Sachbuch-Empfehlung Biografie über Tito – bereichernder Blick auf den Diktator und Lebemann

Marie-Janine Calic erzählt in ihrer Tito-Biografie das Leben des schillernden jugoslawischen Staatschefs, vom armen Dorfkind bis zum erbarmungslosen Tyrann. Nebenbei zeigt sie die unterschiedlichen Nationalitätenkonflikte des 20. Jahrhunderts auf. Ein unterhaltsames und informatives Buch, sagt unser Kritiker.

Marie-Janine Calic: "Tito. Der ewige Partisan"
Marie-Janine Calics Tito-Biografie ist ein wahres Psychogramm des früheren jugoslawischen Staatschefs. Bildrechte: C.H. Beck

Josip Broz, genannt Tito, dürfte neben dem kubanischen Präsidenten Fidel Castro der auffälligste Staatschef der sozialistischen Welt gewesen sein. Wobei gar nicht ganz klar ist, inwieweit Jugoslawien überhaupt zu dieser sozialistischen Welt gehörte, dieser Vielvölkerstaat, den Tito aufbaute und der nach 1991 in blutigen Konflikten wieder auseinanderfiel.

Eigentlich ist es unglaublich, dass diese Biografie noch nicht verfilmt worden ist. Jedenfalls nicht neu verfilmt, denn es gibt einen jugoslawischen Spielfilm, in dem Richard Burton Tito spielt. Das Leben des jugoslawischen Staatschefs Tito bietet tatsächlich alles, was ein spannendes Bio-Pic braucht. Der Untertitel der Biografie von Marie-Janine Calic deutet es an – der ewige Partisan. Tito war nie ein normaler Politiker, er blieb Zeit seines Lebens wild und unberechenbar und war sowohl politisch als auch privat eine ziemlich ungewöhnliche Gestalt.

Marie-Janine Calic erzeugt eine Faszination für diesen Mann, bleibt selbst aber im gehörigen Abstand zu ihm.

Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Ein schillernder Fürst in operettenhaften Uniformen

Tito war zugleich der Befreier und Befrieder seines Volkes – seiner Völker, muss man ja sagen, und er war auch ihr Diktator. Er war ein schillernder Fürst in operettenhaften Uniformen, ein Bonvivant, der mit Sophia Loren kochte. Er reiste mehr um die Welt als die meisten Staatschefs, gerne per Yacht, und trat auf, als sei Jugoslawien eine Weltmacht. Und er war eben auch der einzige Ostblock-Politiker, der sich geradezu polternd von Stalin und der Sowjetunion distanzierte und aus Jugoslawien einen blockfrei agierenden Staat machte. Viel Stoff also für eine Biografie.

Marie-Janine Calic erzählt dieses Jahrhundertleben chronologisch – geboren wurde Tito 1892, verstorben ist er 1980 –, vor allem aber erzählt sie es sehr plastisch. Sie zieht Quellen zur Zeitgeschichte hinzu, Zitate von Zeitzeugen, und macht damit jeden Abschnitt dieses Lebens wirklich anschaulich.

Vom armen kroatischen Dorfkind, das noch in Österreich-Ungarn aufwächst, über den regelrecht lernwütigen Kommunisten, der in Petrograd Zeuge der Oktoberrevolution wird und später in Moskau Karriere macht, bis zum Partisanenführer, der es schafft, die Völker des Balkans im Kampf gegen die faschistischen Besatzer zu einen. Schließlich auch den alten, allürenhaften Staatschef.

Josip Broz Tito mit Ehefrau Jovanka
Josip Broz Tito mit Ehefrau Jovanka Bildrechte: dpa

Was ist Legende, was Wahrheit?

Calic schildert detailliert – so detailliert es geht, angesichts der vielen kursierenden Legenden und scheinbar übermächtigen Klischees vom Helden, aber auch vom Diktator Tito. Sie erzeugt eine Faszination für diesen Mann, bleibt selbst aber im gehörigen Abstand zu ihm. Sie zitiert ihn oft und gerne, lässt das aber nie als Quelle gelten.

Beispielsweise kursierten lange verschiedene Geburtsdaten – Tito hatte wohl selbst gesagt, er könne das nicht mehr mit Sicherheit sagen. Calic nutzt solche Tito-Aussprüche eher um ihn zu charakterisieren, also nicht nur die Fakten zusammenzutragen, sondern auch ein Psychogramm zu erstellen.

Tito schuf mit Jugoslawien einen etwas anderen sozialistischen Staat

Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien war ein besonderer Staat, auf den man aus der DDR immer etwas staunend geschaut hat. Man könnte das noch genauer erkunden, wenn man ein zweites, unlängst neu aufgelegtes Buch von Marie-Janine Calic hinzuzieht – "Die Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert".

Tatsächlich ein Staat, den Tito quasi gemacht hat, und der wie sein Gründer immer auch der etwas andere sozialistische Staat war. "Coca-Cola-Sozialismus" nennt die Autorin die jugoslawische Gesellschaftsordnung, die einerseits klar sozialistisch geprägt war – Tito blieb sein Leben lang ein überzeugter Kommunist – und andererseits keinem der beiden Blöcke angehören wollte.

Auch das ein Grund dafür, warum Tito so rastlos um die Welt reiste – er wollte die blockfreien Staaten organisieren, von Indien bis nach Afrika, und er hat auf diesem Weg viel erreicht und zugleich damit die Großmächte prächtig geärgert. Das macht die Biografie wahnsinnig informativ und zugleich auch sehr unterhaltsam, etwa wenn die Amerikaner über Tito tuschelten, sein Auftreten sei deutlich größer als sein Land, ihm dann aber trotzdem scheinbar endlos Kredite und Hilfen gewährten, um zu verhindern, dass Jugoslawien sich doch wieder nach Moskau orientiert.

Mehr als nur die Biografie eines Mannes

Der Zerfall Jugoslawiens rahmt die Biografie. "Die Säulen seines Lebenswerkes … versanken in den 90er Jahren in Trümmern", schreibt Marie-Janine Calic in einem Vorwort, und am Ende des Buches schildert sie, wie das geschah. Sehr spannend aber ist, dass sie parallel zu Titos Biografie die Gefährdungen eines so multi-ethnischen wie auch multi-religiösen Staates immer miterzählt.

Denn Tito wusste natürlich, dass die nationalistischen Kräfte nie ganz weg waren. Er hat versucht, sie mit Gewalt einzudämmen, er hat versucht, demokratische Mitspracherechte zu vergeben, er selbst hat sich auch immer als Jugoslawe und nicht als Kroate bezeichnet. Er hat aber auch versucht, durch wirtschaftliche Freiheiten von den Konflikten abzulenken, hat Unternehmertum zugelassen, hat salopp gesagt "viel Westen erlaubt".

Nicht zuletzt dadurch hat Jugoslawien immer über seine Verhältnisse gelebt, weil Tito wusste, dass mit jeder Krise die alten Konflikte wieder aufbrechen könnten. Und so kam es dann ja auch, reichlich zehn Jahre nach seinem Tod. So gesehen ist dieses Buch nicht nur eine tolle Biografie, sondern auch ein bereichernder Blick auf die diversen Nationalitätenkonflikte des 20. Jahrhunderts, die nicht selten in Bürgerkriegen, Flucht und Vertreibung endeten.

Angaben zum Buch Marie-Janine Calic: "Tito – der ewige Partisan"
Verlag C.H. Beck
442 Seiten
29,95 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. November 2020 | 07:10 Uhr

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