Wartung an Nord Stream 1 Experten: Langfristiger Gas-Lieferstopp aus Russland technisch nicht möglich

Wird Russland den Gashahn nach den Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 wieder aufdrehen? Laut Experten wäre ein Gas-Stopp rein technisch möglich – aber nur für eine kurze Zeit.

Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1.
Das Gas aus Russland fließt durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 bis nach Lubmin. Bildrechte: dpa

Geplante Reinigung der Pipeline bis 20. Juli

55 Milliarden Kubikmeter Gas strömen jedes Jahr durch die Pipeline der Nord Stream 1 von Russland nach Deutschland. Das ist mehr als die Hälfte des gesamten Erdgases, das die Bundesrepublik jährlich verbraucht. Doch im Juni wurde die Liefermenge bereits drastisch reduziert und seit dieser Woche kommt noch weniger an. Der Grund: Die gigantische Rohrleitung wird turnusmäßig gewartet.

Dadurch kommt derzeit durch Nord Stream 1 gar kein Gas mehr nach Deutschland. Hierzu wird das in der Leitung befindliche Gas mittels spezieller Armaturen "abgeschiebert". Das heißt, die Absperrhähne der Leitungen werden vollständig geschlossen, Gas kann so nicht mehr strömen. Nun schauen die Regierung und die Gas-Branche mit einem flauen Gefühl im Magen auf das geplante Ende der Arbeiten am 20. Juli. Denn es machen sich Sorgen breit, ob die Russen den Gashahn wieder aufdrehen.

Wie wird die Pipeline bei Wartungsarbeiten verschlossen?

Viele fragen sich: Kann man die Gasförderung eigentlich einfach so stoppen, wenn man eine Quelle einmal angezapft hat? Schließlich steht das Gas in den unterirdischen Erdgasfeldern unter einem enormen Druck – in manchen Gegenden bis zu 600 bar. Zum Vergleich: Im Autoreifen herrschen nur 2,5 bar. Einmal angebohrt strömt das Erdgas von allein an die Erdoberfläche – so wie die Luft im Reifen durch das geöffnete Ventil.

"Technisch ist es möglich, die Förderkapazität einer einzelnen Erdgas-Lagerstätte vollständig auf Null zu fahren und somit Förderstätten zeitweise ganz außer Betrieb zunehmen", sagte Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches, zur MDR-Wirtschaftsredaktion. Dazu werde üblicherweise in den Förderstrang eine schwere Salzlösung gefüllt, das sogenannte "heavy brine". So wird das angebohrte Gasfeld vorerst verschlossen. "Nach unseren Informationen gehen in Russland praktisch alle Produktionsfelder jedes Jahr planmäßig für Überprüfungs-Maßnahmen vorübergehend in einen Shut-down, so dass das Wiederanfahren dieser Felder insofern auch technisch nachgewiesen ist."

Technisch ist es möglich, die Förderkapazität einer einzelnen Erdgas-Lagerstätte vollständig auf Null zu fahren und somit Förderstätten zeitweise ganz außer Betrieb zunehmen.

Gerald Linke, Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches

Gerald Linke
Gerald Linke ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches. Bildrechte: DVGW

Dauerhafter Verschluss der Leitung kann zu Schäden führen

Ein technischer Verschluss ist nur für eine bestimmte Zeit möglich. Prof. Dr. Mohd Amro von der TU Bergakademie Freiberg warnt die Russen davor, das nicht geförderte Erdgas für längere Zeit in den Erdlagerstätten zu belassen. Es kann nämlich nur solange in den vorhandenen Poren- und Kavernenspeichern Russlands eingespeichert werden, bis alle Untergrundgasspeicher vollständig gefüllt sind. Bis das so weit ist, könnte es bis zum Winter dauern – danach drohen Schäden. "Abrupte Produktionsunterbrechungen schaden in jedem Fall den Erdgaslagerstätten", betont Prof. Dr. Mohd Amro.

Abrupte Produktionsunterbrechungen schaden in jedem Fall den Erdgaslagerstätten.

Prof. Dr. Mohd Amro, TU Bergakademie Freiberg

Mohd Amro
Mohd Amro lehrt an der TU Bergakademie Freiberg und ist Experte für Geoströmungs-, Förder- und Speichertechnik. Bildrechte: TU Bergakademie Freiberg, Copyright: Holger Stein

Sind alternative Abnehmer für das russische Gas schnell vorhanden?

Im Fall eines Lieferstopps müssten die Russen also schnell alternative Absatzmärkte für das Erdgas erschließen. Laut Prof. Dr. Michael Z. Hou von der Technischen Universität Clausthal gibt es Interessenten: "Als Großabnehmer kämen China, Indien und Japan in Frage." Doch in Richtung Japan oder Indien gibt es keine Pipelines. Das Erdgas könnte natürlich auch in verflüssigter Form als sogenanntes LNG per Schiff transportiert werden. Doch selbst der größte derzeit existierende Tanker fasst "nur" 266.000 Kubikmeter Flüssiggas. Dem stehen jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Fördermenge gegenüber. "Die entsprechende Gasmenge könnte nicht als LNG per Schiff, sondern nur über vorhandene Pipelines transportiert werden", sagt der Experte für Energiespeichertechnologien. Und nach Japan oder Indien gibt es keine Pipelines.

Allerdings gibt es eine Pipeline nach China. Seit dem 2. Dezember 2019 wird das Reich der Mitte über das Megaprojekt "Kraft Sibiriens" mit Gas versorgt. Im vergangenen Jahr strömten aber nur zehn Milliarden Kubikmeter Gas durch diese Leitungen. "Eine schnelle Umleitung von zusätzlich 55 Milliarden Kubikmetern Gas über die "Kraft Sibiriens"-Pipeline nach China ist gar nicht möglich", erklärt Prof. Dr. Michael Z. Hou. Selbst wenn der Bau im Jahr 2024 oder 2025 komplett fertiggestellt ist, sollen jährlich lediglich 38 Milliarden Kubikmeter Gas nach China transportiert werden.

Eine schnelle Umleitung von zusätzlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas über die "Kraft Sibiriens"-Pipeline nach China ist gar nicht möglich.

Michael Z. Hou, Technische Universität Clausthal

Kann das überschüssige Erdgas in Russland einfach abgefackelt werden?

Eine radikale Lösung wäre es, das Erdgas lieber abzubrennen, als es durch die Pipeline Nord Stream 1 zu schicken. Schließlich hat Russland darin Erfahrung. In den 2000er-Jahren führte Russland gemeinsam mit Nigeria die Liste der Länder an, die am meisten Gas nutzlos verbrannt haben. Das sogenannte "Abfackeln" setzt aber so viele Treibhausgase frei, dass dadurch in erheblichem Maße zur globalen Erwärmung beigetragen wird. Heute ist die Technik ein umweltpolitisches NoGo und seit 2008 gesetzlich verboten, wird aber in manchen Ländern weiter praktiziert.

Befürchtung: Putin könnte Fördermenge reduzieren und dadurch für Chaos sorgen

Ein kompletter Förderstopp kommt also nicht in Frage und eine Umleitung des Gases in andere Länder ist auf kurze Sicht nicht machbar. Bliebe noch die Möglichkeit, die Gasmenge zu reduzieren, die nach Deutschland geschickt wird. Das könnte zu einem großen Problem werden, wenn dadurch der Gasnetzdruck in der Bundesrepublik sinkt. Dann würden die sogenannten Gasdruckwächter in den Gasthermen Alarm schlagen und die Heizungen in den Wohnhäusern abschalten. In den meisten Fällen könnten die Bewohner diese Störung zwar selbst beheben, doch viele Besitzer von älteren Heiz-Thermen würden dann – schlimmstenfalls mitten im Winter – so lange im Kalten sitzen, bis der Heizungsmonteur den Wächter wieder freischaltet.

Experte: Russland würde sich vor allem auch selbst schaden

Der Clausthaler Professor Michael Z. Hou glaubt aber nicht, dass es aus der Sicht Russlands eine gute Idee wäre, die Fördermenge zu mindern. "Diese Maßnahme führt zur starken Reduzierung der Einnahmen, zur Erhöhung der Arbeitslosigkeit und insbesondere zur technischen Problematik bei der Rückkehr zur normalen Produktivität, also zu Eigenschäden Russlands. Daher wird sie gar nicht von Russland in den Betracht gezogen."

Michael Hou
Michael Z. Hou lehrt an der TU Clausthal und ist Experte für Energiewandlung und -speicherung. Bildrechte: TU Clausthal

MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 11. Juli 2022 | 17:45 Uhr

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