V.l.n.r.: Gitarrist Chris Hinze, Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt, Schlagzeuger Lars Neugebauer und Bassist Tilman Fürstenau (alle Sandow)
V.l.n.r.: Gitarrist Chris Hinze, Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt, Schlagzeuger Lars Neugebauer und Bassist Tilman Fürstenau (alle Sandow) Bildrechte: IMAGO

Neues Album Sandow kehrt zurück aus "Entfernten Welten"

"Born in the GDR" - das war "Sandows" Totenlied auf die DDR. Fast 30 Jahre später ist die Band immer noch auf der Suche nach der Alternative, die letzte Expedition führte bis nach Papua-Neuguinea. Das neue Album nennt Frontmann Kai-Uwe Kohlschmidt einen Fluchtversuch in "Entfernte Welten".

von Dennis Wagner, MDR KULTUR

V.l.n.r.: Gitarrist Chris Hinze, Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt, Schlagzeuger Lars Neugebauer und Bassist Tilman Fürstenau (alle Sandow)
V.l.n.r.: Gitarrist Chris Hinze, Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt, Schlagzeuger Lars Neugebauer und Bassist Tilman Fürstenau (alle Sandow) Bildrechte: IMAGO

"Sandow" gehörte zu den "Anderen Bands" des Ostens. Republikweit bekannt machte sie der Dokumentarfilm "Flüsten und Schreien", der 1988 die alternative Jugend- und Musikszene der DDR porträtierte. Kaum ein Jahr später lieferte "Sandows" Song "Born in the the GDR" den Soundtrack zur Wende. Ostalgisch war der Titel nicht gemeint, eher als wütender Abgesang.

Wir können bis an unsere Grenzen geh'n
Hast du schon mal drüber hinweg geseh'n

Aus: "Born in the GDR", Sandow

Während "Rammstein", einst "Sandows" Vorband in den 90er-Jahren, zum internationalen Hitmonster aufstieg - blieb "Sandow" eine Avantgardeband fernab des Mainstreams. Nach Bandauflösungen, Umbesetzungen und Projekten ist "Sandow" zum 35. Band-Jubiläum mit einem neuen Album zurück. "Entfernte Welten" heißt es. Frontmann Kai-Uwe Kohlschmidt nennt es einen großen Fluchtversuch.

Es juckt dir unterm Stiefel. Das Haus ist dir ein Grab.
Du hast Hospitalitis. Lebendig eingesargt.

Aus: "Cupidus", Sandow

Nicht an "Hospitalitis" leidet Kohlschmidt, er hat "Cupidus". Das lateinische Wort steht für begierig - und für das Programm der Künstlergruppe "Mangan25", mit der Kohlschmidt seit vielen Jahren auf "Expeditionen" geht. Zuletzt war er unterwegs in Papua-Neuguinea auf den Spuren des deutschen Kolonialoffiziers Hermann Detzner, in einer Kolonie immerhin 14.000 Kilometer von Deutschland entfernt. Als Reisebilderbogen will Kohlschmidt das Album aber nicht verstanden wissen.

Es geht um die Erfahrung in der Wildnis - die Auseinandersetzung mit der menschlichen Verfasstheit - und die Rückschau aus der Wildnis heraus - auf das, was wir die Zivilisation nennen. Mich interessiert dabei die Tagespolitik überhaupt nicht, ich habe eher einen ethnologischen Blick darauf, woher wir kommen, wer wir sind.

Kai-Uwe Kohlschmidt
Unterwegs auf Papua
Unterwegs auf Papua Bildrechte: Sandow

Die Expeditionen durch Hochgebirge, Meere oder Wüsten tauchen in dem neuen Album von Sandow immer wieder auf.

"Entfernte Welten" sind es - und gleichzeitig führen sie auf Plateaus - um auf die Welt im Ganzen - und auf sich selbst zu blicken.

Der Expeditionsmodus ist etwas voller Adrenalin, etwas voller Aufmerksamkeit. Man fühlt sich selten so wach.

Kai-Uwe Kohlschmidt

Kai-Uwe Kohlschmidt gründete "Sandow" im gleichnamigen Cottbuser Neubaugebiet im Alter von 13. Im Dokfilm "Flüstern und Schreien" von 1988 ist er - gerade mal volljährig - derjenige, der die Welt, wie sie ist, in Frage stellt - und 30 Jahre später ist er noch immer auf der Suche nach einer Utopie. Doch die Suche führt immer wieder in Sackgassen. "Wir waren viel zu dumm, 89 war nix" - heißt es in einem Lied, in dem er eine kommende blutige Revolution herbeiprophezeit.

Wer - oder welche Generation vor allen Dingen ist gefordert, wieder Utopien zu denken? Also ich empfinde unser Europa als extrem utopielosen Raum. Wir verwalten nur Wohlstand und Egomanie.

Kai-Uwe Kohlschmidt
Männer musizieren
Session: "Die papuanische Musik ist anders, lässt sich kaum notieren, schwebt eher." Bildrechte: Sandow

14.000 Kilometer von Europa entfernt erscheinen die papuanischen Bergvölker selbst wie eine archaische, viel gerechtere Utopie. Mit den Deutschen hat man dort längst seinen Frieden gemacht - der einstige Kolonialoffizier Detzner wird dort sogar als Heiliger verehrt - und trotz der Kulturunterschiede musiziert man zusammen. Doch Kriege um Land, Besitz, aus Rache - gibt es auch hier, weiß Kohlschmidt, er ist nicht so naiv, die "Unmöglichkeit zur friedlichen Verfasstheit" anzuklagen. Denn:

Wir sind einfach das Raubtier, das irgendwann auf zwei Beinen lief. Aber was mit den Aufklärern oder mit den ersten Utopisten begann, das ist nach wie vor Auftrag. Wir dürfen damit nicht aufhören, aus Zufriedenheit uns nach vorn, in eine bessere Welt zu denken.

Kai-Uwe Kohlschmidt
Männer musizieren
Im Studio Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das klanggewaltige neue Album von Sandow ist eine ziemliche Ausnahmeerscheinung. Es ist zum einen ein poetisches und kraftvolles Rockalbum - und gleichzeitig eine Art Hörspiel mit feinsten Klängen und Tonfetzen der zahlreichen -  und oft dramatischen Expeditionen. Über zehn Jahre hat "Sandow" daran gearbeitet, eine Band als Labor, Grundlagenforschung jenseits von Erwägungen der Marktgängigkeit:

Da wir keinem kommerziellen Druck ausgesetzt sind und überhaupt nicht in der kommerziellen Struktur stattfinden, können wir diese Band auch als Labor betreiben.

Kai-Uwe Kohlschmidt

Das heißt für Kohlschmidt auch: "Wir nehmen uns die Zeit, die es braucht. Wenn das in dem Falle jetzt zehn Jahre waren, dann waren es eben zehn Jahre." Er findet, dem Album sei diese Sorgfalt auch anzuhören.

Der Ausflug in die Wildnis, der sich Kohlschmidt immer wieder aussetzt - ist für eine bessere Aussicht auf die Welt in jedem Fall empfehlenswert. "Sandow" liefert immer noch einen hervorragenden Soundtrack, wenn es darum geht, über Grenzen hinwegzusehen.

Expedition in andere Welten, diesmal ins Hochland von Papua-Neuguinea
Expedition in andere Welten, diesmal ins Hochland von Papua-Neuguinea Bildrechte: Sandow

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 28. September 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019, 09:07 Uhr

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20.10.17 Rostock, Mau Club
10.11.17 Pößneck, Shedhalle
17.11.17 Cottbus, Gladhouse
18.11.17 Potsdam, Waschhaus
02.12.17 Lugau, Landei
08.12.17 Plauen, Malzhaus
16.12.17 Döbeln, KL17

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