Schweine vor einer brennenden Halle.
Jedes Jahr sterben zehntausende Nutztiere bei Stallbränden. Bildrechte: MDR exakt

Brandschutz in Tierställen Könnte der Tod vieler Nutztiere verhindert werden?

10. Juli 2023, 05:00 Uhr

In Deutschland sterben jedes Jahr Zehntausende Nutztiere bei Bränden in Tierställen. Ein Grund: Bei der Zulassung von industriellen Schweinemastanlagen werden die Bestimmungen für den Brandschutz großzügig ausgelegt. Zu diesem Schluss kommt ein aktuelles Gutachten im Auftrag von Greenpeace.

Dicke, dunkle Qualmwolken drehen sich gen Himmel in Mecklenburg-Vorpommern. Darunter verenden in Alt Tellin im März 2021 rund 50.000 Schweine. Es ist einer der verheerendsten Stallbrände in Deutschland. Die Feuerwehr war machtlos. Dabei hatte es schon lange vor Inbetriebnahme der Anlage Proteste gegeben – auch wegen des Brandschutzes.

"Wieso konnte fast kein Tier gerettet werden", fragt Rechtsanwalt Ulrich Werner. Er hatte den BUND 2010 bei der Klage gegen die Inbetriebnahme der Anlage in Alt Tellin vertreten und wurde 2021 von Greenpeace mit einem Gutachten zum Brandschutz in der Schweinemast Alt Tellin beauftragt. "Warum war der Stall schon im Einsturz begriffen, als die Feuerwehr gekommen ist?" Außerdem habe er sich beim Erstellen des Gutachtens gefragt, ob das woanders wieder passieren könne, gerade bei so großen Anlagen. Denn bei kleineren Anlagen passiere dies permanent.

Gutachten: Mangelnder Brandschutz in Stallanlagen

Ein Mann in einem Büro beim Interview
Rechtsanwalt Ulrich Werner hat das Gutachten für Greenpeace erstellt. Bildrechte: MDR exakt

Ein zentraler Punkt laut Werner: Ställe sollten durch Brandwände in mehrere Bereiche, sogenannte Brandabschnitte, unterteilt sein. Dadurch geraten bei Feuer nicht alle Tiere sofort in akute Gefahr. Bricht in einem der Bereiche ein Brand aus, greift er im Idealfall nicht gleich auf die anderen Bereiche über, so dass die Tiere dort evakuiert werden können. Der Richtwert in den Landesbauordnungen für die Größe der Abschnitte: 1.600 Quadratmeter.

"Diese Regelgröße wird in der Praxis um ein Vielfaches überschritten", sagt Werner. Das habe das Gutachten ergeben. Das basiert auf der Überprüfung von zehn solcher Anlagen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt – alle von derselben Firma betrieben, der LFD Holding GmbH. Demnach sollen in Alt Tellin die Brandabschnitte statt 1.600 über 22.000 Quadratmeter groß gewesen sein. "Das heißt, die in Alt Tellin zugelassenen beiden Brandabschnitte waren 13,5 Mal größer, als diese Regelvorgabe zulässt."

Alt-Tellin ist der größte Brand der vergangenen Jahre in Deutschland, aber bei weitem nicht der einzige. Jährlich sterben in Deutschland zehntausende Nutztiere in brennenden Tierställen. Laut der "Initiative Stallbrände" sollen es im Jahr 2022 fast 90.000 Tiere und im Jahr 2021 rund 150.000 gewesen sein. Seit 2018 sollen laut Erhebungen der Initiative knapp 500.000 Tiere durch Brände, Havarien und technische Störungen ums Leben gekommen sein.

Kühe sind Fluchttiere, Schweine nicht

Ein weiterer Grund dafür: Das Verhalten von Tieren bei Feuer sei völlig unterschiedlich. Das berichtet Christoph Unger von der Freiwilligen Feuerwehr Herzberg an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen. "Bei Kühen ist es so, dass sie Fluchttiere sind. Wenn man da die Tür aufmacht, muss man Obacht geben, dass man nicht umgerannt wird." Das sei bei Schweinen entgegengesetzt. Das habe sich etwa beim Brand in der Schweinemastanlage in Kölsa bei Herzberg gezeigt: "Wo wir die Tore aufgemacht haben, aber die Schweine genau auf der Schwelle stehen geblieben sind, obwohl sie von hinten gedrückt worden sind." Erst durch das Bespritzen mit Wasser haben die Kameraden die Tiere zur Flucht animieren können. 

Dieser Brand wütete im vergangenen Jahr erst in einem Waldstück hinter der Mastanlage und griff dann auf die Ställe über. Ein Stall habe beim Eintreffen der Feuerwehr komplett in Flammen gestanden. Den Einsatzkräften gelang es, das Übergreifen der Flammen auf die anderen Ställe zu verhindern. Dennoch starben fast 500 Ferkel.

Bei Feuer dürfen Ställe nicht sofort einstürzen

Dass Ställe wie im brandenburgischen Kölsa oder in Alt Tellin beim Eintreffen der Feuerwehr kurz vor dem Einsturz stehen, verwundert Gutachter Werner nicht. Die tragenden Gebäudeteile bestünden oft aus Materialien, die dem Feuer nicht lange genug standhielten. Das werde bei der Genehmigung meist nicht ausreichend berücksichtigt: "Die Behörde muss ermitteln, wie lange ist denn in der Regel der Zeitraum zwischen Brandentstehung und Abschluss der Evakuierung. Dieser Zeitraum ist dann dafür relevant, welche Feuerwiderstandsdauer die tragenden Bauteile haben müssen."

Bei fast allen Ställen wurden überhaupt keine Anforderungen an die tragenden Bauteile gemacht.

Ulrich Werner Gutachter

Das Ergebnis des Gutachtens: "Bei fast allen Ställen wurden überhaupt keine Anforderungen an die tragenden Bauteile gemacht und diese nicht mal 30 Minuten dem Brand standhalten", so Werner. Für die Feuerwehr bestehe so in den meisten Fällen kaum eine Chance, den Brand rechtzeitig zu löschen und die Tiere zu retten. Denn sie braucht in der Regel allein zehn bis 20 Minuten, bevor sie überhaupt vor Ort ist.

Erhebliche Mängel an Anlage von Sauenhaltung im Vogtland?

In dem Gutachten sind auch erhebliche Mängel beim Brandschutz bei einer Anlage im Vogtland in Sachsen festgestellt worden. Von der Betreiberfirma – der LFD Holding – wollte MDR Investigativ wissen, ob nach dem Großbrand in Alt Tellin der Brandschutz bei der "Sauenhaltung Thierbach" verbessert wurde. Eine Antwort auf diese Anfrage bekommen wir nicht.

Doch wieso wird der Betrieb solcher Anlagen überhaupt genehmigt? Die zuständige Landesdirektion Sachsen teilt auf Anfrage von MDR Investigativ schriftlich mit, dass es sich in Thierbach um einen Industriebau handele. "Für solche Gebäude sind größere Brandabschnitte zulässig. (…) Es existiert keine baurechtliche Vorschrift, die die Feuerwiderstandsfähigkeit (-dauer) von Bauteilen in für die Tierhaltung genutzten landwirtschaftlichen Gebäuden (…) regelt."

Für Gutachter Werner ist diese Argumentation nicht stichhaltig. Denn es müsse bei einer Genehmigung gefragt werden, was der Zweck der Bauten sei, und daran habe sich der Brandschutz zu orientieren.

Landwirtschaftsministerium: Es ist ausreichend

Doch nicht nur das Gutachten von Greenpeace kommt zu dem Schluss, dass der Brandschutz in deutschen Tierställen unzureichend ist. Nach dem Großbrand in Alt Tellin befasste sich eine Arbeitsgruppe der Agrarministerkonferenz mit dem Thema und stellt Anfang 2022 in ihrem Bericht gravierende Mängel beim Brandschutz in Tierhaltungsanlagen fest.

Im Fazit des Berichts wird gefordert, den vorbeugenden Brandschutz rechtlich besser zu stellen und vor allem keine Abweichungen oder Erleichterungen bei den Brandabschnitten und dem Feuerwiderstand zuzulassen.

Doch wie geht das Bundeslandwirtschaftsministerium mit den Ergebnissen des Berichts um? Auf Anfrage von MDR Investigativ wird schriftlich mitgeteilt: "Das fällt in die Zuständigkeit der Länder. Wir haben die zuständigen Bundesressorts um Zuarbeit gebeten. Nach Mitteilung des BMWSB (Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen) hält die Bauministerkonferenz an ihrer Einschätzung fest, dass die bauordnungsrechtlichen Anforderungen an Tierhaltungsanlagen grundsätzlich ausreichend seien."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 05. Juli 2023 | 20:15 Uhr

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