Der Schatten von einem Mann und einem schaukelnden Kind fallen auf Sand auf einem Spielplatz.
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Sexueller Kindesmissbrauch Wenn das Schweigen endlich bricht

25. Mai 2024, 13:50 Uhr

Jedes Jahr werden mehr Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs angezeigt. Expertinnen halten das, so paradox es klingt, für ein gutes Zeichen. Denn sie gehen davon aus, dass es nicht mehr Missbrauch gibt, sondern schlicht weniger Fälle im Dunkel bleiben. Fortschritte bei Prävention, Opferschutz, Aufarbeitung – doch, wo Dinge besser werden, ist längst nicht alles gut. Denn an jeder Fallzahl hängt ein Schicksal. Und Leben, die für immer anders sind. So wie die von Hannah und Victoria.

"Ich hab gedacht, ich bin ihm was schuldig. Es hat sehr lang gedauert, bis es klick gemacht hat und ich verstanden habe – egal, was er für mich getan hat, es rechtfertigt nicht, dass er mich angefasst hat." Hannah* spricht von ihrem Onkel. Als sie etwa neun Jahre alt war, hat er sie sexuell missbraucht. Angezeigt hat sie ihn erst 19 Jahre später. Weil er eine wichtige Figur in ihrem Leben war, weil sie damals, als Kind, nicht verstand, was da mit ihr passiert ist, und weil man in ihrer Familie über solche Dinge nicht sprach.

Dass Menschen Missbrauch, den sie als Kinder erlebt haben, erst im Erwachsenenalter anzeigen, ist nicht ungewöhnlich. "Ungefähr ein Drittel der Betroffenen, die zu mir kommen, sind erwachsen und berichten über Missbrauch in der Kindheit", erzählt Maria Rosenblatt, Mitarbeiterin bei der Opferschutzorganisation "Weisser Ring e.V.". Grund dafür seien meist Verdrängung und dass Betroffene erst später verstehen, dass das, was ihnen passiert ist, Unrecht war – so wie Hannah.

Für sie war der Entschluss zur Anzeige ein langer Prozess: "Ich wollte das, was mir passiert ist, am liebsten verharmlosen, und ich wollte glauben, dass ich ein Einzelfall war." Doch als sie in ihren Zwanzigern begann, über den Missbrauch zu sprechen, auch mit anderen Frauen in ihrer Familie, erfuhr sie von weiteren Opfern in ihrer Verwandtschaft. Das Ausmaß der Täterschaft ihres Onkels bewegte sie schließlich zur Anzeige. Kurze Zeit später meldete sich ihre sieben Jahre ältere Cousine Victoria* bei ihr. Auch sie wurde vom gemeinsamen Onkel missbraucht.

Eine blonde Frau mit Brille trägt ein Schaltuch 10 min
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Andrea Wegner ist Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes in Sachsen-Anhalt.

MDR SACHSEN-ANHALT Mo 13.11.2023 15:10Uhr 09:45 min

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Angezeigte Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs steigen

Die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts zeigt, dass die Zahl der angezeigten Fälle von Kindesmissbrauch seit Jahren kontinuierlich steigt. Aus Sicht von Maria Rosenblatt ist das jedoch ein positives Zeichen: "Der Grund für diesen Anstieg ist ziemlich sicher nicht, dass es mehr Kindesmissbrauch gibt – sondern eher, dass wir besser darin geworden sind, ihn zu entdecken." Es handele sich um eine sogenannte Dunkelfeldaufhellung.

Im "Dunkelfeld" liegen all die Taten, die nie zur Anzeige gebracht werden. Ergebnisse diverser repräsentativer Studien, unter anderem von der Universitätsklinik Ulm, zeigen, dass ihre Zahl weitaus höher ist, als die der angezeigten Fälle. Jeder siebte bis achte Erwachsene in Deutschland hat demnach in der Kindheit oder Jugend sexuelle Gewalt erlitten. Unter den Frauen sei jede fünfte bis sechste betroffen.

Kinder immer besser vor Missbrauch geschützt

Nach Einschätzung von Maria Rosenblatt hat sich im Umgang mit Kindesmissbrauch vieles getan: "Das Personal in Kitas und Schulen ist inzwischen besser geschult. Gesetzesänderungen haben dafür gesorgt, dass sich diese Einrichtungen mehr mit Kinderschutzkonzepten auseinandersetzen müssen, und es gibt inzwischen zahlreiche Präventionsprojekte, die wirklich gute Arbeit leisten."

Auch in der Justiz würden Opferrechte inzwischen besser berücksichtigt: "Es gibt Videovernehmungen, sodass Kinder nicht im Gerichtssaal vor allen aussagen müssen, eine Nebenklagevertretung, die juristisch für die Betroffenen auftritt und die Psychosoziale Prozessbegleitung, die Betroffene in den verschiedenen Phasen des Strafverfahrens berät, begleitet und unterstützt."

Kerstin Claus
Kerstin Claus, Journalistin und systemische Organisationsberaterin, ist seit 2022 die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Bildrechte: picture alliance/dpa/Kay Nietfeld

Seit 2010 gibt es in Deutschland zudem eine unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen. Derzeit berät das Bundeskabinett über ein Gesetz, das dieses Amt, einen Betroffenenrat und eine unabhängige Aufarbeitungskommission dauerhaft verankern und diese Strukturen so stärken soll.

Maria Rosenblatt sieht den Entwurf als wichtigen Schritt, um den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch zu verbessern und Betroffenen Gehör und Unterstützung zu bieten. Dennoch müsse sich erst zeigen, wie wirksam die Strukturen in der Praxis wirklich seien. Rosenblatt verweist etwa auf mehr Bürokratie durch zusätzliche Gremien, das nach wie vor bestehende Dunkelfeld und knappe Ressourcen, die potenziell an anderen Stellen der Jugendarbeit fehlen könnten.

Präventionsprojekte und Hilfestellen für Opfer

Verjährungsfrist beginnt erst ab 30. Lebensjahr

In Deutschland haben Opfer sexuellen Missbrauchs seit 2015 mehrere Jahrzehnte Zeit, den Täter anzuzeigen. Denn mit einer Gesetzesänderung wurde bestimmt, dass die Verjährungsfrist für diese Taten erst mit dem Ende des 30. Lebensjahres des Opfers beginnt. Je nach Schwere der Tat hat es dann 5 bis 20 Jahre Zeit, Anzeige zu erstatten. Zuvor begann die Verjährung bereits mit dem Ende des 21. Lebensjahrs. Diese Gesetzesänderung gilt jedoch nur für Taten, die 2015 nicht schon verjährt waren.

Er hat einfach nach Hause gehen und sein Leben weiterleben können.

Hannah und Victoria

Für Hannah und Victoria war die Verjährungsfrist noch nicht abgelaufen. Auf ihre Anzeige hin wurde ihr Onkel für drei Fälle von Kindesmissbrauch verurteilt – zu einem Jahr und sechs Monaten, die für drei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wurden. Die mögliche Maximalstrafe wären zehn Jahre gewesen.

Für das Gericht wirkte strafmildernd, dass der Onkel geständig war, weil so Victoria, Hannah und anderen Zeuginnen die Aussage erspart wurde. Ebenso sein Alter und die Tatsache, dass der Missbrauch so lange zurücklag.

Hannah und Victoria können das bis heute nicht verstehen. "Er hat einfach nach Hause gehen und sein Leben weiterleben können. Er wohnt Tür an Tür mit seinen Enkeln, die sind jetzt ungefähr so alt, wie wir damals waren", sagt Hannah. Und Victoria fügt hinzu: "Es fühlt sich an, als hätte das Gericht mit diesem Urteil, das was uns passiert ist, vielleicht nicht klein geredet, aber doch kleiner gemacht. Es hatte keine wirklichen Konsequenzen für ihn."

Sind die Strafen zu gering?

Hannahs und Victorias Gefühl, dass die Gewalt, die ihnen angetan wurde, zu gering bestraft wurde, teilen viele Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs. In ihrem ersten Bilanzbericht schrieb die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung: "Betroffene, die von der Kommission angehört wurden oder schriftlich berichtet haben, fordern auffallend häufig härtere Strafen für die Täter und Täterinnen und kritisieren, dass in Fällen des sexuellen Missbrauchs von Kindern zu oft Strafen zur Bewährung ausgesetzt würden. Gerichte berücksichtigten die oft lebenslangen Folgen von sexueller Gewalt für Betroffene zu wenig."

Zu den Auswirkungen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit gehören Vertrauensprobleme, Bindungsschwierigkeiten, Depressionen, Angst- und Panikattacken, im schlimmsten Fall Suizid.

Maria Rosenblatt Weisser Ring

"Ich bin sehr skeptisch und distanziert, wenn ich jemanden nicht kenne", erzählt Hannah. Es dauere lange, bevor sie sich auf jemanden einlassen könne. Bloß nicht noch einmal die Kontrolle verlieren, bloß nicht noch einmal in eine solche Situation kommen. Bei Victoria ist es der Perfektionismus: "Ich war ein dickliches Kind, und er hat damals gesagt, ich soll dankbar sein, dass er mir überhaupt solche Aufmerksamkeit schenkt." Das Gefühl nicht gut genug zu sein, der Drang allen zu gefallen, begleite sie auch heute noch.

"Vertrauensprobleme, Bindungsschwierigkeiten, Depressionen, Angst- und Panikattacken, im schlimmsten Fall Suizid" – die Liste, die Maria Rosenblatt auf die Frage nach möglichen Auswirkungen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit aufzählt, ist lang.

Sollten also die Strafen für sexuellen Kindesmissbrauch erhöht werden? "Nein", sagt die Dresdner Opferanwältin Anca Kübler. Deutschland habe einen sehr großen Strafrahmen – von wenigen Monaten bis zu zehn Jahren oder gar lebenslänglich. "Die Forderungen nach immer höheren Strafen halte ich für populistisch", sagt Kübler. "Wir brauchen an ganz anderer Stelle Unterstützung, wenn wir uns dem Kindesmissbrauch entgegenstellen wollen. Das hat aber was mit Geld zu tun, nicht mit Strafen."

Zu wenig Geld für Prävention

Kübler verweist auf Präventionsprojekte, die aus Geldmangel nicht genügend Personal einstellen könnten, um den großen Bedarf zu decken. Ähnlich sehe es bei den Strafverfolgungbehörden aus: "Es gibt schlichtweg zu wenig Beamte, die sich in den Bereichen spezialisieren können." Das wiederum behindere die schnelle Bearbeitung entsprechender Fälle.

Seien wir mal ehrlich – beim Geld tut es am meisten weh.

Victoria

Ein weiteres Problem sei, dass es zu wenig Angebote für (potenzielle) Täter gebe: "Es gibt ein Projekt an der Charité das heißt "Kein Täter werden" – die sind auch chronisch unterfinanziert", erklärt Kübler. Generell könnten viele Täter keine Therapie machen, weil es zu wenig Therapeuten gebe, die sich auf dem Gebiet auskennen.

Auch Maria Rosenblatt kennt dieses Problem: "Wir sind grundsätzlich überlastet in der Therapie. Schon für die Betroffenen von Kindesmissbrauch ist es äußerst schwierig einen Platz zu finden." Im Bereich der Täter zeige sich der Mangel noch deutlicher. "Ja, es gibt zu wenig Therapeuten in dem Bereich. Viele Menschen möchten nicht mit Tätern arbeiten." Das Stigma sei schlicht zu groß.

Hannah und Victoria hätten sich gewünscht, dass ihr Onkel eine Therapie hätte machen müssen – auch wenn er schon sehr alt ist. Auch ein Zeichen von Reue hätte ihnen geholfen, sagen sie. Doch das sei nie gekommen. Stattdessen haben sie jetzt einen Zivilprozess gegen ihren Onkel angestrengt, verklagen ihn auf Schmerzensgeld. "Seien wir mal ehrlich – beim Geld tut es am meisten weh", sagt Victoria. Die Cousinen hoffen, so endlich etwas Genugtuung zu spüren. "Es ist das Letzte, was uns noch bleibt", sagt Hannah nüchtern.

* Die Namen wurden aus Opferschutzgründen geändert. Sie liegen der Redaktion vor, ebenso wie das Urteil gegen den Onkel. (Anmerkung der Redaktion)

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Mai 2024 | 12:00 Uhr

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