Ernst-Ludwig Petrowsky, ein Mann mit Brille spielt Saxophon.
Ernst-Ludwig Petrowsky bei einem Auftritt im Alten Schlachthof Dresden. Bildrechte: IMAGO/Andreas Weihs

Porträt Jazz-Ikone Ernst-Ludwig Petrowsky wäre 90 Jahre alt geworden

10. Dezember 2023, 04:00 Uhr

Mit Saxophon, Klarinette, enormer Kreativität und Menschlichkeit prägte Ernst-Ludwig Petrowsky den deutschen Jazz – ob in der DDR oder nach der Wiedervereinigung. Am 10. Dezember hätte der im Juli 2023 verstorbene Musiker seinen 90. Geburtstag gefeiert. Eine Würdigung von Jazz-Experte Bert Noglik.

Am 10. Dezember wäre der Saxophonist und Klarinettist Ernst-Ludwig Petrowsky 90 Jahre alt geworden. Wie kaum ein anderer verkörperte er Kontinuität und Integrität im deutschen Jazz. Von seinen Freunden und Kollegen "Luten" genannt, starb Petrowsky im Juli dieses Jahres nach langer, schwerer Krankheit in Berlin. Mit seinem Schaffen hat er den Jazz in der DDR maßgeblich mitgeprägt – und darüber hinaus internationale Anerkennung gefunden.

Jazzer voller Leidenschaft und Vorbildwirkung

Petrowsky war vielen ein großes Vorbild, galt als Vaterfigur und wirkte als Wegbereiter. Er spielte Jazz mit einer Leidenschaft, mit der er andere ansteckte und ermutigte, aber auch mit einer Entschlossenheit, mit der er die Entwicklung vorantrieb.

Ernst-Ludwig Petrowsky und Albert Mangelsdorff an ihren Instrumenten.
Zwei Großmeister des Jazz: Ernst-Ludwig Petrowsky (l.) und Albert Mangelsdorff Bildrechte: imago images/POP-EYE

Mit seinem Schaffen, das sieben Jahrzehnte umspannte, wusste er sich gegen Widerstände aller Art durchzusetzen. Zugleich gelang es ihm, musikalische und moralische Maßstäbe zu setzten. Bequemlichkeit war in diesem Lebensentwurf nicht vorgesehen. Er selbst sagte einmal dazu: "Ich habe nur immer das Ziel gesehen. Und ich habe es mir wirklich schwer gemacht, kann ich jetzt, heute sagen. Damals habe ich gedacht, das muss so sein."

Jazz als Ausbruchsmittel aus stalinistischer Enge

Petrowskys Entscheidung für den Jazz fiel in den 50er-Jahren und damit in einer Zeit, in der die stalinistischen Kulturfunktionäre diese Musik als Ausdruck imperialistischer Dekadenz diffamierten und verbieten wollten.

Für Petrowsky und seine Mitstreiter bedeutete Jazz den Ausbruch aus der Enge der Verhältnisse, ein Weltgewinn und ein freiheitliches Lebensgefühl. "Wir haben so eine Begeisterung für den Jazz gefühlt. Die Jazzmusik, die in dieser Zeit auch eigentlich mehr als eine Musik war. Das war eine Lebensform, das war eine Art zu sein!" so der Musiker.

Motor der Innovation

Als sich in den 1970ern der Jazz für neue Spielformen öffnete und jüngere Musiker die Szene betraten, war es Petrowsky, dem die Entwicklung entscheidende Impulse verdankte. Im Zusammenschluss mit Conny Bauer, Ulrich Gumpert und Günter "Baby" Sommer entstand eine Band, die für den freien Jazz in der DDR wie eine Initialzündung wirkte: die Gruppe "Synopsis", das spätere "Zentralquartett". Eine Band mit einer gänzlich eigenen Musiksprache, die sich im Prozess des Spiels nahezu intuitiv realisierte.

Ich habe nur immer das Ziel gesehen. Und ich habe es mir wirklich schwer gemacht, kann ich jetzt, heute sagen. Damals habe ich gedacht, das muss so sein.

Ernst-Ludwig Petrowsky

Petrowsky blieb unverwechselbar in den unterschiedlichsten Stilbezirken – in den freien Improvisationen des Globe Unity Orchestra ebenso wie im swingenden Idiom der George Gruntz Concert Jazz Band.

Vier Musiker spielen zusammen, dreimal Saxophon, einmal Posaune
Das Globe Unity Orchestra mit Ernst Ludwig Petrowsky, George Lewis, Parker Evans und Gerd Dudek (vlnr.) Bildrechte: imago/BRIGANI-ART

Enge Zusammenarbeit mit Lebensgefährtin Uschi Brüning

Besonders am Herzen lag ihm die musikalische Partnerschaft mit seiner Lebensgefährtin, der Sängerin Uschi Brüning – das "Duo für Stimmband und Bambusblatt", wie Petrowsky zu sagen pflegte.

Er begeisterte sich für den menschlichen Aspekt dieses Zusammenseins: "Wir bringen uns ein und merken, dass uns da etwas entgegenkommt vom Publikum. Dass die also doch wieder – uns Hoffnung machend – nicht nur computergestylte Sounds wollen, sondern die Menschlichkeit eines nicht-technikgestylten Ensembles, in dem Fall dieses Duos. Was natürlich besonders auf den Punkt gebracht ist, weil es keine Rhythmusgruppe gibt, sondern nur zwei Leute – eine Stimme und ein Instrument. Und das ist natürlich auf den Punkt gebrachte Menschlichkeit eines wie auch immer gearteten Musik- oder Jazzensembles."

Ein Mann umarmt eine Frau, beide lächeln.
Ernst-Ludwig Petrowsky und Uschi Brüning – sowohl privat als auch musikalisch ein Paar. Bildrechte: imago images/Eventpress

Künstlerische Wahrhaftigkeit

Petrowsky hat Jazz nicht nur gespielt, er hat ihn gelebt – mit Leib und Seele, mit Body and Soul. Mit seiner kreativen Energie hat er sich stets dem Neuen verpflichtet gefühlt und beständig auch mit jüngeren Musikern zusammengearbeitet.

Wie immer sich der Jazz hierzulande weiterentwickeln mag, er wird sich am Anspruch von Petrowsky messen müssen – nicht im stilistischen Sinne, sondern in der Abkehr von der Beliebigkeit und der Hinwendung zu künstlerischer Wahrhaftigkeit.

 Quelle: MDR KULTUR (Bert Noglik), Redaktionelle Bearbeitung: op

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Dezember 2023 | 15:45 Uhr

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