Idee von Habeck Ökonom Holtemöller spricht sich gegen billigen Industriestrom aus

09. Mai 2023, 05:00 Uhr

Die Energiepreise in Deutschland sind im internationalen Vergleich zu hoch. Darunter leidet die Industrie, die wegen der hohen Kosten teilweise die Produktion drosselt. Bundeswirtschaftsminister Habeck will der Industrie deswegen helfen und einen festen Industriestrompreis einführen. Energieintensive Betriebe würden dann einen staatlich subventionierten Preis bezahlen. Aber ist das auch eine gute Idee?

Ralf Geißler, Wirtschaftsredakteur
Bildrechte: MDR/Isabel Theis

In Leuna, Ostdeutschlands größtem Chemiepark, hoffen die Unternehmen auf bessere Zeiten. Wegen hoher Energiepreise musste die Produktion gedrosselt werden. Zeitweise lag sie nur noch bei 50 Prozent des Möglichen. Inzwischen läuft es wieder besser. Trotzdem sagt Chemiepark-Manager Christof Günther: Deutschland benötige einen staatlich gestützten Industriestrompreis.

"Es gibt dieses Instrument bereits in unserem Nachbarland Frankreich", sagt Günther. "Dort ist der Strompreis für große Industriebetriebe auf ungefähr 40 Euro je Megawattstunde begrenzt." Er empfiehlt, sich auch in Deutschland an so einem Industriestrompreis zu orientieren, um wettbewerbsfähig zu sein.

Mit diesem Modell müsste die Industrie nur noch 4 Cent je Kilowattstunde Strom bezahlen. Das wären nochmal 2 Cent weniger, als Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck vorschlägt. Doch egal, worauf sich die Politik einigt: Oliver Holtemöller, Vize am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, fände eine Subvention für Industriestrom generell falsch.

"Preise haben in der Marktwirtschaft ja eine Funktion", sagt Holtemöller. "Sie sollen Knappheit anzeigen und entsprechend das Verhalten beeinflussen. Wenn die Regierung mit solchen Preiskappungen diese Preissignale außer Kraft setzt, dann führt das erstmal zu ökonomisch ineffizienten Ergebnissen." Denn die Energie sei ja dadurch nicht billiger geworden, sondern der Differenzpreis würde lediglich vom Steuerzahler übernommen.

CDU und Grüne: Günstiger Industriestrom ist notwendig

Mit seiner Kritik ist Holtemöller nicht allein. Viele Ökonomen sehen es wie er. Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze stellt sich trotzdem auf die Seite der Industrie. Der CDU-Politiker sagt, der Industriestrompreis sei notwendig, um Firmen zu halten. "Wir haben in Sachsen-Anhalt sehr, sehr viele weltweit agierende Unternehmen und die könnten mittelfristig auch ihre Produktion an andere Stelle, dort, wo Energie günstiger zur Verfügung steht, entsprechend dorthin verlagern", warnt Schulze. "Das wollen wir verhindern."

Ähnlich sieht es Sachsens Umweltminister Wolfram Günther. Der Grüne argumentiert, Deutschland baue sein Energiesystem um und werde nach 2030 ausreichend Ökostrom haben. Bis dahin müsse man den energieintensiven Unternehmen eine Brücke bauen. Andernfalls könne es sein, "dass wir zwar in den 2030er-Jahren ein hervorragend umgebautes Energiesystem haben. Aber dass uns die produzierenden, energieintensiven Unternehmen abhandengekommen sind." Und wenn die einmal weg wären, kämen die auch so schnell nicht wieder. Und genau dieses Risiko müsse man jetzt vermeiden.

Ökonom befürchtet "Subventionsmaschine"

Bei Ökonom Holtemöller verfangen diese Argumente nicht. Er glaubt, die Politik gehe der Industrie-Lobby auf den Leim. Man könne Industrievertretern nicht vorwerfen, ihre eigenen Interessen in den Vordergrund zu stellen, denn das sei ihre nun mal ihre Aufgabe, sagt Holtemöller. "Aber nüchtern betrachtet: Industriestrom war in Deutschland auch vor dem Ukraine-Krieg schon teuer. Also das kann man gar nicht heranziehen als Argument. Die Großmarktpreise sind ja jetzt wieder auf dem Niveau von Mitte 2021."

Holtemöller fragt, wie lange die Politik den Strom denn subventionieren wolle. Billiger als im Ausland werde er wahrscheinlich nie. Auch Ökostrom könnten wind- und sonnenreiche Regionen günstiger herstellen als wir. Der Wirtschaftswissenschaftler befürchtet deswegen, aus der Hilfe für die deutsche Industrie werden am Ende eine "sehr langfristige Subventionsmaschine".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Mai 2023 | 06:00 Uhr

57 Kommentare

nasowasaberauch vor 41 Wochen

@ELBuffo Das Merit Order Prinzip legt fest, dass die Primärenergie mit dem höchsten Preis, in unserem Fall Gas, für die Erzeugung der Elektroenergie den Strompreis bestimmt. Die Differenz zwischen diesem Preis und dem Erzeugerpreis für Windstrom ist die Gewinnmarge für die Betreiber dieser Windstromanlagen. Wenn es stimmt, dass der Erzeugerpreis für Windstrom bei 4...8 ct/kWh liegt, dann wird die Marktverzerrung klar. Der Anteil von Gas beträgt 15% am gesamten Primärenergievolumen zur Stromerzeugung . Heißt 15% Gasanteil bestimmen den Strompreis. Durch Abschaltung der AKW kann sich der Anteil verschoben haben.

Atze Ton vor 42 Wochen

Recht hat er, der Ökonom Holtemöller. Mit der "grünen Subventioniemanie" wird lediglich ein Inflationärer Temporärer Effekt erreicht. Auf Dauer kommt die Klatsche um so heftiger wieder zurück. Und das zahlen dann die, die angeblich entlastet werden sollen. Wenn es die Industrie trifft - naja mal ehrlich, die sind doch nicht so blöd, als dass sie nicht schon längst den Plan "B" in der Tasche haben. Vielleicht regelt sich der Fachkräftemangel ja auf diesem Weg. Iss halt nicht so schön.

hinter-dem-Regenbogen vor 42 Wochen

@Peter

Nicht unterschlagen wurde der Sachverhalt , dass in Deutschland die Energiepreise durch staatlichen Eingriff, künstlich in die Höhe getrieben werden. Anschließend wird durch politisches Handeln, Selektion betrieben und das Gesellschafts-Modell nach ideologischen Gesichtspunkten ausgerichtet.
Subventionen dienen nicht dazu, dem Bürger eine Freude zu bereiten. Subventionen sind der Knochen, der Knochen wie beim Hund, hinter dem die Gesellschaftliche Masse hinterherlaufen soll.

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