Buchrezension "Das zweite Schwert" Peter Handkes neues Buch zeigt ihn als Giganten der Beschreibungskunst

Nach der Verkündung Peter Handkes als Literaturnobelpreisträger im letzten Jahr stand der österreichische Autor in der Kritik: Debatten um seine proserbische Haltung im Jugoslawienkrieg bestimmten die Berichterstattung. Jetzt erscheint sein neues Buch: "Das zweite Schwert" lässt viele autobiografische Bezüge erkennen. Vor allem aber zeigt das Werk einmal mehr Handkes meisterhafte Sprachkunst. Für unseren Kritiker gibt es derzeit niemanden, der an Handkes Stil herankommt.

Literaturpreisträger Peter Handke während seiner Nobelvorlesung an der Schwedischen Akademie in Stockholm.
Peter Handke während seiner Nobelvorlesung in Stockholm 2019 Bildrechte: imago images/TT

Peter Handke nennt sein Buch "Das zweite Schwert" im Untertitel "Eine Maigeschichte". Das Wort "Maigeschichte" besitzt hier eine Doppelbedeutung. Zum einen hat der Autor die Geschichte im Mai vorigen Jahres beendet, und zwar in seinem Haus in Chaville südlich von Paris, wo er seit 1990 lebt. Zum anderen lässt er die Story tatsächlich im Monat Mai spielen. Die Orte, an denen Handke das Geschehen ansiedelt, liegen übrigens alle in der Region Ile de France, also dort, wo der Schriftsteller wohnt. Das lässt vermuten, dass es sich um stark autobiografisch getönte Prosa handelt, und diese Ahnung bestätigt sich sehr rasch.

Autobiografische Bezüge zu Handke und seiner Mutter

Es geht um seine Mutter, die 1972 Selbstmord beging. Peter Handke hat ihr in dem Buch "Wunschloses Unglück" kurz nach dem Suizid ein Denkmal gesetzt. In einem Interview erklärte er damals: "Wir waren ja in irgendeiner Weise ein seltsames Paar. Was mich betrifft, war ich wohl der gereizte Partner einer liebenden älteren Frau." Obwohl Kritiker seinerzeit mutmaßten, Handke habe sich mit diesem Buch selbst therapiert und sei dem postumen Einfluss seiner Mutter entronnen, irrten sie sich. Das zeigte sich schon an der Nobelpreisrede des Schriftstellers, die ganz im Zeichen der Erinnerung an die Mutter stand und bei der ihm die tiefe emotionale Bewegtheit anzumerken war, weil seine Stimme immer brüchiger und leiser wurde. Und wenn in dem neuen Buch jetzt an einer Stelle vom "Andenken an meine heilige Mutter" die Rede ist, dann tritt zu Tage, dass die Bewältigung der komplizierten Mutter-Sohn-Beziehung keineswegs abgeschlossen ist.

Stein des Anstoßes ist ein Zeitungsartikel, in dem eine Journalistin erklärte, die Mutter des Protagonisten sei eine von Millionen aus der einstmals großen Donaumonarchie gewesen, die 1938 die Einverleibung des kleingewordenen Österreichs ins "Deutsche Reich" begrüßte. Mehr noch: Sie habe das Ereignis bejubelt und sei eine Anhängerin Hitlers gewesen. Diese Behauptung bringt den Protagonisten in Handkes Roman in Rage, er will sie nicht so im Raum stehen lassen und deshalb sinnt er auf Rache. Ob er tatsächlich zum Gegenschlag ausholt, mögen die Handke-Fans selbst erkunden.

Für mich ist Handke einer der letzten, wenn nicht der letzte große deutsche Erzähler unserer Epoche.

Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

In "Das zweite Schwert" hat sich Handkes Mutter-Bild seit seinem Buch "Wunschloses Unglück" zum Positiven verändert. Er schreibt über sie: "Und sie erzählte und erzählte. Sie erzählte am Morgen, sie erzählte am Abend, sie erzählte in der Nacht." Sie verkörpert für ihn eine Art Scheherezade, die sich durch das wie im Rausch erfolgende Fabulieren, mit dem sie ihre wachsenden Depressionen bekämpfte, ständig neu erfand. Im Grunde führte sie ihren Sohn auf den Pfad des Erzählens. Daher entpuppt er sich im Verlauf der Geschichte zunehmend als ihr Spiegelbild.

Handke bleibt ein Meister der Sprache

Handke gilt seit jeher als exzellenter Stilist und hält das Niveau auch in seinem neuen Werk. Ein weiteres Mal macht er seinem Ruf als Sprachmagier alle Ehre. Kreidete er in seiner Jugend älteren Kollegen "Beschreibungsimpotenz" an, so muss man sagen, dass er zu einem Giganten der Beschreibungskunst gereift ist, zu einem Meister der Sprache, der über ein gewaltiges Vokabular gebietet. Virtuos beherrscht er auch die Klaviatur der Grammatik. Sein Satzbau ist grandios und ähnelt in seiner Vielgestaltigkeit dem von Thomas Mann. Für mich – und zu diesem Superlativ stehe ich uneingeschränkt – ist Handke einer der letzten, wenn nicht der letzte große deutsche Erzähler unserer Epoche. Es gibt derzeit niemanden, der ihm in punkto Stil das Wasser zu reichen vermag, und darüber herrscht auch stillschweigend Einigkeit.

Den Vorwurf, Handke sei ein Vertreter der "neuen Innerlichkeit", der das Leben wie einen Wachtraum betrachtet kann ich nicht nachvollziehen. Denn gerade durch diese Hinwendung zur vermeintlichen Innerlichkeit erreicht Handke das, was eigentlich Ziel aller großen Literatur sein sollte, nämlich Zeitenthobenheit. Handke ist kein Autor, der sein Talent an Statements zu tagesaktuellen Ereignissen verschwendet. Klammert man seine umstrittenen Äußerungen zum Jugoslawienkrieg aus, so äußert er sich nicht zu Politik, was allerdings keineswegs bedeutet, dass ihm das Zeitgeschehen egal wäre. Er bildet es nur nicht 1:1 in seinen Büchern ab, sondern verfremdet. Damit schafft er eine Art von Dichtung, die keinem raschen Verfallsdatum unterliegt und noch in 100 Jahren bei Lesern für Begeisterung sorgen dürfte.

Mehr Informationen zu Peter Handkes "Das zweite Schwert" erschienen im Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-42940-2
Taschenbuch
160 Seiten
20 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Februar 2020 | 13:10 Uhr

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