Informationen zum Buch Matthias Senkel: "Dunkle Zahlen"
Matthes & Seitz Verlag
488 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-95757-539-5
24,00 €

Weiterlesen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Februar 2018 | 16:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Februar 2018, 00:00 Uhr

Weiterlesen

Mehr Literatur bei MDR KULTUR

Cover: "Das Liebesleben der Tiere"
Bildrechte: Klett Kinderbuch Verlag

Katharina von der Gathen und Anke Kuhl bieten mit ihrem genial-witzigen Kindersachbuch eine sachliche, humorvolle Erklärung in Text und Bild an, die begeistert. Britta Selle stellt es vor.

MDR KULTUR - Das Radio Di 18.09.2018 18:05Uhr 04:25 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio