David Graeber
David Graeber, Autor des Buches "Bullshit Jobs" Bildrechte: dpa

Sachbuch-Kritik "Bullshit Jobs": Warum es so viele sinnlose Arbeitsplätze gibt

Mit "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" ist David Graeber 2012 bekannt geworden. In "Bullshit Jobs" stellt er die These auf, dass die Tätigkeiten in bis zu 40 Prozent aller Jobs der Gesellschaft mehr schaden als nutzen und deshalb überflüssig sind. Seine Lösung: ein bedingungsloses Grundeinkommen.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR-Kritiker

David Graeber
David Graeber, Autor des Buches "Bullshit Jobs" Bildrechte: dpa

2012 erschien in Deutschland das Buch, das den 1961 in den USA geborenen Anthropologen und Anarchisten David Graeber weltweit bekannt machte: "Schulden. Die ersten 5000 Jahre". Schon vor dieser Veröffentlichung galt Graeber als Vordenker aktivistischer linker Gruppen und von Occupy Wall Street. Die Parole "Wir sind die 99 Prozent" stammt von ihm.

2013 veröffentlichte der an der London School of Economics and Political Science lehrende Graeber in dem Magazin "Strike!" einen Essay. Der wurde unbeabsichtigt – so die Worte des Autors – zu einer "Sensation", löste geradezu eine "Explosion" aus. "Über das Phänomen der Bullshit Jobs" handelte von Arbeitsplätzen, die weder einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten noch von den Angestellten selbst als wichtig betrachtet werden.

Der Artikel wurde Millionen Mal angeklickt, in etliche Sprachen übersetzt, und Graeber erhielt in der Folge hunderte Erfahrungsberichte von Menschen, die darin ihre eigene Lebensrealität widergespiegelt sahen. Den aus dem Ärmel geschüttelten Aufsatz hat Graeber nun – gestützt auf die Zuschriften seiner Leser – zu einem Buch erweitert. Graeber ist ein pointierter Schreiber, und die These seines Buches formuliert er griffig und provokant:

Auszug aus "Bullshit Jobs" von David Graeber "Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall."

"Bullshit-Jobs" sind meist gut bezahlt

Graeber stellt eine imposante Zahl solcher Bullshit Jobs vor: Von Private-Equity-Managern über Lobbyisten, Public-Relations-Forscher, Versicherungsfachleute, Telefonverkäufer bis zu Rechtsberatern. Oft bestünde ihre Aufgabe alleine darin, Papierstapel hin- und herzuschieben, Gremien zu bilden, die wiederum Untergremien bilden, Probleme zu schaffen, die ohne sie gar nicht existieren würden. Es sind teils Lakaien – also Angestellte, die nur dafür da sind, die übergeordnete Instanz in einem Unternehmen wichtiger erscheinen zu lassen.

Cover: David Graeber - "Bullshit Jobs"
David Graeber spricht davon, dass bis zu 40 Prozent aller Jobs in die Kategorie "Bullshit" fallen könnten. Bildrechte: Klett-Cotta

Graeber sieht darin eine Ähnlichkeit zum mittelalterlichen Feudalismus. Teils sind es Flickschuster, die Fehler von anderen auszubügeln hätten. Kästchenankreuzer oder Aufgabenverteiler, die Prozesse schlichtweg verkomplizierten. Was sie alle eint: Sie üben Tätigkeiten aus, die niemand vermisste, würden sie verschwinden. 37 bis 40 Prozent aller Jobs könnten, so Graebers auf Umfragen beruhende Schätzung, in diese Kategorie fallen. Meist sind diese Arbeiten gut honoriert und haben ein hohes Prestige, im Gegensatz übrigens zu Berufen, die gesellschaftlich tatsächlich relevant sind – etwa in der Betreuung oder Produktion.

Es gelte die Regel, dass eine Arbeit umso schlechter bezahlt werde, je offensichtlicher sie anderen Menschen nützt. Ausgenommen vielleicht die Ärzteschaft. Graebers Buch ist nichtsdestotrotz keine ökonomische Studie, sondern der Versuch, die psychologischen, sozialen und politischen Auswirkungen des Phänomens zu betrachten, den Sadomasochismus, der in hierarchischen Strukturen vorherrscht, erkennbar werden zu lassen.

Auszug aus "Bullshit Jobs" von David Graeber "Kann irgendetwas stärker demoralisieren als während seines ganzen Erwachsenenlebens an fünf von sieben Tagen morgens aufzuwachen und dann eine Arbeit zu verrichten, von der man insgeheim glaubt, dass sie nicht verrichtet werden muss – dass sie einfach nur Zeit- und Geldverschwendung ist oder die Welt sogar schlechter macht?"

Sind kürzere Arbeitszeiten politisch nicht gewünscht?

Der Ökonom John Maynard Keynes hatte 1930 vorhergesagt, dass zum Ende des 20. Jahrhunderts der technologische Fortschritt so weit gediehen sei, dass die Menschen nur noch 15 Stunden in der Woche arbeiten müssten. Wir wissen alle, dass diese Prophezeiung trotz Automatisierung und Digitalisierung nicht eingetreten ist. Die Frage lautet: Warum eigentlich nicht? Der sich selbst als Anarchist verstehende Graeber hat darauf mehrere Antworten: Zum einen, sagt er, ist es politisch nicht gewünscht.

Die Herrschenden hätten viel zu große Angst davor, dass zu viel Freizeit die Menschen auf falsche Ideen brächte – sie möglicherweise gesellschaftliche und ökonomische Gegebenheiten in Frage stellen würden. Zum anderen hat sich im Laufe der Jahrhunderte eine Ethik herausgebildet, die sich nicht allein an geschaffenen Werten orientiert, sondern den Wert von Arbeit selbst ins Zentrum stellt: Nur wer sich einer strengen Arbeitsdisziplin unterordnet, hat auch verdient, anständig zu leben.

Dieser moralischen Begründung unserer heutigen Arbeitswelt widmet Graeber in seiner flott und assoziativ geschriebenen Studie viel Raum – es ist eines der interessantesten Kapitel seines Buches. "Bullshit Jobs" versteht er nämlich nicht nur als Analyse eines Phänomens, sondern auch als politische Streitschrift:

Es wäre mir lieb, wenn mein Buch zu einem Pfeil wird, der ins Herz unserer Zivilisation zielt.

David Graeber in "Bullshit Jobs"

Eine Studie mit schwacher Datenbasis

Vielleicht ist dieser Anspruch ein bisschen hoch. Zumal die Datenbasis der Studie statistischen Ansprüchen nicht unbedingt standhält. Dennoch ist Graebers Schrift bedenkenswert und äußerst anregend: Sie fordert unser Verständnis von Arbeit und Werten radikal heraus.

Eine zumindest vorübergehende Lösung bietet Graeber übrigens auch an: Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde den Lebensunterhalt von der Arbeit trennen, die Bürokratie wäre stark reduziert, vor allem die Kontrollmaßnahmen des Staates würden zurückgefahren werden. Und schließlich gäbe es keine Bullshit Jobs mehr, die Menschen könnten sich endlich sinnvolleren oder zumindest Spaß bringenden Beschäftigungen zuwenden. Eine wirklich schöne Utopie!

Angaben zum Buch David Graeber: "Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit"
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
Klett-Cotta
464 Seiten
26 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. September 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2018, 04:00 Uhr

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