Krieg in Nahost Wie sich der Gaza-Konflikt auch in Mitteldeutschland zeigt

02. November 2023, 05:00 Uhr

Eldar Fano ist vor 17 Jahren von Israel nach Deutschland ausgewandert. Er ist schockiert gewesen, als er von den Angriffen der Hamas auf die Israelis von seinem Bruder erfahren hat. Die jüdische Gemeinde zeigt sich auch besorgt von den Ereignissen im Gazastreifen. Israel galt für viele jüdische Menschen als sicherer Ort.

Für den Besitzer einer Hummus-Bar in Leipzig, Eldar Fano, war der 7. Oktober 2023 zunächst ein ganz normaler Samstag. Dann begann sein Bruder Fano gegen 9 Uhr Fotos und Videos zu schicken – mit dem Zusatz "Wir sind im Krieg". Eines der Videos soll zeigen, wie Terroristen auf offener Straße um sich schießen.

Ein Mann beim telefonieren
Eldar Fano, Besitzer einer Hummus-Bar in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fanos Bruder lebt mit seiner Familie in Ashkelon, im Süden Israels, nahe des Gazastreifens. Fano selbst ist vor 17 Jahren nach Sachsen ausgewandert. Der Angriff der Hamas hat ihn schockiert. "Raketenangriffe kommen schon vor. Sehr oft. Das ist fast normal", erklärt er. "Aber dass Terroristen nach Israel reingegangen sind und ein Massaker auf eine Rave-Party verübt haben, das war für mich schon ein Riesenschock."

Der nächste Schock: Für den 13. Oktober hatte die Hamas zur weltweiten Gewalt und Konfrontation gegen Jüdinnen und Juden aufgerufen. An diesem so genannten "Black Friday" stehen zu seiner Überraschung Fußballfans von Chemie Leipzig und Eintracht Frankfurt vor seinem Laden. Fano dachte, er könne wegen der Gewaltaufrufe seinen Laden an dem Tag gar nicht öffnen. Aber die Fußballfans hätten ihn unterstützen wollen. "Für mich war das echt eine große Überraschung", erklärt er. "Die hatten nicht unbedingt Hunger. Die wollten irgendwie helfen." Die Vereine der Fans sind für ihren Einsatz gegen Antisemitismus bekannt und hatten an diesem Tag ein Freundschaftsspiel.

Eine Rose steckt 2020 zwischen stilisierten Davidsternen im Portal des Synagogendenkmals. 4 min
Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt

Röcher: "Israel war immer der Plan B"

Solidarität hat auch die jüdische Gemeinde Chemnitz erfahren. Wir treffen die Vorsitzende der Gemeinde, Ruth Röcher, in der Synagoge. Dass die Polizei zum Schutz vor ihrer Tür steht, ist für sie leider Normalität. "Wir haben schon sehr intensiven Kontakt mit der Polizei."

Für mich ist wichtig, dass die [Polizisten] wissen, wenn Menschen da sind. Das Gebäude allein beschützen ist auch wichtig, da können auch Sachen passieren.

Ruth Röcher, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Chemnitz

"Da können auch Sachen passieren. Aber deswegen sind die in unserem Interimsort in der Webergasse. Da stehen die 24 Stunden vor dem Eingang."

Eine Frau vor einem Eingang
Ruth Röcher, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gemeinde in Chemnitz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr als 500 Mitglieder gehören zur Gemeinde. Der Angriff der Hamas bedeutet für sie und viele andere in ihrer Gemeinde, dass der Rückzug nach Israel vorerst keine Option mehr ist. Röcher erklärt, das Leben in Deutschland habe auch seine Höhen und Tiefen für Jüdinnen und Juden. "Und immer wieder höre ich von dem einen oder anderen, dass sie einen Plan B haben. Wenn in Deutschland unser Leben nicht so sicher ist, dann kann jeder der Jude ist, nach Israel einwandern, die Staatsbürgerschaft bekommen und dort leben". Aber jetzt gebe es diesen Plan B nicht mehr und die Menschen hätten Angst.

RIAS: Mehr antisemitische Vorfälle

Und die scheint berechtigt. Laut Zahlen des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen für Antisemitismus – kurz RIAS e.V., sind in der Woche nach dem Terroranschlag antisemitische Vorfälle in Deutschland um mindestens 240 Prozent gestiegen; im Vergleich zum Vorjahr. In Sachsen wurden zwischen dem 7. und 15. Oktober vier Fälle gezählt, in Sachsen-Anhalt 14, in Thüringen 29. In ganz Deutschland gab es insgesamt 202 antisemitische Vorfälle in diesem Zeitraum.

Ein bekannter antisemitischer Vorfall ist der Angriff auf eine Synagoge in Berlin Mitte. Auf das Gebäude, in dem sich auch Einrichtungen für Kinder befinden, wurden vor einer Woche Molotowcocktails geworfen. Ruth Röcher ist empört: "Das ist ein Kindergarten und Schule ist da. Da kommt die Frage auf, sind wir hier sicher?".

Für Eldar Fano ist klar: in Deutschland ist er sicherer als in Israel. Die Kinder seines Bruders aus Ashkelon sind schon jetzt durch den Raketenbeschuss traumatisiert, sagt er. Vor allem, weil der Raketenalarm nicht vor jedem Einschlag warnt. "Die Kinder wissen, okay jetzt ist ein Alarm. Wir gehen hier zum Schutzraum. Und dann, wenn die Raketen fallen, ohne Alarm, dann schreien die, weinen, schlafen nicht so richtig", erzählte Fano. "Die größere Tochter, sie hat jetzt ein Problem mit dem Reden, die kann nicht mal einen kompletten Satz sagen."

Er bemüht sich zwei Wochen lang darum, seine Schwägerin und die Kinder für eine Weile nach Deutschland zu holen. Ende Oktober sind sie sicher in Berlin gelandet. Eldars Bruder ist Polizist und muss in Ashkelon bleiben.

Pro-Palästinensische Mahnwache auch in Weimar

In diesem Konflikt leiden aber auch die Menschen in und aus Palästina und die humanitäre Krise im Gazastreifen treibt auch in Deutschland viele Menschen auf die Straße, die Zahl an Pro-Palästina-Demos nimmt zu. Und hier zeigt sich ein ganz ambivalentes Bild – zwischen antisemitischen Parolen, die Israel das Existenzrecht absprechen und dem friedlichen Protest, der sich für ein Ende des Krieges einsetzt.

ein Mann auf einer Straße
Jamal Almusalmi ist Vorsitzender des Vereins "Kulturbrücke Palästina Thüringen". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 21. Oktober veranstaltete der Verein "Kulturbrücke Palästina Thüringen" eine Mahnwache auf dem Theaterplatz. Vereinsvorsitzender Jamal Almusalmi ist im Gazastreifen geboren und lebt seit 1989 in Deutschland. "Wir wollten heute eigentlich unser Mitgefühl und Solidarität mit dem palästinensischen Volk im Gazastreifen zum Ausdruck bringen", sagt Almusalmi.

Auf Transparenten und Flyern wollen sie auf das in ihren Augen erlittene Unrecht israelischer Politik aufmerksam machen. Betrauert werden darauf ausschließlich die Opfer auf palästinensischer Seite. Der Terror der Hamas findet hier keine Erwähnung. Gegenüber exakt sagte Almusalmi: "Was denken Sie nach all diesen Besatzungsjahren? Sollen wir Israel mit Blumen beschmeißen? Danke, danke, dass sie uns jedes Jahr umbringen und Gaza zerstören? Nein." Auf die Frage, ob er damit legitimieren möchte, was am 7. Oktober passiert ist, antwortet er mit "Ich habe es mitbekommen, ja." Der Sozialarbeiter aus Weimar verurteilt zwar Angriffe auf Zivilisten – doch genau die waren ja das Ziel der Hamas.

Der Verein "Kulturbrücke Palästina Thüringen" versteht sich als Förderer palästinensischer Kultur. Ein Mitglied des Vereins ist Mustapha Saad, der in Weimar als Bauingenieur arbeitet. Auf dem Plakat, das er auf die Mahnwache mitgenommen hatte, steht: "Stoppt den Krieg gegen Gaza. Solidarität mit Palästina." Saad sagt, die israelische Bombardierung des Gazastreifens habe in den letzten Wochen viel Leid verursacht.

"Das sind unsere Leute, das sind unsere Verwandte, Freunde, Menschen, die wir kennen. Der eine Kollege hat 42 Leute von seiner Familie verloren – die sind auf einen Schlag gestorben. Der andere hat 22 Leute verloren. Das heißt, diese Leute haben das Recht, ihr Mitgefühl zu zeigen."

Gewaltaufrufe auf Pro-Palästina-Demo

Diese Aussagen lassen sich nicht verifizieren. Nach Angaben des Vereins sei keines der 80 Mitglieder Anhänger der Hamas. Deren Terror relativieren sie aber mit der israelischen Palästina-Politik. Die Fronten sind verhärtet. Und auch in Weimar bleibt es nicht nur bei Worten. In den vergangenen Wochen wurde zweimal das Vereinslogo beschmiert. Unter anderem mit dem Wort „Hamas“.

Wenn man hier etwas schreibt, ist das harmlos. Aber wer weiß, vielleicht macht man irgendwie durch die Fensterscheibe irgendeinen Feuersatz oder sowas. Das kann gefährlich werden.

Mustapha Saad, Bauingenieur aus Weimar

Der Staatsschutz ermittelt wegen Sachbeschädigung mit politischer Tatmotivation. Kurz vor Kundgebungsbeginn gingen die Organisatoren nochmals die Regularien durch. Bereits im Vorfeld gab es intensive Gespräche, erklärt Andreas Karius vom Ordnungsamt Weimar. "Symbole der Hamas und der Hisbollah dürfen nicht gezeigt werden. Dass, was wir jetzt sehen, ist soweit in Ordnung".

Auch die Polizei beobachtet das Geschehen ganz genau. Einsatzleiter Steffen Rau ist sich der angespannten Lage bewusst. "Da wir eben nicht wissen, wie die Reaktion in den verschiedenen betroffenen Lagern auf beiden Seiten des Konflikts ist, können wir auch nichts ausschließen und haben den Einsatz auch entsprechend vorbereitet. Ich denke, dass wir auf alle Szenarien gut vorbereitet sind."

Pro- Palästina- Kundgebung vor Karl- Marx- Monument in Chemnitz
Seit dem 7. Oktober und der Verschärfung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern kommt es auch in Deutschland verstärkt zu Demonstrationen für die eine oder andere Seite (im Bild eine pro-palästinensische Kundgebeung in Chemnitz). Bildrechte: IMAGO / HärtelPRESS

Auf der Kundgebung wird "Free, Free Palestine" gerufen. Etwa 120 Palästinenser und Unterstützer aus ganz Thüringen sind angereist. Es dauert nicht lange, bis die Polizei das erste Mal einschreiten muss. Ein Jugendlicher trägt ein T-Shirt, auf dem offensichtlich die Existenz Israels geleugnet wird. Er muss den Aufdruck verdecken, die Beamten nehmen seine Personalien auf. Ihn erwartet nun ein Ordnungswidrigkeitsverfahren.

Kurz danach, der nächste Aufreger. Ein Unterstützer des Vereins hat über das Mikrofon Aussagen in arabischer Sprache getätigt, die man als Gewaltaufruf deuten kann. Der Hinweis kam von einem Dolmetscher, der für die Polizei vor Ort ist. Ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Jamal Almusalmi mit einem Erklärungsversuch: "Ich habe mit dem jungen Mann gesprochen und der hat mir gesagt, dass seine Familie gestorben ist. Das Haus seines Onkels wurde heute bombardiert und sie wissen noch nicht genau, ob er und seine Kinder gestorben sind oder nicht."

Auf die Frage, warum es überhaupt Rufe, die man als Gewaltaufruf verstehen kann, auf einer friedlichen Mahnwache gibt, antwortet er. "Der war ein bisschen explosiv, weil, er war sehr traurig." Zu weiteren Vorfällen kam es an diesem Tag nicht. Insgesamt blieb es friedlich. Der Verein plant nach eigenen Angaben bereits die nächste Kundgebung.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL RADIO | 25. Oktober 2023 | 20:15 Uhr

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