Schüler in einem Klassenzimmer in einer der U-Bahn-Schulen in Charkiw.
Wenn die Leistung der Schüler nicht ausreicht, müssen sie die Klassenstufe wiederholen. Experten zufolge verbessert das ihre Noten nicht. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO/imagebroker

Schulsystem Bildungsexperten wollen Sitzenbleiben abschaffen

31. Mai 2024, 09:26 Uhr

Der OECD-Bildungsdirektor will das Sitzenbleiben abschaffen. Experten zufolge verbessert Sitzenbleiben nicht zwingend die Schulnoten. Diese Alternativen schlagen sie vor.

Jessica Brautzsch
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Die Schülerinnen und Schüler in Mitteldeutschland nähern sich dem Ende des Schuljahrs – und damit den Zeugnissen. Wegen schlechter Noten in zwei Fächern müssen Schüler häufig ein ganzes Jahr wiederholen. Der Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Andreas Schleicher, will das Sitzenbleiben ganz abschaffen.

Sitzenbleiben müsse als zweite Chance verstanden werden – das teilt das Sächsische Kultusministerium auf Anfrage mit. Effektiv bringe es den Schülern selten eine Leistungsverbesserung, sagt Bildungswissenschaftler Paul Fabian. Er forscht an der Universität München seit mehr als zehn Jahren zum Thema Klassenwiederholung. "Ich kenne kaum eine Studie, die belegt, dass es zu einer Leistungsverbesserung führt." In Einzelfällen könne das sicher der Fall sein. "Allerdings zeigt sich in unseren größeren Studien, in denen viele Kinder befragt und getestet werden, dass wir da einfach keine systematische Verbesserung durch die Maßnahme finden."

Ganzes Schuljahr wiederholen ist "ineffizient"

Das kann auch Tomi Neckov bestätigen. Der stellvertretende Bundesvorsitzende im Verband Bildung und Erziehung (VBE) ist auch Lehrer. Er sagt: "Wenn ein Kind ein komplettes Schuljahr wiederholen muss, weil es in zwei Fächern die entsprechenden Leistungen nicht gebracht hat, dann ist das extrem ineffizient."

Das Problem sei, dass die Kinder lediglich den Stoff des Schuljahres von vorne durchnähmen, sagt Bildungsforscher Fabian. Dabei bräuchten sie für ihre schwachen Fächer eher eine gezielte Förderung und Unterstützung. Die Klassenwiederholung würde Kinder dabei noch zusätzlich vor die Aufgabe stellen, sich in einer neuen Klasse zurechtzufinden. Daher binde eine Klassenwiederholung eine Menge an Kapazitäten, die nicht zwangsläufig damit zu tun hätten, sich auf Schule oder Leistungsentwicklung zu konzentrieren, so Fabian. Sondern damit, sich an die neue Situation zu gewöhnen.

Alternativen zum Sitzenbleiben schaffen

Tomi Neckov vom VBE geht noch einen Schritt weiter: Das Wiederholen könne die Kinder stigmatisieren, sie fühlten sich als Versager. Deswegen begrüße der VBE den Vorschlag des OECD-Bildungsdirektors Schleicher, Sitzenbleiben abzuschaffen – und stattdessen mehr gezielte und kostenlose Nachhilfe anzubieten.

Burkhard Naumann von der Bildungsgewerkschaft GEW sind Alternativen zum Sitzenbleiben wichtig. "Da brauchen wir einen guten Plan dafür. Da reden wir von gezielter Unterstützung, zusätzlichen Mitteln und Lehrkräften, die auch Zeit brauchen, sich den einzelnen Schülerinnen und Schülern, die in so einer Situation sind, auch zu widmen", sagt Naumann. Das fehle gerade.

Solange diese Mittel fehlten – sprich Lehrkräfte und Pädagogen – sollte man Klassenwiederholungen beibehalten, so Naumann. Allerdings mit dem Ziel, die Maßnahme perspektivisch abzuschaffen. Entsprechende Pläne existieren derzeit weder in Thüringen noch in Sachsen-Anhalt. Laut sächsischem Kultusministerium ist Sitzenbleiben immer das letzte Instrument.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL – Das Nachrichtenradio | 29. Mai 2024 | 06:24 Uhr

75 Kommentare

Hishamaru vor 7 Wochen

Na ja in manchen Familien sind die Kinder tatsächlich zum scheitern verurteilt, weil in Deutschland die Eltern zu viel Macht haben. Ganztagsunterricht, bezahlte Bücher und Mittagessen sind selten gegeben in unserem Schulsystem aber in anderen Ländern ist es eine Selbstverständlichkeit. Unsere Kinder werden nach ihrer familiären Unterstützung bestimmt.

Ich habe mal in meinen ersten Praktika ein Kind Hundefutter auf dem Pausenhof essen sehen. Es sagte zuhause gibt es nichts und die Schule bietet kein Essen mehr an. Wie soll ein Kind dann lernen?

Hishamaru vor 7 Wochen

Das heißt im Klartext, dass andere Länder ihre Schüler am Sitzenbleiben hindern können und genau da sollte man in Deutschland Ansätzen finde ich. Zu viele Schüler werden vom Bildungssystem einfach zur Seite geschoben und vergessen sobald die Leistung nicht stimmt. Sie werden gemobbt, versetzt, bleiben sitzen etc.. Es gibt nur Bestrafung aber nicht genug echte Förderung und Unterstützung.

Hishamaru vor 7 Wochen

Haben Sie ihren eigenen Text mal gelesen bevor Sie ihn abgeschickt haben? Man kann an vielen Schulen keine 2 Fünfen ausgleichen. Eine Fünf kann ausgeglichen werden, bei der zweiten ist direktes sitzen bleiben, auch durch Nebenfächer. Ich selbst durfte durch Französisch als zweite Fremdsprache einmal wiederholen.

Ein Jahr zu wiederholen hat mir nur extremen Stress gebracht, mich in eine Klasse geschoben wo mich jeder als Versager gemobbt hatte und mich in die Depression gebracht hatte.

Ich habe selbst meinen eigenen Weg gefunden und bin zurzeit im Master als Sprachenlehrer, aber solche Aussagen sind genau der Grund warum unsere Bildung am Abgrund steht. "Ja die sind einfach alle faul. Es ist immer die Schuld der Schüler und das System ist perfekt."
Nein das System ist nicht perfekt. Ich stimme zu, dass sitzen bleiben als letzter Ausweg und warnung bleiben sollte, aber es braucht mehr Systeme bevor es dazu kommt. Zum Beispiel Sommerschulen wie es in vielen anderen Ländern üblich ist.

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