Sachbuch-Empfehlung Torben Lütjen erklärt die Spaltung der USA

Ist "Amerika im kalten Bürgerkrieg", wie es im Titel des neuen Sachbuchs von Politologe Torben Lütjen heißt? Klar und sachlich untersucht er die Gründe gesellschaftlicher Konflikte in den USA, wie Rassismus und Religion. Eine Sachbuch-Empfehlung.

Ist das nicht schon ein "heißer Bürgerkrieg", den Amerika neuerdings gegen sich selber führt? Demonstranten liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei so heftig wie seit dem Vietnam-Krieg nicht mehr; linke und rechte Aktivisten umkämpfen nationale Symbole, Denkmäler zumeist, und in sozialen Netzwerken wird aus allen Rohren gefeuert, dass es nur so kracht.

Die Stimmung im Land: mindestens bürgerkriegsähnlich – das hat auch Torben Lütjen, als er das Buch vor einigen Monaten schrieb, schon so gesehen. Bürgerkriegsähnlich! Wie hat sich ein ehedem tatsächlich großartiges Land dermaßen verlieren können?

Die Ursachen der gesellschaftlichen Konflikte in den USA 

Auf der Suche nach plausibler Antwort beißt Lütjen sich beharrlich durch die dicken Schichten von Hass und Vorurteilen – bis er schließlich die zähesten Stränge zu packen kriegt, mit denen Amerikas Konflikte offenbar unlösbar verbunden sind. 

Zunächst: die Politisierung der Rassenfrage. Bis in die jüngere Vergangenheit hinein, so hält Lütjen fest, haben Demokraten wie Republikaner den realen Rassismus gegen alle Lippenbekenntnisse still akzeptiert. Lütjen nennt das die "offen klaffende (…) Wunde des Landes und (seine) große Schande".

Die Politisierung der Religion hat Probleme bereitet

Dann: die Politisierung der Religion. Als die großen Städte in der westlichen Welt in den 60er-Jahren einen tiefgreifenden Liberalisierungsschub erfuhren, war das, wie Lütjen schreibt, für Moral, Hierarchien und Rollenbilder im tiefreligiösen Amerika eine ungleich größere Herausforderung als im vergleichsweise weltlichen Europa! Demokraten hätten darauf unentschlossen reagiert, Republikaner dagegen mit aller Härte – und sich so in eine "Weltanschauungspartei" gewandelt!

Und dieser "backlash" entfalte Langzeitwirkung. Während in Westdeutschland die Idee von Helmut Kohls "geistig-moralischer Wende" bald verkleckerte, führen liberale und orthodoxe Amerikaner seit Jahren Kulturkriege um Homosexualität, Abtreibung und Evolution. 

Befeuert werden die Kämpfe von Eigenheiten und Paradoxien. Ausgerechnet ihre unbändige Freiheit, so Lütjen, habe viele Amerikaner zu Ideologen gemacht, es ihnen jedenfalls bestens ermöglicht, ein Leben weitgehend frei von Dissonanzen zu führen.

Aus "Amerika im kalten Bürgerkrieg" von Torben Lütjen

"Sie verweigern sich dem, was die Philosophin Hannah Arendt einmal als die 'Tyrannei der Möglichkeiten' bezeichnet hat, und wählen, mit anderen Worten, nicht ständig die Wahl haben zu müssen."

Und wie definieren sich diese neuen Ideologen demonstrativ: über Kleidung, Ernährung, Musik, über Kultur. Dabei nehmen die Linken den Rechten mittlerweile kaum noch etwas in ihrer Radikalität: Jakobiner der Neuzeit, oft kämpferisch verloren in einem "wunderlichen Labyrinth der identity politics". 

Aus "Amerika im kalten Bürgerkrieg" von Torben Lütjen

"Und doch bleibt identity politics als grundsätzliche Weltsicht umfassend deutungsmächtig, beeinflusst (…) das Denken des amerikanischen Liberalismus und durchdringt (…) noch die entlegensten Ecken der amerikanischen Alltagskultur mit ihrer heiligen Trias aus Diversität, Differenz und Antidiskriminierung."

Die Linke hat sich von Trump vergiften lassen

Was ist das für eine neue Linke? Eine, die sich von Trump habe vergiften lassen, so Lütjen, und die nun so werde wie das, was sie hasse! Motto: "It's Time to Fight Dirty "! – es dreckig heimzuzahlen!

Kann aus dem "kaltem" also ein "heißer" Bürgerkrieg erwachsen? Antwort Lütjen – und da blickt er über die nächste Präsidentschaftswahl hinaus: Das gruseligste Szenario dürfte sein, dass Trump nur der Anfang ist.

Aus "Amerika im kalten Bürgerkrieg" von Torben Lütjen

"Vielleicht kommt nach ihm jemand mit der gleichen Skrupellosigkeit und Brutalität, den gleichen populistischen Instinkten – der aber viel disziplinierter ist, viel ideologischer agiert und strategischer vorgeht. Der am Tag X den amerikanischen Staat und Behördenapparat mit Gefolgsleuten flutet. Jemand, dessen Antipluralismus nicht nur aus dem Bauch heraus kommt, sondern der wirklich der Meinung ist, dass die Verfassung des Landes der Vollstreckung des vermeintlichen "Volkswillens" im Weg steht, und daher versucht, die bestehende politische Ordnung zu überwinden."

Doch auch, wenn die dunklen Wolken über Washington sich zusehends verdichten: Lütjens Text wird keineswegs von dunklen Tönen getragen. Im Gegenteil: Hell und klarsichtig analysiert er den Zustand der amerikanischen Gesellschaft, führt die großen Konflikte auf ihre Wurzeln zurück, räumt nebenbei mit manchen Legenden auf – ein Text, der weder doziert, noch echauffiert, einfach nur eines ganz vorzüglich tut: Er trägt zur Erhellung bei.

Angaben zum Buch Torben Lütjen: "Amerika im kalten Bürgerkrieg. Wie ein Land seine Mitte verliert"
Verlag wbg, 2020
224 Seiten, 20 Euro (Hardcover)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juli 2020 | 08:10 Uhr