Energiewende Wo stockt es mit der Windenergie in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen?

Bis 2032 sollen zwei Prozent der gesamten Bundesfläche für Windenergie bereitstehen. Wir haben mit dem Energiewirtschaftsexperten Jürgen Quentin über die Hürden für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gesprochen.

Zum Sonnenaufgang drehen sich die Rotorblätter von Windenergieanlagen im Wind.
Die Bundesregierung will bis 2030 den Strom aus erneuerbaren Energien verdoppeln und setzt dabei auch auf Windkraft, die schneller ausgebaut werden soll. Bildrechte: dpa

Interview mit Energiewirtschaftsexperte Jürgen Quentin zum Ausbau der Windenergie in Mitteldeutschland

Welche Ziele hat sich das Bundesland Sachsen beim Thema Windenergie gesetzt? Wie geht es voran?

Jürgen Quentin: Das Land Sachsen hat sich eigene Ziele bei den Strommengen gesetzt. Im Freistaat werden derzeit etwa sechs Milliarden Kilowattstunden Strom mit erneuerbaren Energien erzeugt. 2024 soll das Niveau bis auf zehn Milliarden Kilowattstunden gesteigert werden. Im Energie- und Klimaschutzprogramm des Landes steht auch, dass der ganz überwiegende Teil des zusätzlichen Stroms mit Windenergieanlagen erzeugt werden soll. Wenn dieses Ziel bis 2024 erreicht werden soll, müssen in Sachsen jedes Jahr zwischen 40 und 50 Windenergieanlagen gebaut werden. Allerdings wurden in den letzten zweieinhalb Jahren gerade mal sechs Anlagen neu errichtet, 2021 war es gerade mal eine. Wenn der weitere Windenergieausbau auf diesem Niveau verharrt, werden die selbstgesteckten Ziele nicht erreichbar sein. Im selben Zeitraum, also in zweieinhalb Jahren, wurde in Sachsen gerade mal der Bau von 20 Anlagen genehmigt. Es müssten aber jährlich 40 bis 50 neue Anlagen in Sachsen gebaut werden, damit die selbstgesteckten Ziele erreicht werden.

Jürgen Quentin
Jürgen Quentin ist Experte für Windkraftausbau. Bildrechte: MDR/Umschau

Wie könnten mehr Genehmigungen zum Neubau von Windenergieanlagen erreicht werden?

Jürgen Quentin: Um für Windenergieanlagen Genehmigungen erarbeiten zu können, braucht es zunächst mal Fläche, auf der die Windenergie realisiert werden kann. In Sachsen gibt es bislang aber viel zu wenig Fläche. Und wo diese existiert, bestehen teils Höhenbeschränkungen – sprich Anlagen dürfen nicht höher werden als beispielsweise 150 Meter, wenn sie in Ortsnähe entstehen sollen. Anlagen mit 150 Metern Gesamthöhe werden heute am Markt gar nicht mehr angeboten, zumindest nicht für Regionen wie Mittel- oder Süddeutschland, sodass diese Flächen im Prinzip auch nicht genutzt werden. Insgesamt sind in Sachsen heute etwa 0,2 Prozent der Landesfläche für die Windenergienutzung ausgewiesen. Nach der neuen bundesgesetzlichen Zielvorgabe muss Sachsen aber schon bis Ende 2027 1,3 Prozent seines Landes für die Windenergie zur Verfügung stellen. Das heißt, in fünf Jahren muss sich das bisherige Flächenangebot für die Windenergie versechsfachen. Bis Ende 2032 steigt dieser Wert auf zwei Prozent. Im Vergleich zu heute bedeutet das eine Verzehnfachung der momentanen Windenergieflächen.

Der Bund hat festgelegt, dass bis 2032 zwei Prozent der Landesfläche des Bundes für Windkraft zur Verfügung stehen müssen. Ist das zu schaffen?

Jürgen Quentin: Die Herausforderung ist, dass die Ausweisung von Flächen ein langwieriger Prozess ist, der gut fünf bis zehn Jahre dauern kann. Wenn heute nur 0,2 Prozent der Fläche zur Verfügung stehen, bedeutet das, dass die für die Flächenfindung zuständigen regionalen Planungsgemeinschaften im Prinzip morgen anfangen müssen, ihre bisherigen Pläne zu überarbeiten und sehr ambitioniert daran arbeiten müssen, damit in fünf Jahren das Niveau von 1,3 Prozent erreicht werden kann. Gelingt dies nicht, gilt ab dann keinerlei Beschränkung mehr für die Windenergie im Außenbereich. Das hätte zur Folge, dass planerisch überall außerhalb von Siedlungsgebieten dann Windenergieanlagen gebaut werden dürften – und dann gälte in Sachsen auch der erst kürzlich eingeführte Mindestabstand für Windräder zu Wohnsiedlungen nicht mehr.

Der Mindestabstand von Windrädern zu Wohnsiedlungen beträgt in Sachsen laut neuer Bauordnung 1.000 Meter. Was bedeutet das für den Zubau in der Zukunft?

Jürgen Quentin: Dass Windenergieanlagen bereits zu Siedlungen ab fünf Häuser mindestens 1.000 Meter Abstand halten müssen, verschmälert nochmal deutlich den Suchraum für weitere Flächen. Hinzu kommt, dass Sachsen anders als etwa Hessen oder Brandenburg, auch forstwirtschaftlich genutzte Flächen nicht für die Windenergie öffnet. Damit fallen weitere Flächenpotenziale weg, die anderswo genutzt werden und womit es einfacher würde, auf die bereitzustellenden Flächen zu kommen. Sachsen hat im Koalitionsvertrag erneut bekräftigt, dass man Waldflächen für die Windenergie nicht öffnen möchte. Damit wird es umso herausfordernder, die geforderten Flächengrößen zu finden.

Wo steht der Ausbau der Windenergie in Thüringen?

Jürgen Quentin: In Thüringen hat die amtierende Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag das bereits 2018 festgelegte Flächenziel im Landesklimaschutzgesetz noch einmal bestätigt – dass nämlich ein Prozent Thüringens für die Windenergienutzung zur Verfügung stehen soll. Wir haben aber seit wenigen Wochen eine komplett neue Situation: Es gibt nun die bundesrechtliche Vorgabe, die bis 2027 von Thüringen bereits 1,8 Prozent der Landesfläche für Windenergie einfordert. 2032 sollen es in Thüringen sogar 2,2 Prozent sein. Das bisherige Landesziel hat sich seit den Beschlüssen des Deutschen Bundestags überholt. Es ist jetzt an der Landesregierung, diese neuen Ziele umzusetzen und dafür auch entsprechende Flächen verfügbar zu machen.

Wie viel Fläche steht derzeit in Thüringen für Windenergie zur Verfügung?

Jürgen Quentin: Thüringen hat etwa 0,6 Prozent der Landesfläche für die Windenergienutzung ausgewiesen. Von dieser Fläche sind seit Ende 2020 deutliche Flächenanteile verloren gegangen, weil auf Betreiben der Opposition dort ein Verbot der Nutzung von Waldflächen für die Windenergie durchgesetzt wurde. Auch in Thüringen muss aber das Flächenangebot in den nächsten fünf Jahren gegenüber der heutigen Situation mehr als verdoppelt, wahrscheinlich sogar verdreifacht werden.

Wie geht es in Thüringen mit den Genehmigungsverfahren voran?

Jürgen Quentin: In den letzten zweieinhalb Jahren wurden in Thüringen rund 40 neue Anlagen installiert. In früheren Zeiträumen wurde dieser Wert im Durchschnitt jährlich erreicht. Von 2014 bis 2018 waren es jedes Jahr über 40 neue Anlagen. Daran kann man deutlich sehen, dass auch in Thüringen der Ausbau sehr stark nachgelassen hat, was auch daran liegt, dass es zu wenig Flächen für weitere Windenergieanlagen gibt.

Hat sich an der Ausschreibungspraxis etwas verändert? Könnte dies ein Grund für den Rückgang der Anzahl der genehmigten Anlagen sein?

Jürgen Quentin: Ich befasse mich sehr intensiv mit dem Ausschreibungssystem und den dortigen Entwicklungen. Ausschreibungen waren nie ein Bremsklotz für den Ausbau der Erneuerbaren. Zwar war zeitweilig so, dass das Ausschreibungsvolumen sehr begrenzt wurde. Dennoch gab es viele Ausschreibungstermine, in denen das Volumen, das zur Verfügung stand, gar nicht komplett abgerufen wurde. Wer in die Ausschreibung gehen musste, hatte spätestens bei der zweiten Teilnahme eine sehr hohe Chance, auch einen entsprechenden Zuschlag zu bekommen. Dieser Zuschlag beinhaltet, dass eine EEG-Vergütung beanspruchen werden kann, worüber sich eine Anlage letztlich auch finanziert.

Was sind noch einmal zusammengefasst die Hauptgründe, warum der Ausbau der Windenergie in Mitteldeutschland stockt?

Jürgen Quentin: Zunächst haben wir in vielen Regionen nicht ausreichend Fläche. Keiner der drei Bundesländer erfüllt derzeit die Flächenziele, die es in absehbarer Zeit zu erreichen gilt. Der zweite Problembereich sind die Genehmigungsverfahren. Sie dauern heute sehr lang und sind sehr komplex geworden – etwa weil die Anforderungen an Artenschutzbestimmungen stark zugenommen haben, weil es teilweise neue Mindestabstände von 1.000 Metern gibt, die jetzt in Sachsen gelten und die in Thüringen im Raum stehen, welche das Anlagen-Zulassungsverfahren nochmal erschweren. Und drittens, bedingt durch das Wiederaufleben der weltweiten Industrienachfrage nach Corona, sind die Energiepreise gestiegen, aber auch die Rohstoffpreise. Anlagen sind heute deutlich teurer, als sie es noch vor zwei, drei Jahren waren. Stahl ist knapp und damit teuer. Wurden Anlagen nicht an einem Standort mit sehr guten Windverhältnissen geplant, haben sie derzeit unter Umständen das Problem, dass durch die Preissteigerungen die Wirtschaftlichkeitsgrenze nicht mehr erreicht wird. Werden diese Anlagen zu den heutigen Bezugskosten realisiert, wird es unter Umständen nicht möglich, die Investition innerhalb von 20 Jahren, so lange gibt es die EEG-Vergütung, am Markt zu amortisieren. Dabei sprechen wir von fünf, sechs Millionen Euro, die eine moderne Windenergieanlage heute kostet.

Im Bundesvergleich kam der Ausbau der Windenergie in Sachsen-Anhalt ganz gut voran. Aber auch dort stockt es nun. Warum?

Jürgen Quentin: Sachsen-Anhalt hat, anders als Thüringen und Sachsen, in den frühen Jahren sehr viel Windenergieausbau möglich gemacht. Entsprechend stehen dort heute auch mehr Anlagen. Die Landesregierung beschränkt sich bislang darauf, weitere Flächen nur zur Verfügung stellen, um darauf neue Anlage im Ersatz für alte zu errichteen, wodurch der Anlagenbestand dort stagniert. Auch in Sachsen-Anhalt stehen nicht in dem Umfang Flächen zur Verfügung, um die Ziele der Bundesregierung zu erreichen. Dennoch gab es in Sachsen-Anhalt mehr Windenergieausbau. Dort wurden in den letzten zweieinhalb Jahren rund 70 Anlagen in Betrieb genommen, also deutlich mehr als in Thüringen und in Sachsen. Aber auch 70 Anlagen in zweieinhalb Jahren ist ein Niveau, was in früheren Jahren dort in einem Jahr erreicht wurde.

Zur Person Jürgen Quentin ist Experte für Energiewirtschaft, analysiert die Entwicklung beim Ausbau von Windkraft und kennt sich mit den Ausschreibungs- und Genehmigungsverfahren bestens aus.

Mehr zur Debatte um Windenergie

MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 02. August 2022 | 20:15 Uhr

Mehr aus Wirtschaft

Ein Sarg auf einem Platz bei einer Protestaktion 1 min
Bildrechte: Telenewsnetwork
1 min 25.11.2022 | 12:17 Uhr

Im Kampf um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen bei Amazon nutzt die Gewerkschaft Verdi den Rabattaktionstag "Black Friday" und hat die Beschäftigen zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen – unter anderem in Leipzig.

Fr 25.11.2022 12:06Uhr 00:48 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/video-amazon-blackfriday-rabatt-tarifkonflikt-verdi-leipzig-schnaeppchen-hauptbahnhof100.html

Rechte: Telenewsnetwork

Video

Mehr aus Deutschland