Abwasserrohre aus Ton (unlackiert) im Werk von Steinzeug-Keramo
Was fast wie eine griechische Säulenhalle aussieht, sind Abwasserrohre im Bad Schmiedeberger Werk von Steinzeug-Keramo. Das Unternehmen würde in der Produktion gern so schnell wie möglich Wasserstoff einsetzen. Allein es fehlt an Versorgungsmöglichkeiten. Bildrechte: Steinzeug-Keramo, Werk Bad Schmiedeberg

Wasserstoff Unternehmen sind "H2-ready" und auf der Suche nach Anschluss

30. August 2023, 05:00 Uhr

Die Klimakrise ist Treiber beim Umstieg auf nachhaltige Energieversorgung. Aber auch die durch Krieg und CO2-Bepreisung sprunghaft gestiegenen Gaspreise lassen Unternehmen in Mitteldeutschland über Alternativen nachdenken. Neben großen Playern wie BMW oder Opel sind vor allem mittelständische Unternehmen an der Umstellung auf Wasserstoff interessiert. Etliche sind auch schon aktiv geworden.

Im Herzen Thüringens produziert die Kartonfabrik Porstendorf Karton und Pappe – zum Beispiel für die Getränke- und Lebensmittelindustrie. Kundschaft hat das mittelständische Industrieunternehmen in der ganzen Welt. Der Graukarton geht an Abnehmer in Europa, Saudi-Arabien, China und in der Türkei. "Für uns als Produzent von Graukarton geht es darum, in der Energie-Frage vorne dabei zu sein und die beste Lösung zu finden.

Wasserstoff als Energieträger kommt dabei eine große Bedeutung zu. Aktuell arbeiten wir mit Gas, möchten jedoch so schnell wie möglich auf grünen Wasserstoff umsteigen", erklärt Werksleiter Sebastian Heckmann MDR AKTUELL. Auch bei der Kundschaft habe das Thema Dekarbonisierung einen hohen Stellenwert.

Dekarbonisierung Bei der Dekarbonisierung geht es darum, die Wirtschaft so umzugestalten, dass möglichst wenig bzw. kein CO2 oder andere Treibhausgase mehr freigesetzt werden – also um die Abkehr von der Nutzung kohlenstoffhaltiger Energieträger, bei deren Verbrennung CO2 freigesetzt wird. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums war die Industrie in Deutschland im Jahr 2021 für etwa 24 Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Die Eisen- und Stahlindustrie, die Zementindustrie und die Chemieindustrie waren demnach die drei bedeutendsten Emittenten. Das Klimaschutzgesetz sieht vor, dass die Treibhausgas-Emissionen der Industrie bis 2030 um 30 Prozent auf 118 Millionen Tonnen sinken sollen – im Vergleich zu 2021.

Laut Heckmann soll in Porstendorf Wasserdampf mit grünem Wasserstoff erzeugt werden. "Genauer gesagt: Wir wollen Wasserstoff einsetzen, um Wasserdampf für die Trocknung unserer Kartonbahn zu verwenden." Bislang ist das Thema Wasserstoff bei dem Thüringer Karton-Hersteller aber Zukunftsmusik. Es laufe ein "Überlegungsprozess" – entweder mit Photovoltaik beziehungsweise einer Windkraftanlage selbst grünen Wasserstoff herzustellen oder aber Wasserstoff zu beziehen.

Kein Wasserstoffnetz, aber unternehmerische Eigeninitiative

Bezogen wird Wasserstoff im Moment vor allem über Gasflaschen, die per Schiff, Lkw oder Zug transportiert werden. Das höchst flüchtige Gas muss dafür komprimiert werden. Derzeit gibt es noch keinen einzigen Meter Leitung in Deutschland, der ausschließlich grünen Wasserstoff transportiert. Im Rahmen der Nationalen Wasserstoffstrategie der Bundesregierung wurde kürzlich ein erster Plan für ein großes deutsches sogenanntes Wasserstoff-Kernnetz vorgestellt, dass grünen Wasserstoff perspektivisch in der Fläche verteilen soll. Zeithorizont für die Fertigstellung: 2032.

Wie entsteht Wasserstoff? 1 min
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Er gilt als Energieträger der Zukunft: grüner Wasserstoff. Doch was macht Wasserstoff grün? Wie wird er hergestellt und was kann man damit machen?

Do 13.07.2023 15:41Uhr 00:41 min

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So lange wollte man bei der Hörmann KG im thüringischen Ichtershausen nicht warten und hat sich kurzerhand einen Elektrolyseur aufs Firmengelände gestellt. Seit Mai 2023 produziert diese Apparatur Wasserstoff, der nach Unternehmensangaben 20 Prozent des Erdgasbedarfs des Unternehmens ersetzt. Das Unternehmen, das Türen und Tore herstellt, benötigt vor allem beim Trocknen in der Lackiererei viel Energie. Werksleiter Matthias Nemitz erklärt MDR AKTUELL, man überlege sogar, ob man nicht den gesamten Erdgasbedarf ersetzen könne.

Für mittelständische Unternehmen wie Hörmann und die Kartonfabrik Porstendorf ist das nicht nur eine ökologische Entscheidung, sondern eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens. Nach den kriegsbedingten Preis-Explosionen im vergangenen Jahr normalisiert sich der Großhandelspreis für Erdgas zwar im Moment. Doch mit dem Wegfall Russlands als Großlieferant und weiteren geopolitischen Spannungen bleiben Unwägbarkeiten. Und spätestens die kontinuierlich steigende CO2-Bepreisung macht den fossilen Energieträger langfristig unattraktiv. Ab kommendem Jahr werden pro Tonne emittiertem CO2 35 Euro fällig. Bis 2027 soll der Preis auf 55 Euro pro Tonne steigen.

Gibt es Alternativen zum Pipeline-Anschluss?

Kurz- und mittelfristig müssten Unternehmen "wirtschaftliche Geschäftsmodelle" entwickeln, um "den Energiebedarf über die Produktion erneuerbarer Energien – auch mit Wasserstoff – zu diversifizieren", teilt so auch das mitteldeutsche Wasserstoffnetzwerk "Hypos" auf Anfrage mit. Nicht alle Unternehmen, die Wasserstoff benötigten und einsetzen wollten, könnten an ein künftiges H2-Transportnetz – das Kernnetz – via Pipeline angeschlossen werden, heißt es. Hier brauche es auch alternative Optionen wie zum Beispiel Wasserstoff-Hubs.

So ein Hub entsteht gerade in Erfurt. Denn nicht nur für die energieintensive Industrie kann sich die Umstellung auf Wasserstoff lohnen. Auch der Güterverkehr kann davon profitieren. Am Güterverkehrszentrum Erfurt soll der H2-Hub dafür sorgen, dass Lkws mit Wasserstoffantrieb schnell wieder auf die Straße können. Experten gehen davon aus, dass die Wasserstofftankstelle für Brummis bis Anfang 2025 fertiggestellt ist. Versorgt werden soll der Hub über die Gasleitung vom Thüringer Becken nach Erfurt, die auf Wasserstoff umgestellt werden kann.

Karte Wasserstoff-Kernnetz Mitteldeutschland
Die Karte zeigt, welche Abschnitte des geplanten künftigen Wasserstoff-Kernnetzes durch Mitteldeutschland führen. Zu sehen auch die Leitung bei Erfurt. Bildrechte: FNB Gas

Vernetzung – das Gebot der Stunde

Nicht jedes Unternehmen kann sich einen Elektrolyseur und womöglich noch eine Wind- oder Solarstromanlage aufs Firmengelände stellen. Anschaffungskosten im Millionenbereich sprengen schnell den Rahmen der Wirtschaftlichkeit. So lange keine Pipelines das grüne Gas durchs Land pumpen, ist also Kreativität gefragt. Viele kleine und mittelständische Unternehmen in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt versuchen daher, sich lokal oder regional zu vernetzen.

In Thüringen trifft sich in regelmäßigen Abständen die Allianz für Wasserstoff in der Industrie, ThAWI. Das Netzwerk wurde vom Thüringer Wirtschaftsministerium ins Leben gerufen und wird von der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur GmbH, der ThEGA, koordiniert. Philipp Pylla ist Projektleiter und betreut das Wasserstoff-Netzwerk im Freistaat: "Hier treffen sich regelmäßig viele verschiedene Unternehmen, sowohl Komponenten-Hersteller und Dienstleister, aber eben auch potenzielle Wasserstoff-Anwender seitens der Industrie. Und die haben großen Bedarf an Wasserstoff."

Dass der Bedarf bei den Unternehmen groß ist, ergab schon letztes Jahr eine Machbarkeitsstudie vom Verbund "Metropolregion Mitteldeutschland" und von "Hypos". Die Untersuchung kam zu dem Schluss, dass es ein länderübergreifendes Wasserstoffnetz für Mitteldeutschland brauche. Den Bedarf der Unternehmen für das Jahr 2040 beziffert die Studie auf 20 Terawattstunden (TWh). Erzeugt werden könnten in der Region aber nur rund 2,5 TWh grüner Wasserstoff. Der Rest soll über das Leitungsnetz zu den mitteldeutschen Unternehmen gebracht werden – aus anderen Regionen Deutschlands oder aus dem Ausland.

Wir haben drei Produktionslinien. Zwei davon haben wir für circa vier Millionen Euro ertüchtigt, um Energie zu sparen. Das heißt, wir haben den Energieverbrauch einmal um 30 Prozent und einmal um 18 Prozent reduziert und könnten in diesen Anlagen durch den Umbau jetzt auch schon Wasserstoff einsetzen - wenn er denn da wäre.

Rainer Rohde Werksleiter Steinzeug-Keramo Bad Schmiedeberg

In dieses Netz will auch Rainer Rohde. Er ist Werksleiter bei der Steinzeug-Keramo GmbH in Bad Schmiedeberg. Die Firma stellt Abwasserrohre aus Ton her. In der Produktion braucht das Unternehmen viel Energie und einen Energieträger, der für Temperaturen bis 1.130 Grad Celsius sorgen kann. Vier Millionen Euro hat das Unternehmen laut Rohde in die Hand genommen, um zwei der drei Produktionslinien sparsamer zu gestalten. Man könnte "in diesen beiden Anlagen durch den Umbau jetzt auch schon Wasserstoff einsetzen – wenn er denn da wäre", erklärt er im Gespräch mit MDR AKTUELL. Das Werk ist einer von 200 mittelgroßen Betrieben in Europa und den USA, die zum österreichischen Unternehme Wienerberger AG gehören. "Wir sind deswegen der 'Metropolregion' beigetreten, weil wir natürlich in dieses Wasserstoffnetz Mitteldeutschland rein wollen."

Ofen im Werk von Steinzeug-Keramo
Ein Ofen im Werk von Steinzeug-Keramo. Zum Brennen der Abwasserrohre werden Temperaturen über 1.000 Grad Celsius benötigt. Noch läuft der Ofen mit Erdgas. Bildrechte: Steinzeug-Keramo, Werk Bad Schmiedeberg

Wasserstoffkongress soll neue Impulse bringen

Wie wichtig dem Unternehmen der Anschluss ist, wird Rohde auch auf dem inzwischen dritten Mitteldeutschen Wasserstoffkongress erzählen, wo er einen Pitch halten wird. Am Mittwoch kommen in Freyburg an der Unstrut Vertreterinnen und Vertreter dutzender Firmen, Netzbetreiber, von Forschungseinrichtungen und aus der Politik zusammen, um sich über Beschaffung, Gewinnung, Verteilung und die Potenziale von und für Wasserstoff in der Region auszutauschen.

Rainer Rohde, Werksleiter Steinzeug-Keramo in Bad Schmiedeberg
Rainer Rohde, Werksleiter Steinzeug-Keramo in Bad Schmiedeberg, wünscht sich für seinen Betrieb eine baldige Versorgung über ein mitteldeutsches Wasserstoffnetz. Bildrechte: Steinzeug-Keramo, Werk Bad Schmiedeberg

Rainer Rohde hofft, dort auch dem Bundeswirtschaftsministerium etwas mitgeben zu können: "Wir sind kein Mega-Player wie Thyssenkrupp mit einem großen Standort, sondern wir haben mehrere hundert Werke, die eben verteilt sind in der Fläche. Und dafür brauchen wir Infrastruktur." Auf dem Kongress wolle er dafür werben, dass es Investitionen in die Infrastruktur geben wird. Der Tor-Hersteller Hörmann ist nach eigenen Angaben eingeladen, um über die Erfahrungen beim Herstellen und Speichern von Wasserstoff mit dem eigenen Elektrolyseur zu berichten.

Die "Metropolregion Mitteldeutschland" und "Hypos" organisieren den länderübergreifenden Kongress gemeinsam. Letztlich geht es darum, die Interessen Mitteldeutschlands beim Aufbau eines nationalen und europäischen Wasserstoffnetzwerks zu vertreten und den Standort – auch vor dem Hintergrund des Strukturwandels – zukunftsfähig aufzustellen. Es geht aber auch darum, nicht abgehängt zu werden. So hat Chemnitz jüngst beklagt, nach derzeitigem Stand keinen Anschluss an das geplante nationale Kernnetz zu bekommen. Auch Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig will das so nicht akzeptieren.

Umfassenden Aufschluss über die Anschlussbedarfe der mitteldeutschen Unternehmen soll eine Studie geben, die Anfang Juli an den Start gegangen ist. Im Auftrag von 54 privatwirtschaftlichen und öffentlichen Partnern sollen unter anderem die "Metropolregion Mitteldeutschland" und "Hypos" herausfinden, wie ein regionales Verteilnetz der Zukunft aussehen kann – also das kleinteilige Netz, das den Wasserstoff vom Kernnetz zum Industrieverbraucher bringt. Anfang kommenden Jahres sollen die Ergebnisse auf dem Tisch liegen. Genau dann, wenn auch der Bund die endgültige Entscheidung über den Bau des Wasserstoff-Kernnetzes treffen will.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. August 2023 | 06:05 Uhr

27 Kommentare

martin vor 26 Wochen

Einem Aspekt Ihres Beitrags kann ich zustimmen: Wenn wir die Menge russischen LNG als Pipelinegas bekämen, dann wäre das ökonomisch und ökologisch sinniger.

Den Rest Ihres Beitrags halte ich für so zutreffend, wie Ihre Behauptung, dass wir 8 AKW wieder in Produktion nehmen könnten. Selbst bei den letzten 3 wollen das die Betreiber aus sehr nachvollziehbaren Gründen nicht mehr.

martin vor 26 Wochen

Falsch werte Mitkommentatorin: Viele von uns werden zukünftig eAutos aus China fahren, weil zu dem Thema dort die Innovationsmusik spielt. Mit den Arbeitsplätze in unserem Automobilbau und unserer Zulieferindustrie wird es so gehen, wie es den Stellmachern / Wagnern erging, als auf Stahlkarosseriebau umgestellt wurde, wenn weiterhin so fröhlich auf "weiter so" gesetzt wird.

der Demokrat vor 26 Wochen

Ja weite Teile der Wirtschaft sind bereit für den Umstieg auf Wasserstoff. Der muss jetzt nur noch kommen.
Das die ewig Gestrigen weiter gegen jede Veränderung wettern das wird sich wohl nie ändern. Daran sollte man sich aber nicht groß stören.

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