NÄCHSTE GENERATION Deniz Ohdes Roman "Streulicht": Wie bestimmt Herkunft unseren Bildungsweg?

Mit ihrem Roman "Streulicht" hat es die Leipziger Autorin auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft und einige weitere Literaturpreise abgeräumt. In der Erzählung vom Arbeiterkind mit Migrationshintergrund, das es zur Akademikerin schafft, steckt ihre eigene Geschichte und herausragendes literarisches Können. Im Interview erzählt Deniz Ohde, wie sie es geschafft hat, so ein erfolgreiches Debüt zu schreiben.

MDR KULTUR: Worum geht es in Ihrem Roman?

Es geht in "Streulicht" um eine junge Ich-Erzählerin, die in ihren Heimatort zurückgekehrt. Dieser Ort liegt an einem Industriepark, der die Landschaft prägt, und auch die Bevölkerung. Es fällt dort im Winter Industrieschnee als einziges in der Region, und der Vater der Erzählerin hat sein Leben lang in diesem Industriepark gearbeitet. Und während die Erzählerin dort ist, reflektiert sie über ihre Familiengeschichte, die Jugend des Vaters auch und die der Mutter, die aus der Türkei migriert ist. Und sie reflektiert auch über ihre Bildungsbiografie: Sie ist früh von der Schule gegangen und hat ihre Abschlüsse auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt und während sie dort ist, fragt sie sich, wie es dazu gekommen ist.

Eigentlich erzählt Ihr Roman eine Art Erfolgsgeschichte, ein "Über-sich-selbst-hinauswachsen", aber er ist trotzdem so traurig. Was soll die Erzählung in den Menschen, die sie lesen, erwecken? Hoffnung? Gerechtigkeitssinn? Aufklärung?

Für mich war das Wichtigste zu zeigen, dass so eine Aufstiegsgeschichte – wie die Erzählerin sie ja erlebt, die auf dem Papier aussieht wie eine Erfolgsgeschichte und es von den Fakten her gesehen auch ist – dass die aber immer noch eine Kehrseite hat. Diese Erzählerin fühlt sich am Schluss nicht triumphierend. Es ist keine Triumphgeschichte, wo am Ende eine Gewinnerin heraus geht, sondern diese Abwertungen, die sie erlebt in ihrer Bildungsbiografie schlagen sich so sehr in ihrem Inneren nieder, dass sie am Schluss immer noch damit zu kämpfen hat.

Für mich war das Wichtigste zu zeigen, dass so eine Aufstiegsgeschichte immer noch eine Kehrseite hat.

Deniz Ohde, Schriftstellerin

Deniz Ohde
Der Roman "Streulicht" von Deniz Ohde hat gleich mehrere Literaturpreise gewonnen und war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Rassismus und Diskriminierung werden in Ihrem Roman nicht direkt angesprochen. Aber man kann sie zwischen den Zeilen lesen.

Ich habe diese Begriffe Rassismus oder Chancengleichheit nicht verwendet, weil das abstrakte Begriffe sind und nicht besonders literarische. Mir war wichtig, diese Begriffe erlebbar zu machen. Also was sie bedeuten in einer Biografie und wie die sich anfühlen und in welchen sehr kleinen Situation die sich abspielen. Die vielen Erlebnisse, die diese Erzählerin macht, spielen alle ineinander. Da sind sowohl diese kleinen zwischenmenschlichen Situationen wichtig, wie auch die großen systemischen.

Über das Format "Nächste Generation"

Das dokumentarische Format "MDR KULTUR – Nächste Generation" nimmt die Arbeit junger Kulturschaffender aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in den Blick. Die Werke der Künstlerinnen und Künstler wollen Debatten anregen, verschiedene Aspekte unserer Gesellschaft, wie Gleichberechtigung oder Klimakrise, kommentieren und gleichzeitig Ideen für die Zukunft entwerfen.

Können Sie das noch näher beschreiben, wie sich die Erfahrungen auf das Innenleben Ihrer Protagonistin auswirken?

Also zuallererst wird sie ja eigentlich permanent unterschätzt. Sowohl in ihrer Familie wird sie unterschätzt – vor allem der Vater schließt von sich auf sie. Er ist sehr gehemmt und sehr angsterfüllt und überträgt das auf sie. Sie kann deshalb eigentlich gar nicht wirklich entdecken, was ihre Stärken sind oder was für Persönlichkeitsmerkmale sie eigentlich hat. Deshalb wächst sie die ganze Zeit in so einer Angst auf. Und das widerfährt ihr dann auch in der Schule, wo eben angenommen wird, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist zum Beispiel, einfach aufgrund ihres Aussehens.

Für diese Erzählerin spezifisch ist, dass dieses Unterschätzen und auch die Gewalterfahrungen, die sie zu Hause macht dazu führen, dass sie nicht begreift, wer sie ist und dass sie tatsächlich intelligent ist. Das passiert für sie erst sehr spät, da ist sie 18, 19 oder so, als ihr klar wird, dass sie eigentlich gar kein Problem hat, sondern dass ihr das von außen immer nur angetragen wurde.

Was von mir in dem Text drinsteckt, ist die Bildungsbiografie. Ich bin auch früh vom Gymnasium gegangen und habe dann meine Abschlüsse über Umwege nachgeholt. Der prägnanteste Unterschied zwischen mir und der Erzählerin ist, dass ich immer dieses Ziel vor Augen hatte, Schriftstellerin zu sein.

Deniz Ohde, Schriftstellerin

Das war mir sehr früh klar und ich habe das eigentlich auch mit relativer Zielstrebigkeit verfolgt. Das ist ja etwas, was der Erzählerin komplett fehlt. Sie hat keinen Traum oder einen größeren Grund, warum sie studieren will oder was dieser Bildungsaufstieg ihr bringen könnte. Und das ist auf jeden Fall der größte Unterschied. Dann natürlich auch, dass ich teilweise sehr viel wütender war als die Erzählerin. Ich habe schon in einigen Momenten gemerkt, was da passiert. Ich konnte es nicht so artikulieren, weil ich auch jung war und nicht so durchreflektiert, was diese Themen betrifft, wie ich es jetzt bin. Aber ich habe schon deutlich gemerkt, dass mich das alles sehr wütend gemacht hat. Und diese Wut fehlt der Erzählerin ja stellenweise zumindest sehr.

Deniz Ohde
Deniz Ohde selbst haben die Erfahrungen von Diskriminierung als Heranwachsende sehr wütend gemacht. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Sie haben in Leipzig Germanistik studiert. Bei dem Wunsch Schriftstellerin zu werden, liegt ja eigentlich das Deutsche Literaturinstitut (DLL) in Leipzig nahe. Wie haben Sie sich für Ihr Studienfach entschieden?

Ich habe mich zweimal beim DLL beworben. Beide Male war es eher so halbherzig. Das eine Mal war direkt nach dem Abi, und das habe ich eigentlich nur gemacht, weil ich dachte, das muss man machen, um Schriftstellerin zu werden. Ich wusste nicht, wie der Weg ist dorthin ist. Ich wollte das aber gar nicht wirklich und hab mich deswegen auch nicht so richtig angestrengt bei den Bewerbungen. Ich habe gemerkt, dass ich mich mehr für die Germanistik interessiere. Nicht, weil ich gedacht habe, ich könnte da lernen zu schreiben, sondern die analytische Textarbeit und die wissenschaftliche Arbeit mit Texten hat mir genauso viel Spaß gemacht.

Ich bin im Nachhinein froh, dass es nicht geklappt hat am DLL.

Deniz Ohde, Schriftstellerin

Diese umgekehrte Perspektive auf Literatur hat mir schon etwas gebracht. Ich kann im Nachhinein anders auf meine Texte gucken und kann analysieren, was ich da gemacht habe und dann diese Aspekte aus der Perspektive heraus stärken.

Wie lief die Verlagssuche ab? Hatten Sie den Text für "Streulicht" schon fertig geschrieben?

Ich habe den Text geschrieben, ohne dass jemand danach gefragt hätte. Also ich hatte kein Angebot. Ich hatte kurzzeitig eine Agentur schon gehabt mit ersten Entwürfen und mich dann aber von der getrennt und gemerkt, dass ich erst mal das soweit schreiben muss, bis ich mir sicher bin, was das wird und dass ich da auch dahinterstehe – ohne eine Instanz im Rücken zu haben, die etwas von mir lesen will oder die Updates will. Ich brauchte auf jeden Fall das Gefühl, die Zeit zu haben, die ich mir nehmen kann. Als der Text fertig war und ich das Gefühl hatte, jetzt kann ich damit rausgehen, habe ich ihn an Agenturen verschickt und mich mit mehreren getroffen und die Elisabeth Ruge Agentur gefunden. Die haben das Manuskript dann sofort rausgeschickt, Anfang 2019 und mitgenommen auf die Leipziger Buchmesse. Dann hatte ich drei Wochen später das Angebot von Suhrkamp.

So schwer es war, den Text zu schreiben und sich Gedanken darüber zu machen, wie man da reinkommt in den Literaturbetrieb, so überrascht war ich dann eigentlich, dass es dann doch einfach war.

Deniz Ohde, Schriftstellerin

Im Nachhinein gesehen natürlich – während ich drin war, hat es sich natürlich nicht einfach angefühlt. Das waren ja auch Umstände, die konnte ich nicht mehr beeinflussen. Dass es genau bei der Lektorin gelandet ist, mit der ich mich so gut verstanden habe, die den Text genauso verstanden hat, wie ich ihn verstanden haben wollte. Davor habe ich auch Erfahrungen gemacht mit Leuten, die etwas ganz anderes von dem Text wollten. Die zum Beispiel genau so eine Art Aufstiegsgeschichte haben wollten und zu mir gesagt haben: Mach doch diese Erzählerin mal ein bisschen rebellischer, die soll jetzt Aufbegehren und dann am Schluss triumphieren. Das war aber genau das, was ich eben nicht wollte. Und meine Lektorin hat das genau verstanden und das war der Glücksfall.

"Streulicht" hat mehrere Literaturpreise gewonnen und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Wie war es für Sie, dass Ihr Debüt so viel Aufmerksamkeit bekommen hat?

Dass der Roman so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, war natürlich total schön. Das lag auch daran, dass es ja nur positive Aufmerksamkeit war. Also es gab keinen Verriss oder so was. Dass es so ein großer Erfolg wird, damit habe ich auf jeden Fall nicht gerechnet.

Ich habe mir natürlich Sorgen gemacht, ob Leute das mögen.

Deniz Ohde, Schriftstellerin

Ich habe auch darüber nachgedacht, ob das überhaupt jemanden interessiert. Ich habe ja zuerst drei Jahre allein mit dem Text verbracht und dann sehr intensiv im Lektorat. Das heißt, ich habe das ungefähr 100 Mal gelesen und konnte dann am Schluss gar nicht mehr sehen, wie Leute das lesen würden, die das zum allerersten Mal lesen. Ich habe mich innerlich versucht, zu beruhigen und mir gesagt, es passiert jetzt was passiert. Vielleicht interessiert es niemanden, aber der Text wird den Weg schon finden zu den Leuten, die den lesen wollen oder denen er was bedeuten kann. Dann vor der Veröffentlichung habe ich schon den ersten Preis gewonnen und von da gedacht: Alles, was jetzt passiert, ist nur noch Bonus. Und dann gab es schon ganz schön viel Bonus noch obendrauf.

Es ist so merkwürdig, weil ich mir das alles so lange vorgestellt habe, dass es sich anfühlt, als wäre ich endlich da angekommen.

Deniz Ohde, Schriftstellerin

Es fühlt sich so merkwürdig bekannt an, weil ich die ganze Zeit Tagträume darüber hatte. Natürlich ist es nie genau so, wie man es sich vorgestellt hat. Es gibt immer Schwierigkeiten, die man sich vorher nicht hätte ausmalen können. Aber im Großen und Ganzen ist es schon genauso, wie ich mein Leben immer haben wollte.

Deniz Ohde
Schon mit vier Jahren diktierte Deniz Ohde ihrer Mutter ihre Texte. Jetzt ist sie als Schriftstellerin das, was sie immer sein wollte. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Das Interview führte Hanna Romanowsky für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Oktober 2020 | 22:05 Uhr