Aktuell am Staatsschauspiel Dresden "Einmeterfünfzig": Rainald Grebes Corona-Theater in Dresden

Musiker und Schauspieler Rainald Grebe hat am Staatsschauspiel Dresden eine, wie er es nennt, "Theaterphantasie mit Abstand" inszeniert. Das Stück "Einmeterfünfzig" widmet sich der Corona-Pandemie und deren Folgen für das Theater. Die Inszenierung begeistert mit ihrer großen Spielfreude, hat aber dramaturgische Schwächen, findet unser Kritiker.

Akteure auf Theaterbühne in Schutzblasen aus durchsichtigem Kunststoff. 7 min
Bildrechte: Sebastian Hoppe, Staatsschauspiel Dresden

Rainald Grebe hat am Staatsschauspiel Dresden eine, wie er es nennt, "Theaterphantasie mit Abstand" inszeniert. Das Stück "Einmeterfünfzig" widmet sich der Corona-Pandemie und deren Folgen für das Theater.

MDR KULTUR - Das Radio So 20.09.2020 13:00Uhr 06:42 min

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Die Premiere zu "Einmeterfünfzig – Eine Theaterphantasie mit Abstand " hat bewiesen, wie groß die Sehnsucht der Zuschauer nach dem Theater ist. Der Jubel am Ende, aber auch der spontane Szenenapplaus waren so groß, so echt, wie eine Befreiung – endlich wieder Theater. Und das, obwohl Rainald Grebes Inszenierung so offensichtliche strukturelle und dramaturgische Schwächen aufweist, dass man unter normalen Umständen hätte fragen können, was war das denn?

Das spielt aber alles keine Rolle, weil allen – auch den Schauspielern und Musikern auf der Bühne – trotz des einzuhaltenden Abstands von 1,50 m die Erleichterung darüber anzumerken ist, dass es überhaupt wieder Theater mit Zuschauern gibt. Sie laufen mit so viel Kraft und Freude zu künstlerischen Höchstleistungen auf, dass es die Schwächen locker übertüncht. Immer mal wieder streuen sie die Frage ein, was denn eigentlich "systemrelevant" meint, und an diesem Abend sind sich wohl alle einig, dass das Theater dazu gehört.

Abstand und Plastik-Kostüme machen das Theater Corona-konform

Wir erleben acht Spieler auf der Bühne, wie sie anfangs mit dem Abstand fremdeln, sie sitzen jeder für sich vorne am Bühnenrand, und wenn sie singen, wenden sie sich voneinander ab, und wenn sie schreien, gehen sie auf die riesige Bühne, um den Abstand noch mal zu vergrößern. Sie tragen teilweise aufgeblasene Kostüme oder stecken in riesigen transparenten Kunststoffkugeln drin, damit sie sich nicht berühren. Es gibt einen Lautsprecher, der mehrfach warnt, wenn sich zwei zu nah kommen – und dennoch: Sie wollen spielen, sie können nicht anders – es muss einfach sein! Sie spielen und singen, und der Abend hat darin so wunderschöne, so melancholische, aber auch so lustige Momente, dass man ihn einfach mögen muss. Aber: Die Handlung, in die alles eingebettet ist, ist äußerst rudimentär.

Akteure auf Theaterbühne in Schutzblasen aus durchsichtigem Kunststoff.
Liebende durch Plastik getrennt – Rainald Grebe hat sich manchen Hygienetrick einfallen lassen. Bildrechte: Sebastian Hoppe, Staatsschauspiel Dresden

Wirre Handlung mit berührenden Momenten

Ursprünglich sollte Grebe eine "Münchhausen-Geschichte" inszenieren. Doch davon ist kaum etwas übrig geblieben. Nur einmal fliegt ein Münchhausen auf einer Kanonenkugel über die Bühne und deklamiert dabei so etwas wie einen Ankündigungstext für die Inszenierung zum Saisonstart. Das stellt sich irgendwann als Rahmenhandlung heraus: ein "Tag der offenen Tür". Das Programm wird vorgestellt, Requisiten werden versteigert, Szenen werden angespielt. In diesen Rahmen wird dann sehr Verschiedenes verpackt: Es wird nostalgisch an lange zurückliegende Publikumserfolge wie die "Rocky Horror Show" von 1993 oder "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" erinnert. Man macht sich aber auch über Projekte lustig, über Volker Lösch etwa und seine Bürger-Chöre oder überambitionierte Theater-Erkundungen draußen im Stadtgebiet. Dann herrscht eine Art Dauerironie, in der alles Mögliche versteckt ist: das 30. Bühnenjubiläum von Anna-Katharina Muck ebenso wie ziemlich zynische Kommentare zur Corona-Krise. Hier gerät vor lauter Spielfreude in der Ansprechhaltung einiges durcheinander.

Sehr berührend ist aber die Geschichte einer Inspizientin, die sich nach der Schließung des Theaters im März ein kleines Lego-Theater gebaut hat, um die abgebrochene Macbeth-Inszenierung von Christian Friedel zu Hause fortzusetzen. Oder ein Film, der Absperrbänder auf Kinderspielplätzen zeigt. Es herrschte Spielverbot, und das tat weh. Auch den Schauspielern, natürlich. Ahmad Mesgarha erscheint in seinem alten, etwas zu eng gewordenen Lack-Kostüm aus der "Rocky Horror Show" und erzählt, wie es ihm erging. Er versteckt das ein bisschen hinter seiner Rolle, spielt gekünstelt blasiert, aber das ist umwerfend. Er sagt, er, der Ponto-Preisträger, gerühmt für seine Ausdrucksmöglichkeiten, habe jeden Abend um 19:30 Uhr in der Küche gestanden und Abendbrot für die Familie gemacht – Jubel im Saal. Wie auch bei Anna-Katharina Mucks Klage darüber, dass ihr Johanna-Kostüm bei der Versteigerung nur 30 Euro bringen soll, und sie es am liebsten selbst kaufen würde, um sich wieder hineinzuhungern – großartig.

Sehr berührend ist die Geschichte einer Inspizientin, die sich nach der Schließung des Theaters im März ein kleines Lego-Theater gebaut hat, um die abgebrochene Macbeth-Inszenierung von Christian Friedel zu Hause fortzusetzen.

Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Lasst uns endlich wieder richtig spielen!

Der Titel ist Programm: Es wird mehrfach erläutert, warum der Abstand sein muss, wie weit Aerosole fliegen, wenn jemand spricht oder singt oder schreit oder Flöte spielt. Dafür wird sogar ein Videobeweis eingespielt, und so läuft der Abend dann auch ab. Der Abstand wird gehalten bei den toll arrangierten Liedern, unter anderem von Max Raabe, aus der Dreigroschenoper, auch eigene Rainald-Grebe-Songs. Bei den kleinen Spielszenen zwischendurch auch, aber am Ende stellen sich alle auf die Bühne und spielen demonstrativ – und zwar ziemlich schief – Flöte. "Time to say goodbye" – was entweder sagen soll: wir machen es trotzdem. Oder: So geht es nicht, Schluss damit, lasst uns endlich wieder richtig spielen. Die Antwort darf sich jeder selbst geben. Wollen wir mal hoffen, dass Letzteres bald wieder möglich ist, dann gerne wieder mit einem richtigen Stück von Rainald Grebe.

Weitere Informationen "Einmeterfünfzig. Eine Theaterphantasie mit Abstand"
von Rainald Grebe
am Staatsschauspiel Dresden

Weitere Vorstellungen:
20. September 2020, 19 Uhr
23. September 2020, 19:30 Uhr
2. Oktober 2020, 19:30 Uhr
17. Oktober 2020, 19:30 Uhr
18. Oktober 2020, 19 Uhr
28. Oktober 2020, 19:30 Uhr
29. Oktober 2020, 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. September 2020 | 13:15 Uhr