Tom Rachman
Autor Tom Rachman legt seinen dritten Roman vor. Bildrechte: dpa

Buchkritik Tom Rachmans Roman "Die Gesichter" – Voller Farben und Facetten

Sein Debüt – "Die Unperfekten" – war 2012 ein internationaler Überraschungserfolg. Darin erzählt der britisch-kanadische Autor und Journalist Tom Rachman über eine bunte Truppe von Lebens- und Überlebenskünstlern. Sein dritter Roman handelt von einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung. Ausgekämpft wird sie auf dem Feld der Kunst. Hier wird fett aufgetragen, direkt aus der Tube, die das Leben selbst ist, findet unser Kritiker.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Tom Rachman
Autor Tom Rachman legt seinen dritten Roman vor. Bildrechte: dpa

Dieser Roman, das sagt schon das wunderbare Cover, spart nicht an Farbe und Geschichten. Hier wird fett aufgetragen, direkt aus der Tube gedrückt, einer Tube, die das Leben selbst ist. Im Original heißt Rachmans dritter Roman "The Italian Teacher", der deutsche Titel "Die Gesichter" ist einer der selten gelungenen Glücksfälle, auch wenn der Originaltitel sehr genau zeigt, wo der Lebenskonflikt des Protagonisten Charles Bavinsky zu verorten ist.

Tom Rachmann: Die Gesichter 4 min
Bildrechte: dtv

MDR KULTUR - Das Radio Di 19.02.2019 07:40Uhr 04:28 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tom Rachmann: Die Gesichter 4 min
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 Hier wird fett aufgetragen

Tom Rachmann: Die Gesichter
Ein Roman, der nicht an Farbe und Geschichten spart. Bildrechte: dtv

Charles ist der Sohn des amerikanischen Malers Bear Bavinsky, seine Mutter Natalie ist Keramikerin und nur eine von vielen über viele Länder verteilten Geliebten von Bear Bavinsky, der mit all diesen Frauen Kinder hat. Wie so ziemlich alle, die mit Bear zu tun haben, steht auch Natalie im Schatten seiner übermächtigen körperlichen und intellektuellen Ausstrahlung.

Als Bear sie in Rom zurücklässt und nach New York zu seiner Parallelfamilie zurückgeht, verliert sie ihren inneren Kompass und Lebensmut. Ihr Sohn Charles, von den Eltern nur Pinch genannt, soll ihr einziger Halt bleiben, Pinch jedoch, der die Begabung seines Vaters geerbt hat, lebt nur für die Anerkennung seines Vaters. Er besucht ihn in New York, fragt ihn, ob er bei ihm bleiben könne – und wird auf doppelte Art zurückgewiesen: 

"... ein Maler bist du nicht, und du wirst auch nie einer werden." Bear schweigt einen Moment. "Aber ist das Natty gegenüber fair? Braucht sie dich nicht um sich?" "Mom ist nicht mehr so wie damals, als du noch bei uns warst." "Ach, jetzt komm schon – Natty verändert sich doch niemals, die süße Kleine. Und ein Kind sollte bei seiner Mutter bleiben." Er packt Pinch am Arm. "Ich halte große Stücke auf dich, mein Sohn, das weißt du", mit einem Kopfnicken deutet er auf das Bild, "aber ich muss dir sagen, Kiddo, ein Maler bist du nicht, und du wirst auch nie einer werden."

Auch wenn Pinchs Mutter Natalie an sein Talent glaubt – diese Worte sollen ihn sein Leben lang begleiten. Und so begibt sich Pinch auf die Suche nach der Liebe und der Anerkennung, die im sein egomanischer Vater verwehrt. Mit seiner Mutter zieht er zunächst nach London, später geht Pinch in Toronto aufs College, von seiner Hochbegabung hat er wegen fehlenden Selbstbewusstseins allerdings wenig. Sein bester Freund wird Marsden McClintock, ein Schnösel aus guten Hause in Ontario, ein genialer Blender, der mit großen Worten den Eindruck erweckt, sich in Kunst und Philosophie auszukennen. Die Fähigkeiten von Pinch erkennt der junge Mann allerdings genau und macht sie sich zunutze, zum Beispiel wenn er mal wieder eine Vorlesung verschlafen hat. 

"Du bist ein Genie" "Irgendwas über Donatello?", versucht er sich zu erinnern. (...) Pinch fasst die Vorlesung zusammen und stemmt sich dabei gegen den heftigen Wind, als hätte er es eilig, irgendwohin zu kommen, dabei erwartet ihn nichts weiter als sein Zuhause. "Du weißt ja alles!", ruft Marsden aus. "Ich wiederhole doch nur, was er uns vorgetragen hat." "Nein, nein – du bist ein Genie. Was hältst du davon, wenn ich von dir abschreibe?" "Was abschreiben?" "Alles – für den Rest meines Lebens."

Großes Thesenpapier über Kunst und Kunstmarkt

Aber die Diskussionen mit Marsden über die Rolle von Kunst und Künstlern sind wichtig für Pinch – überhaupt ist der Roman auch ein großes Thesenpapier über Kunst und Kunstmarkt, über Eitelkeit und Anmaßung, über Macht und Intrige – wunderbar episodisch fließend erzählt in kurzen Kapiteln. Künstler, so Marsden, müssen Ungeheuer sein, asozial und in der Hölle enden.

Auch Pinchs ehrgeizige Borderline-Freundin Cilla Barrows verlässt ihn irgendwann, als sie ihn eintauschen kann gegen ein anderes Objekt der Begierde und des Anhimmelns. Pinchs Mutter fällt in eine Depression, vernachlässigt ihre Arbeit, mit der sie ohnehin nicht sonderlich erfolgreich ist und droht zu verwahrlosen. Allein Pinchs seltene Besuche in London halten sie am Leben. Und Pinch glaubt schließlich, dass ihm nur die Rolle als Italienischlehrer bleibt. Heimlich allerdings wird er allerdings schließlich doch zum Maler.

Fesselnder Roman über die Fallstricke von Begabung und Genie

Tom Rachman ist ein fesselnder und geheimnisvoller Roman über die Fallstricke von Begabung und Genie gelungen – und darüber, dass ein Leben ohne Kunst zwar armselig wäre, eines mit Künstlern aber oft unaushaltbar. Und solche Sätze über Kunst und Künstler hat man wohl seit Oscar Wildes "Dorian Gray" nicht gelesen.

 Angaben zum Buch Tom Rachman: Die Gesichter
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
dtv
416 Seiten
ISBN 978-3-423-28969-6

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Februar 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2019, 04:00 Uhr

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