Stresstest der Netzbetreiber Wahrscheinlichkeit für Brownout im Februar am höchsten - Gefahr aktuell gering

Frank Aischmann
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In Baden-Württemberg wurden die Haushalte am Mittwoch bereits zum Stromsparen aufgefordert, um das Netz stabil zu halten und einen Stromausfall zu verhindern. Experten schließen außerdem einen Brownout – also das gezielte Abschalten des Stroms für ein paar Stunden, um einen Komplettausfall zu verhindern – nicht aus. In Mitteldeutschland besteht diese Gefahr aber zurzeit erstmal nicht.

Nebel über einem Solarfeld mit darüber laufender Stromleitung
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Wie groß die Gefahr von Stromausfällen ist, mussten die vier deutschen Netzbetreiber in diesem Herbst genau durchrechnen. Wenn alle Problemlagen eintreten, fasste Bundeswirtschaftsminister Habeck das Ergebnis des sogenannten Stresstests zusammen, dann drohen: "Unter bestimmten Szenarien, also sehr kalter Winter und große Ausfälle von Atomstrom in Frankreich, stundenhafte Mangelsituationen."

Sind wir inzwischen an diesem Punkt? Wackelt das Netz bereits? Volker Gustedt, Sprecher des Netzbetreibers 50Hertz: "Wir sehen bei uns im Netzgebiet von 50Hertz, und das ist identisch mit dem Sendegebiet des MDR, derzeit keine erhöhte Gefahr von zeitlich oder regional begrenzten Stromunterbrechungen."

Vorsichtiger Optimismus, weil in den vergangenen Monaten Kohlekraftwerke aus der Reserve geholt wurden, weil die drei letzten deutschen Atomkraftwerke noch weiterlaufen, die Gasspeicher gefüllt sind und weil an Flüssiggasterminals an den Küsten gebaut wird, um Gaskraftwerke auch nach einem langen harten Winter weiterbetreiben zu können.

Gezielte Stromabschaltung im Februar möglich

Aber genug Strom produzieren können, das ist noch kein sicheres Netz, sagt Fiete Wulff von der Bundesnetzagentur. Im deutschen Netz sei es so: "Dass wir zwar genug Strom haben, aber häufig nicht dort, wo wir ihn brauchen und die Leitungen dazwischen überlastet sind. Dann hilft es nur, auf der einen Seite die Erzeugung herunterzuregeln und dort, wo zu wenig ist, die Erzeugung hochzufahren. Das ist der sogenannte redispatch."

Aber es kann passieren, dass der Strom knapp wird – besonders kritisch, so die Netzbetreiber in ihrem Stresstest, könnte es Anfang Februar werden, wenn keine Sonne scheint, kein Wind weht, der Bedarf sehr hoch ist. Dann kommt der sogenannte kontrollierte Lastabwurf, die gezielte vorübergehende Abschaltung. Volker Gustedt von 50Hertz: "Das funktioniert nach einem verabredeten Schema, das muss diskriminierungsfrei passieren. Das heißt, niemand darf bevorzugt oder benachteiligt werden."

Fehlt tatsächlich Energie, müssen die Netzbetreiber jeweils ihren errechneten Anteil einsparen. 50Hertz wäre zum Beispiel für etwa ein Fünftel der fehlenden Menge zuständig.

Kritische Infrastruktur nicht aus Abschaltung ausgenommen

Aber gibt es keine Ausnahmen von der Abschaltung – etwa für Krankenhäuser, Schulen oder Unternehmen, denen bei plötzlicher Unterbrechung riesige Schäden drohen? Überraschende Antwort: Es gibt keine Abschaltreihenfolge mit definierten Ausnahmen: "Nein, das geht nicht, man kann nicht einzelne Haushalte, Gebäude oder Straßenzüge ausnehmen, das muss sehr schnell erfolgen. Das heißt, auch Krankenhäuser und andere kritische Infrastruktur können nicht per se ausgenommen werden. Man wird da einen Stadtteil oder eine Siedlung abschalten und beim nächsten mal wären andere betroffen und Krankenhäuser sind darauf eingerichtet und haben für den Fall der Fälle eine Notstromversorgung", erklärt Gustedt.

"Denken Sie nur an Dresden vor zwei Jahren: Da ist ein Luftballon in eine Umspannstation geflogen, da waren Tausende Haushalte betroffen, auch Krankenhäuser. Man muss sich davor schützen und Krankenhäuser tun das", meint der Sprecher des Netzbetreibers weiter.

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https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/jerichow/burg-stromausfall-vorkehrungen-buergermeister-100.html

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Völlig überraschend werde der sogenannte kontrollierte Brownout, also das gezielte Abschalten von Straßenzügen oder Stadtteilen zur Stabilisierung des Gesamtnetzes, ohnehin nicht kommen, sagt Fiete Wulff von der Bundesnetzagentur: "In einem kritischen Fall betrachtet es die Bundesnetzagentur als ihre Aufgabe, die Menschen zu warnen und ihnen Verhaltenshinweise zu geben. Das halten wir aber derzeit nicht für erforderlich."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 10. Dezember 2022 | 06:00 Uhr

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