Roger Melis: Auf dem Rummelplatz, Berlin 1969
Roger Melis: Auf dem Rummelplatz, Berlin 1969 Bildrechte: Roger Melis / Stiftung Reinbeckhallen

Drei Jahrzehnte DDR Foto-Ausstellung: Wie Roger Melis "Die Ostdeutschen" sah

Roger Melis hat einen ganz besonderer Blick auf die DDR geworfen. Er machte Porträts als Blicke ins Innerste, skurrile Momentaufnahmen aus dem DDR-Alltag – darin war der Fotograf ein Meister. Seine Bilder aus drei Jahrzehnten DDR können noch bis zum 28. Juli in einer Ausstellung in den Berliner Reinbeckhallen besichtigt werden.

von Andreas Lueg, MDR KULTUR

Roger Melis: Auf dem Rummelplatz, Berlin 1969
Roger Melis: Auf dem Rummelplatz, Berlin 1969 Bildrechte: Roger Melis / Stiftung Reinbeckhallen

Das Gebäude, eine DDR-Altlast: Wo heute der Publizist Mathias Bertram das Roger Melis-Archiv betreut, machte früher ein gewisser Schalck-Golodkowski Geschäfte. Flure und Räume atmen die Atmosphäre von gestern.

Mathias Bertram
Mathias Bertram betreut das Archiv des Fotografen. Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

Eine Vergangenheit, die lebt – in den Fotos von Roger Melis, in den Gesichtern und dem Ausdruck der Fotografierten. Bertram beschäftigt sich seit Jahren mit der Fotografie in der DDR.

Dabei fragt er auch nach der Haltung der Fotografen. "Die Ostdeutschen" heißt sein neuer Bildband über Roger Melis.

'Wir waren keine Widerstandskämpfer, alles was wir gemacht haben ist, das pure Leben zu dokumentieren' – dieses Zitat trifft, glaube ich, die kritische Fotografie in der DDR ganz gut.

Mathias Bertram / Publizist

"Abschiedsfotos" missliebiger Künstler

Im Archiv lagern zehntausende Negative. Roger Melis, Mathias Bertrams Ziehvater, war ein Chronist mit der Kamera. Der Alltag der Jugendlichen interessierte ihn genauso, wie die Mode-Fotos, die er für das Magazin "Sibylle" machte, um so sein Geld zu verdienen. Auch seinen Stiefsohn Mathias verewigte er, gemeinsam ließen sie sich fotografieren, in mal ausgelassener, mal ernster Pose.

Wir haben ja Brandwand an Brandwand gelebt mit Wolf Biermann, in Mitte. Man traf sich auf der Straße, und so wie Wolf Biermann zufälligerweise immer seine Gitarre dabei hatte, um irgendwelche Lieder zu spielen, hatte Roger Melis immer seine Kamera dabei.

Mathias Bertram / Publizist

Dabei war Bertram auch an jenem Abend, als in der Wohnung von Wolf Biermann das Foto für das Plattencover "Warte nich auf beßre Zeiten" entstand: "Die Idee war es, die Situation eines Sängers darzustellen, der offiziell verboten ist, aber Konzerte in seinem Haus macht, in dem lauter Leute sind, aber keiner zu identifizieren ist."

Ein Schwarz-Weiß-Bild des Fotografen Roger Melis, das die Lyrikerin Sarah Kirsch zeigt.
Sarah Kirsch hat gepackt. Bildrechte: Dehli News

Roger Melis machte "Abschiedsfotos" von missliebigen Künstlern, die die DDR verließen, freiwillig oder unfreiwillig: Nina und Eva Maria Hagen, Manfred Krug – oder Sarah Kirsch: "Das ist oft gedruckt worden, weil es eben so symbolisch ist mit diesen russischen Kisten, mit denen wahrscheinlich Maschinenteile in die DDR gekommen sind und die den Künstlern zur Verfügung gestellt wurden, um ihr Hab und Gut zu verpacken, während de facto ja aber die Künstler exportiert wurden."

Schnappschüsse aus dem Alltag und ...

8. Mai 1965, gemeinsame Parade von Roter Armee und NVA. Roger Melis fotografiert privat und wirft so einen unheroischen Blick hinter die Kulissen, auf den Rand des Geschehens: "Dann gibt's hier die Kampfgruppen-Angehörigen, die es sich gemütlich machen und  Karten spielen. Oder ein Bild, das ich besonders schön finde: Die sowjetischen Soldaten auf ihren Panzern in Siegergeste und eine sehr bürgerliche Familie", sagt Bertram.

... Blicke ins Innerste

Roger Melis' Fotos erforschen das Innerste der Menschen, zeigen ihre Resignation, ihre Sehnsucht, ihre Hoffnungen: "Wenn man sich seine Porträts anguckt, spürt man das auch: diesen Punkt, wo die Leute ganz bei sich sind, offen sind." Mathias Bertram und die Fotos von Roger Melis nehmen uns mit auf die Reise in ein untergegangenes Land. Sie lassen uns ahnen, wer sie sind, diese Ostdeutschen. Bertram meint: "In der heutigen Diskussion wird den Ostdeutschen ja gern eine Identität zugeschrieben. Das Ostdeutsche ist ja nichts anderes als die gemeinsame Erfahrung, in der DDR gelebt zu haben."

Die Bilder von Roger Melis: Je älter sie werden, desto mehr erzählen sie. Im Buch und in der großen Ausstellung in den Berliner Reinbeckhallen.

Über die Ausstellung Roger Melis
Die Ostdeutschen
Fotografien aus drei Jahrzehnten DDR

Reinbeckhallen
Reinbeckstraße 17
12459 Berlin

Eröffnung | 11.04.2019, 19:00
12.04. – 28.07.2019

Öffnungszeiten
Do – Fr 16:00 – 20:00 Uhr
Sa, So & feiertags 11:00 – 20:00 Uhr
freitags: Eintritt frei (außer an Feiertagen)

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 11. April 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2019, 20:55 Uhr

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