Serienempfehlung "The Outsider": grandiose Miniserie zum Stephen-King-Roman

Stephen-King-Verfilmungen laden immer wieder zu Überraschungen ein: Manche sind brillant, andere unerträglicher Schrott. Stanley Kubricks "Shining" zählt zur ersten Kategorie, ebenso "Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers" und "Misery". Über "The Stand" oder "Brennen muss Salem" decken wir lieber den Mantel des Schweigens. Jetzt hat HBO den Roman "The Outsider" in einer Miniserie adaptiert. Auch sie zählt zur ersten Kategorie, findet MDR KULTUR-Filmkritiker Hartwig Tegeler.

Szene aus "The Outsider"
In "The Outsider" versteckt sich in einem Morfall das Übernatürliche. Bildrechte: imago images/Prod.DB

In der Kleinstadt Flint City, Oklahoma, wird der beliebte Englischlehrer und Coach der Jugendbaseballmannschaft Terry Maitland verhaftet. Ihm wird ein bestialischer Mord vorgeworfen, es scheint ein wasserdichter Fall: DNA-Spuren, Zeugenaussagen. Dann stellt sich heraus, dass Terry während der Mord geschah, in einer anderen Stadt weilte. Hat er einen Doppelgänger? In dieser typischen Stephen-King-Kleinstadt – beschaulich, heimelig, schöne Häuser, Gärten – lauert das Böse.

MDR KULTUR-Kritiker Hartwig Tegeler findet, "The Outsider" sei eine grandiose zehnteilige Miniserie, in der die Menschen wie hinter einem grauen Filter von Einsamkeit, Verlorenheit, Verzweiflung, unbearbeiteten Traumata und unfassbarem Schmerz leben. Terry, der vermeintliche Mörder, ist bald tot. Nun ist Ralph, jener Polizist, der Terry in aller Öffentlichkeit auf dem Sportplatz hat verhaften lassen, der Protagonist. Wegen der Widersprüche, die sich keiner erklären kann, wird eine externe Ermittlerin zugezogen: Holly Gibson, Afroamerikanerin, hochsensibel, sehr intelligent – der Ralph zunächst einmal erklärt, dass er mit dem Doppelgänger, Gestaltenwandler oder wie man das nennen will, mit dem Unerklärlichen nichts anfangen kann. Aber genau dem werden Holly, Ralph und die anderen folgen müssen.

Szene aus "The Outsider"
Ben Mendelsohn als Ralph Anderson Bildrechte: imago images/Prod.DB

Das Böse im Inneren

"The Outsider" zeigt den Schmerz, die Verzweiflung, die Angst der Menschen in der Begegnung mit dem Bösen als dem, was es eben auch sein könnte: Spiegel der eigenen Abgründe. Diesen schmalen Grad, unerforschtes Terrain – im Äußeren wie im Inneren – zu betreten, das macht die Spannung dieser Serie aus.

Stephen King ist ein beredter wie wütender Twitter-Gegner von Donald Trump. Man muss "The Outsider" lesen als Panorama des Trump-Amerikas, eines zerrissenen Landes, bevölkert von Menschen, die an ihrer Vergangenheit leiden, an ihren Traumata wie Ralph, der Polizist, der schuldig wurde, weil er den vermeintlichen Mörder Terry in der Öffentlichkeit eines Baseball-Spiels verhaftete und dabei nur den Dämonen seiner eigenen Trauer folgte, dem Krebstod seines Sohnes, den er nicht verhindern konnte. Wie Holly, die Ermittlerin, die in dieser Welt mit ihrem Anderssein keinen Platz findet. Beide Außenseiter, Outsider in einer verunsicherten Gesellschaft, die nicht dazu einlädt, Gemeinsamkeit zu finden.

Szene aus "The Outsider"
Cynthia Erivo als Holly Gibney Bildrechte: imago images/Prod.DB

Die einzige Utopie in dieser Geschichte, das ist häufig so bei Stephen King: Ein paar schließen sich zusammen, um das Böse zu bekämpfen. Wenn Holly und Ralph einmal nach einer dämlichen Anekdote von Ralph lachen, dann ist das für einen kurzen Moment wie eine Erlösung. Man bekommt den Eindruck, als würden Stephen King und die Macher der Serie eine Psychoanalyse einer Gesellschaft unternehmen. Ob das Böse ein Monster im Außen ist oder nur die Emanation des Inneren der Figuren, bleibt in der Waage. Denn nicht der Horrortrip, die Monsterjagd, steht im Mittelpunkt, sondern die leidenden Menschen.

Informationen zur Serie "The Outsider"
Bisher ist eine Staffel mit 10 Episoden erschienen.
Entwickelt von Richard Price
Besetzung: Ben Mendelsohn, Cynthia Erivo, Jason Bateman u.v.a.
Zu sehen auf Sky und bei Amazon Prime sowie auf DVD und Blu-ray erschienen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. August 2020 | 16:10 Uhr