Wolkows Klassiker auf der Leinwand Russischer Animationsfilm: Jetzt ist Urfin der Zauberer von Oz

Im Kino läuft nun ein Film mit einem beinahe verwirrenden Titel: "Urfin - der Zauberer von Oz". Die einen werden sagen: Im Zauberer von Oz (sie wissen schon, Judy Garland, somewhere over the Rainbow, Frank Baum) - gibt es keinen Urfin. Die anderen werden sagen: Urfin? Der hat doch nicht Oz, sondern die Smaragdenstadt erobert! Klar, die ersten kommen aus dem Westen, die anderen aus dem Osten. Der Film verbindet nun die Ost-West-Geschichte.

von Dennis Wagner, MDR KULTUR

Die Geschichte vom hirnlosen, und doch schlauen Scheuch, von Elli und ihren Freunden, die gemeinsam auf gefährliche Reise in die Smaragdenstadt ziehen, war eines der beliebtesten Kinderbücher in der DDR. Alexander Wolkow, ein hochbegabter kasachischer Mathe-Lehrer, übersetzte in den 30er-Jahren zunächst für seine Kinder den "Zauberer von Oz" ins Russische. Doch erst mit den Zeichnungen von Leonid Wladimirski, 20 Jahre nach Wolkows Erstausgabe, wurde die Neudichtung selbst zu einem Bestseller.

'Der Zauberer von Oz' war bei uns gänzlich unbekannt, Wolkow hat es gelesen, war davon begeistert und hat es übersetzt. Da er aber von schöpferischer Natur war, hat er geändert, zwei Kapitel weggestrichen, drei dazu gedichtet. Er hat dieses Märchen gutherziger gemacht und nicht nur die Freundschaft sondern auch die gegenseitige Hilfsbereitschaft hervorgehoben.

Leonid Wladimirski, Illustrator von "Der Zauberer der Smaragdenstadt"

Emanzipation vom amerikanischen Vorbild

bei der "Urfin"-Filmpremiere in Dresden
Regisseurin Elena Galdobina Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

Mit Ende 60 wird Wolkow - auch dank der Illustrationen - zu einem berühmten Schriftsteller - dessen Figuren sich in der Folge vom amerikanischen Vorbild völlig emanzipieren werden, wie Animationsregisseurin Elena Galdobina erzählt: "Im Verlauf dieser ganzen Abenteuer erwerben die Helden große Fähigkeiten durch Freundschaft und gegenseitige Hilfe, das ist vielleicht etwas pädagogisch - aber gerade deshalb war das bei den Kindern in meiner Heimat so beliebt. Das ist doch toll: Die Wunderkräfte stecken in einem selbst  - das, was Dir vermeintlich fehlt, kannst Du selbst in dir drin finden."

Elena Galdobina hat einen der Helden ihrer Kindheit mit zum Leben erweckt: Urfin, den Titelheld des zweiten Buchs aus Wolkows Zauberland. Urfin ist ein zanksüchtiger aber begabter Tischler, dem allerdings nur furchtbare und angsteinflößende Figuren gelingen, die ihm keiner abkaufen will. Er lebt also zurückgezogen und verärgert und gerät durch seltsame Umstände an ein Zauberpulver, das alles zum Leben erweckt - auch seinen schrecklichen Kasper, der sich sofort in seinem Finger verbeißt. So ähnlich beginnt auch der russische Animationsfilm "Urfin - der Zauberer von Oz".

Eine Szene des Films "Urfin, der Zauberer von OZ"
Filmpremiere für einen Ostklassiker, der nun auch im Westen zu sehen ist. Bildrechte: -/peppermint/dpa

Russischer Animationsfilm für Ost und vor allem West

Nicht nur der Titel verrät, dass dieser Film für den internationalen Markt gedacht ist, für Ost und vor allem West. Der grimmige, und gefährliche Urfin ist im Film allerdings zu einem Lausbuben geschrumpft und sein fieser Kasper ein eher Schabernack treibender, überdrehter Clown, der seinen künftigen Meister durch rasante Slapstickszenen jagt. Von Wladimirskis Zeichnungen aus den 60er-Jahren fehlt jede Spur. Comedian Oliver Kalkofen, der Urfin seine Stimme leiht, meint: "Die ganzen Figuren sehen ja anders aus, als damals." Der Stil habe sich verändert, damit müsse man leben: "Trotzdem gebe ich ihm die Stimme. Da muss man ein bisschen die Fantasie spielen lassen."

Mit ein wenig Fantasie sähe das so aus: Der Russe Urfin zieht mit lauter Holzköpfen zum amerikanischen Oz, wo eine blonde Vogelscheuche regiert und will in das Land eindringen. - Aber nein, politisch ist der Film dann doch nicht. Animationsregisseurin Elena Galdobina sieht die Figur so:

Urfin fühlt sich beleidigt von der Welt. Und so ein Gefühl des Beleidigt-Seins, des Schmollens, ist doch eher etwas sehr Kindliches. Und auch diese Wunsch nach Rache, also die Geschichte des 'Ich will mich rächen' ist auch keine sonderlich erwachsene Geschichte.

Elena Galdobina, Animationsregisseurin

"Urfin ist schon eine seltsame Figur“

Urfin und all die anderen Figuren aus Wolkows Universum sind in Russland auch vor allem durch die zahlreichen Trickfilme bekannt, die in den 60ern und 70er-Jahren hergestellt wurden. Auch sie haben mit Wladimirskis Zeichnungen nur noch wenig zu tun - eine Neuverfilmung in den Neunzigern erinnert sogar eher an schlechte Manga-Comics.

Insofern ist die russische Neuproduktion in gewisser Weise sogar eine Wiederannäherung an den alten Wolkow - immerhin hatte auch der bei den Amerikanern abgeguckt. Alo darf Elli wieder Dorothy heissen und sich, ganz im Stil von Disney, zu den Munchkins beamen - ein vorbildliches Beispiel russisch-amerikanischer Annäherung. Galodobina meint: "Na ja, das muss man doch, es ist ein kommerzieller Film, kein Autorenfilm, obwohl unser Urfin sich doch von etwaigen Standards unterscheidet. Urfin ist schon eine seltsame Figur."

bei der "Urfin"-Filmpremiere in Dresden
Bei der Filmpremiere in Dresden Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

Die Besucher der deutschen Filmpremiere ließen sich lieber mit dem Synchronsprecher Oliver Kalkofe, als mit den Machern fotografieren. Er war der einzige, den sie kannten. Die meisten hier hatten weder von Oz, noch von Urfin je etwas gehört. Aber das ist auch das Gute: Wenn man keine Erwartungen hat, wird man auch nicht enttäuscht. Und unterhaltsames Popcorn-Kino ist "Urfin - der Zauberer von Oz" allemal.

Weitere Filmstarts am 16. Mai

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 16. Mai 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 14:44 Uhr

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