Premiere Trister "Tristan" an der Oper Leipzig

Wenn Opern- und Schauspiel-Intendant zusammen eine Oper auf die Bühne bringen, kann man einiges erwarten. In Leipzig wird man leider enttäuscht, meint unser Kritiker. So bemängelt er die stellenweise "ganz und gar billige Regie", das "beziehungslose Stehtheater" und findet letztlich auch den Tristan unerotisch.

von Michael Ernst, MDR KULTUR-Kritiker

Bühnenszene: Tristan und Isolde
Die Figuren im Lichtrahmen – "Tristan und Isolde" in Leipzig Bildrechte: Oper Leipzig/Tom Schulze

Die Neuproduktion von "Tristan und Isolde" ist für Leipzig eine ganz besondere Inszenierung, schließlich stand der Intendant der Oper, Ulf Schirmer, am Pult des Gewandhausorchesters und hatte Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe die Regie des Ganzen inne. Quasi ein Intendantentreffen. Da hätte man annehmen können, dass hier gar nichts schiefgehen kann. Aber leider haben weder Dirigent Schirmer noch Regisseur Lübbe so ganz überzeugt.

Der eine ließ Wagner ziemlich brachial aufspielen, oft viel zu laut, der andere wusste mit dessen Musik nicht viel anzufangen. Im Ergebnis entstand daraus ein deutliches Missverständnis. Denn Wagners Musik lebt geradezu von der Überwältigung der Gefühle – aber eben nicht von brachialer Gewalt, von Klangmasse, sondern von einer zielgerichteten Ausgewogenheit, die das Publikum ergreifen, mitreißen soll.

Musik wie ein Liebestrank

Gerade der "Tristan" ist ja eine dermaßen orgiastische Oper, dass es auf jeden Akkord, auf jede melodische Phrase, auf jede Hinführung ankommt. Die muss sich entfalten, zum Sog werden. Eine Musik wie aus dem Nichts, aus einer Art Gegenwelt, die dann aber im Diesseits explodieren muss.

Bühnenszene: Tristan und Isolde
Richard Wagner sprengte mit seinem berühmt gewordenen Tristan-Akkord die bekannte Harmonik Bildrechte: Oper Leipzig/Tom Schulze

So war es zwar immer noch ein guter Abend für das Gewandhausorchester, mehr aber auch nicht. "Tristan" muss aber mehr sein, deutlich mehr. Diese Musik ist ein Elixier, ein Liebestrank, wie er ja auch im Stück vorkommt, bei dem die Bestandteile perfekt stimmen müssen. Sonst entfaltet er nicht nur seine Wirkung nicht, sondern geht nach hinten los.

Wenn schon im Vorspiel, das ja Klang gewordene Erotik sein sollte, mal die Bläser zu laut sind, die Streicher nicht seidig genug, mal zu basslastig, dann ist eben die Wirkung dahin. Oder zumindest beschädigt.

Eine ganz und gar billige Regie

Leider hat auch die Regie von Enrico Lübbe nicht überzeugt. Teilweise sogar enttäuscht. "Tristan und Isolde" ist ja eine Oper des scheinbaren Stillstands, der geistigen Entwicklung. Wer da auf die Musik vertrauen kann und sie in Bilder umsetzt, in stimmige Handlung, der hat die Oper geknackt. Aber Lübbes Grundidee scheint gewesen zu sein, dass diese Liebe sowieso nicht funktioniert, jedenfalls nicht im wirklichen Leben, sondern wenn überhaupt, dann nur im Kopf – also hat er sie gleich ganz verraten und seine Akteure zu ziemlich statischen Figuren werden lassen.

Dieser Liebes-Verrat ausgerechnet bei "Tristan und Isolde"  ist so eine Art Spiel im Spiel. Das ganze Bühnenportal ist von einem grellweißen Lichtrahmen umgeben. Dahinter sind nur schiefe Ebenen, mal das Schiff, mit dem Tristan Isolde zu König Marke bringen soll, mal dessen Hof in Cornwall, zum Schluss Tristans Anwesen in der Bretagne.

Bühnenszene: Tristan und Isolde
Das Innere des Schiffes Bildrechte: Oper Leipzig/Tom Schulze

Und egal, ob in der Überfahrt des ersten Aufzugs, wo Isoldes Vertraute Brangäne den beiden einen Liebestrank mixt, ob im Liebesduett des zweiten Aufzugs, das hier völlig uninspiriert gewirkt hat oder bei Isoldes hinreißendem Liebestod im dritten Aufzug – die beiden Figuren bleiben sich fremd. Sie rühren sich kaum einmal an, sind eher hölzern, werden auch mal gedoubelt, damit auch absolut deutlich wird, hier geht es um Kopfgeburten einer unmöglichen Liebe. Dazu treten Tristan und Isolde dann auch immer mal überdeutlich aus diesem Lichtrahmen heraus, eine ganz und gar billige Regie, wie ich finde.

Reichlich beziehungsloses Stehtheater

Das Bühnenbild von Étienne Pluss gibt quasi eine Hauptrolle dieser Produktion ab. Da dreht sich unentwegt eine Art Schiffswrack, sorgt für Bewegung, während die inneren Vorgänge der Personen vollkommen starr, wie gelähmt an der Rampe erzählt werden. Tristan und Isolde haben scheinbar gar keinen Bezug zueinander, das wird auch nicht besser durch die zahlreichen Doubles, die man als Reflex innerer Zustände deuten könnte.

Bühnenszene: Tristan und Isolde
Schräge Bühne – stillstehende Mannschaft Bildrechte: Oper Leipzig/Tom Schulze

Für mein Verständnis wird da viel zu sehr ein reichlich beziehungsloses Stehtheater mehr gedoppelt als kaschiert. Da helfen leider auch die etwas stilisierten Kostüme von Linda Redlin nicht weiter, schon gar nicht die schemenhaften Video-Einblendungen von fettFilm.

Unerotischer Tristan

Beim Gesang ist eine wunderbare Meagan Miller als Isolde zu nennen. Die Sopranistin aus den USA spielt und singt ihren Part absolut souverän, wirkt ergreifend und lässt verstehen, warum nicht nur Tristan und König Marke dieser Frau verfallen sind.

Bühnenszene: Tristan und Isolde
Daniel Kirch spielt den Tristan und Meagan Miller die Isolde Bildrechte: Oper Leipzig/Tom Schulze

Umgekehrt gibt es da größere Zweifel – was will solch eine Frau mit einem Laffen wie dem Tristan von Daniel Kirch? Der wirkt den ganzen Abend über höchst unbeteiligt, absolut unerotisch, zeigt nicht die Spur von Liebesglut, und leider singt er auch oft viel zu tief, brüllt in den Höhen und wird von Ulf Schirmer auch kaum unterstützt, weil der das Orchester, wie gesagt, viel zu laut auftrumpfen lässt und den Tenor noch mehr unter Druck setzt.

So klangschön wie die Isolde wirkte auf mich auch die Brangäne von Barbara Kozelj, die aus Slowenien stammt und mit ihrem dunklen Timbre jeder Situation gewachsen schien.

Bühnenszene: Tristan und Isolde
Das Werk wurde am 10. Juni 1865 in München unter Hans von Bülow uraufgeführt Bildrechte: Oper Leipzig/Tom Schulze

Sebastian Pilgrim vom Sängerensemble des Hauses hat den König Marke gut artikuliert, ob er diesem Part aber stimmlich schon gewachsen ist, möchte ich etwas bezweifeln. Das klang mir noch sehr gewollt, vokal ziemlich schattig. Als Kurwenal kurzfristig eingesprungen ist Jukka Rasilainen, der finnische Bariton, der ja längst als gute Adresse gilt und das auch hier wieder bewiesen hat. Wer nicht wusste, dass er fast ohne Probe mitgemacht hat, dürfte es nicht bemerkt haben.

Die weiteren Partien – Matthias Stier als Melot, Martin Petzold als Hirte – übergehe ich jetzt mal, das war durchweg anständig. Aber was leider als Fazit von diesem "Tristan" bleib: Er hat nicht berührt. Und das ist bei dieser "Überwältigungs-Oper" einfach zu wenig.

"Tristan und Isolde" an der Oper Leipzig Handlung in drei Aufzügen
Oper von Richard Wagner, Text vom Komponisten
In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Ulf Schirmer (Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig)
Inszenierung: Enrico Lübbe (Intendant des Leipziger Schauspiels)
Co-Regie: Torsten Buß
Bühne: Étienne Pluss
Kostüme: Linda Redlin
Video: fettfilm
Licht: Olaf Freese
Choreinstudierung: Thomas Eitler-de Lint
Herren des Opernchores
Gewandhausorchester

Mitwirkende:
Isolde: Meagan Miller
Brangäne: Barbara Kozelj
Tristan: Daniel Kirch
König Marke: Sebastian Pilgrim
Kurwenal: Mathias Hausmann
Melot: Matthias Stier

Weitere Termine:
Sonntag 10.11.2019, 17:00 Uhr
Samstag 14.03.2020, 17:00 Uhr
Montag 01.06.2020, 17:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Oktober 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2019, 12:11 Uhr